https://www.faz.net/-gqz-9r58k

Raubkunst in Paris : Strohmänner, Profiteure und Möbelwagen vor den Häusern

  • -Aktualisiert am

Emmanuelle Polack stellt im Buch Karten und Listen als Anhänge ihrer illustrierten Kapitel zur Verfügung und, über ein Register hinaus, auch ein Abc der Protagonisten. Es verzeichnet mehr als 150 namhafte NS- oder Vichy-Funktionäre, Kunsthändler, Auktionatoren, Sachverständige, Sammler und zahlreiche Strohmänner, nur die Spitze eines Eisbergs. Einmal mehr wird deutlich, dass sich zwar vieles unter Ausschluss der Öffentlichkeit abspielte, aber von ihr doch nicht alles unbemerkt geblieben sein dürfte. Was am Jeu de Paume gelagert oder in Kisten von der Gare du Nord mit Zügen ins Deutsche Reich gebracht wurde, war Passanten kaum nachvollziehbar. Aber was vor Wohnhäusern und Kunsthandlungen eingeladen und dann – besonders vor dem Auktionshaus Hôtel Drouot – auf den Trottoirs abgeladen wurde, war nicht immer völlig zu übersehen. Speditionen erlebten eine Blütezeit und transportierten Möbel und Antiquitäten, Klaviere, Bilder Alter Meister und der Klassischen Moderne.

Seit 1941 prangten am Hôtel Drouot Schilder, die Juden den Zutritt strengstens untersagten, bevor dort spätestens 1943 Plakate Versteigerungen jüdischen Eigentums ankündigten; schon 1942 hatten solche stattgefunden. Im lange unbesetzt gebliebenen südöstlichen Teil Frankreichs waren die Verhältnisse nicht wesentlich anders, weil die Pétain-Regierung von Vichy aus nachhalf, bis hin zur Côte d’Azur. Noch vor seiner deutsch-italienischen Besatzung von November an fand im Juni 1942 in Nizza die Auktion des Besitzes von Armand Isaac Dorville statt. Der jüdische Jurist und Sammler war gestorben, und seine Erben galten als „nicht handlungsfähig“. Auch mit der Sammlung der Witwe des Sammlers John Jaffé wurde in Nizza, an dem Erben vorbei, kurzer Prozess gemacht.

Zweifelsohne profitierten bei den Versteigerungen Akteure aus dem Deutschen Reich und Kollaborateure aus Frankreich, aber auch aus den Nachbarländern, ja weltweit, von der bewusst oberflächlich oder irreführend formulierenden Katalogisierung und von der Verschleierung der Provenienzen, im Jargon des Pariser Kunstmarkts „ravalage“ genannt: dies zunächst finanziell, später – auf Kommissariaten und vor Gericht – um auf freiem Fuß zu bleiben.

Polack schließt mit einem Blick auf die Geschichte der Aufarbeitung in Frankreich. Sie beginnt 1944/45 mit Rückführungen und ersten Restitutionen. Doch viele Eigentümer und ihre Angehörigen waren ermordet worden oder stellten keine Forderungen: Aktiv nach ihnen gesucht wurde nicht, die Vierte Französische Republik wartete ab, bis sich jemand meldete. Verhört wurden nur wenige Käufer, Auktionatoren, Galeristen, Strohmänner und Beamte, kaum jemand musste mit Schlimmerem rechnen als mit Nachforderungen des Fiskus. Als wäre nichts gewesen, führte mancher Auktionator jetzt Benefizversteigerungen zu Gunsten von Waisen der Opfer durch. Schon 1958, zu Beginn der Fünften Republik, die ebenfalls passiv blieb, begannen Kartons mit Archivalien einer vermeintlich abgeschlossenen Epoche Staub anzusetzen. Laurence Bertrand Dorléac, Jahrgang 1957 und jetzt Verfasserin des Vorworts, war eine der Ersten, die sich schon in den achtziger Jahren solchen Kartons zuwandten, und ihre Publikation „L’Art de la défaite (1940–1944)“ von 1993 gilt als Fanal neuerer Forschungen.

Emmanuelle Polack erinnert zudem an eine Rede von Jacques Chirac, die 1995 zu den Auslösern eines profunden Gesinnungswandels zählte. Mit Chirac äußerte sich erstmals ein Staatspräsident zur Mitverantwortung Frankreichs bei der Deportation von Juden. Er räumte unmissverständlich mit dem Glauben auf, es habe in Frankreich nur Mitläufer und vor allem viel Widerstand gegeben. Den folgenden Exkurs hätte man sich etwas ausführlicher gewünscht: von der 1995/96 einsetzenden Aufarbeitung der seit 1949 mit „MNR“ gekennzeichneten – nicht einem Eigentümer zugeordneten und deshalb Museen anvertrauten – Werke bis zur 2018 beschlossenen Gründung einer Koordinations-Abteilung im Kulturministerium. Sie soll die Arbeit der 1999 konstituierten Entschädigungskommission „CIVS“ (Commission pour l’indemnisation des victimes de spoliations de biens culturels pendant l’Occupation) beschleunigen.

Es ist das Verdienst der Autorin, nüchtern darzulegen, dass eine während drei Jahrzehnten bleiern herrschende „Amnesie“, wie es Emmanuelle Polack nennt, die ganze französische Gesellschaft betraf und dass es politischer Weichenstellungen von höchster Stelle bedurfte und weiter bedarf, um dagegen Fortschritte zu machen.

Weitere Themen

Ein Initiator der Moderne

Maler Frédéric Bazille : Ein Initiator der Moderne

Kaum hatte er seinen Vater von seinem Weg überzeugt, zerstörte der deutsch-französische Krieg eine vielversprechende Karriere: Vor hundertfünfzig Jahren fiel der Maler Frédéric Bazille auf dem Schlachtfeld.

Topmeldungen

 Der Sarg des getöteten Wissenschaftlers am Sonntag in der iranischen Stadt Mashhad

Mord an Atomwissenschaftler : Ein Stich ins iranische Herz

Der „Vater“ des iranischen Atomprogramms wird Opfer eines Anschlags. Kaum jemand zweifelt daran, dass Israel dahinter steckt. Das Attentat ist auch ein Fingerzeig für Joe Biden und seinen Umgang mit Iran.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.