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Kunstberater vor Gericht : Die Kunst, in Kunst zu investieren

In Essen wird der Betrugsprozess gegen den Kunstberater Helge Achenbach fortgesetzt. Sein Teilgeständnis offenbart, wie in der Kunstwelt großes Geld gemacht wird.

          Im sehr trostlosen Eingangsbereich des Essener Landgerichts steht eine Palme, die so dürr und zittrig aussieht, als sei sie selbst angeklagt, als sei sie Teil der Verschwörung, um die es hinter den Türen des Gerichtssaales geht. Auch dort drinnen wird von Palmen geredet, von einem Flug mit einem gemieteten Privatjet nach Miami, zur Kunstmesse der Art Basel, zu der der Kunstberater Helge Achenbach den Aldi-Erben Berthold Albrecht einlud. Und das sei sehr teuer gewesen, erklärt Achenbach, als er an diesem Morgen im unfreundlichen Neonlicht des Verhandlungssaales 101 seine Einlassung vorträgt.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Achenbach ist angeklagt. Es geht, wenige Jahre nach dem Fall des Fälschers Wolfgang Beltracchi, um den größten Betrugsskandal des deutschen Kunstmarkts. Es geht um Champagnersausen und Bentleys und Galerieparties im weichen Sand, um Millionendeals mit Kunst, Sehnsucht nach Glamour, Betrügereien und ein überhitztes Kunstsystem, dessen Mechanik selten so deutlich wurde wie hier, wo eine ihrer zentralen Figuren leider gezwungen ist, die Karten aufzudecken. Was der Kunstberater, Eintüter und Chefimpresario Achenbach, der zahlreichen vermögenden Privatkunden Kunstsammlungen zusammenstellte, über die Kunstwelt als Wertbildungssystem mit abenteuerlichen Gewinnspannen erzählt, das lässt auch alle anderen Beteiligten, die Museen vor allem, nicht gut aussehen. Sie alle stehen da als Teile einer Maschine, die konstruiert wurde, um aus Kunst vor allem Geld zu machen.

          Auf der Anklagebank sitzt neben Achenbach sein ehemaliger Kompagnon Stefan Horsthemke, mit dem er von 2011 bis zu dessen Abwicklung den Kunstfonds „Berenberg Art Advice“ betrieb. Beide tragen vergleichbare, scheinbar vom Fahrtwind gestaltete Cabrio-Frisuren, das Haar fällt elegant auf den Kragen. Beide sehen im Neonlicht des Saales ein bisschen blass aus, „als ob sie durchgefeiert haben“, sagt einer der Zuschauer. Gefeiert wird aber nicht mehr. Seit sechs Monaten sitzt Achenbach in Untersuchungshaft, seine Kunstsammlung und seine Autos wurden beschlagnahmt, mehr als hundert Anspruchsteller kommen auf Forderungen von zusammen fünfzig Millionen Euro. Für den Aldi-Nord-Erben Berthold Albrecht hat Achenbach zwischen 2009 und 2011 für insgesamt etwa 120 Millionen Euro Kunst und Oldtimer gekauft.

          Ohne schriftliche Vereinbarungen

          Bei 22 Kunstwerken und Luxus-Oldtimern soll Achenbach Albrecht um 22,5 Millionen Euro betrogen haben, das wäre eine Million Euro pro Objekt. Zusammen mit Horsthemke soll Achenbach mindestens zwei Kunden betrogen haben, den Unternehmer Christian Boehringer um rund 1,2 Millionen Euro, ein Ehepaar um 600000 Euro. Als die Berenberg Bank von diesen Vorgängen erfuhr, wickelte sie das Kunstgeschäft schamvoll und leise ab und informierte die Erben des verstorbenen Albrecht, die schließlich Strafanzeige stellten: So begann das Ende des Systems Achenbach.

          Reiche Menschen mit Discounterhintergrund verfielen Achenbachs Charme besonders schnell, ein bisschen erinnert auch die Faszination seiner übrigen solventen Kundschaft für den sprühenden, im Privatjet nach Miami düsenden Achenbach an die berühmte Szene in „Kir Royal“, wo der rheinische Kleber-Fabrikant Heinrich Haffenloher aus der Provinz nach München kommt, um endlich mal so richtig die Sau rauszulassen. In der misstrauisch gegen Zudringlinge verteidigten, auf ihre Weise kargen Welt des extremen Reichtums muss Achenbach gewirkt haben wie der charmante Bad Boy auf dem Schulhof, der schon raucht und die Typen mit den dicken Motorrädern kennt. Achenbach nahm seine Kunden mit in eine Welt, die es in Polo- und Golfclubs nicht gab: das Glitzern der VIP-Sammlerlounges, die netten Galeristen mit ihren Parties, die Bässe, Abendkleider aus nepalesischer Spezialseide, so nice to meet you – Wer war das? – Eine Galeristin aus Guatemala. Aha! Und was nehmen die da hinten in der Ecke jetzt für ein Zeug?

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