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„Provenienz Speer“ : Van Ham versteigert ein Bild, das einst Albert Speer gehörte

  • -Aktualisiert am
          2 Min.

          Das etwas schlampige Verzeichnis der Sammlung, die Anfang der achtziger Jahre aus dem Erbfall einer Familie Frank in Mexiko dem Kölner Auktionshaus Lempertz angeboten wurde, sah zunächst nicht vielversprechend aus - aber dann war der junge Mitarbeiter Henrik Hanstein schnell von der Qualität der Werke überrascht; Schinkel, Klenze, Schleich, Frey, Böcklin, Fries, Schirmer und Kuntz - ausgesucht schöne Arbeiten, vor allem aus der Frühromantik.

          Doch seinem Kollegen Paul Wallraf war die Kollektion nicht geheuer. „Das gefällt mir nicht - alle Bilder haben diese Rahmen“, sagte der ältere Kunsthistoriker, der den „neoklassizistischen Geschmack, der bei den NS-Größen in Berlin en vogue war“, erkannte. Eine Leinwand von Arnold Böcklin ließ sich zweifelsfrei dem Werkverzeichnis zuordnen - aber die Campagna-Landschaft galt als verbrannt, wie die gesamte Sammlung ihres Besitzers: Albert Speer.

          Wenn ein Vierteljahrhundert nach dem Wiederauftauchen der Gemälde eine „Landschaft“ von Jakob Philipp Hackert im Kölner Auktionshaus Van Ham versteigert wird, dann ist diese Sammlung wieder in den Kreislauf des Kunstmarkts zurückgekehrt - und das überwiegend unerkannt: eine „Provenienz Speer“ trägt keines der Bilder: Obwohl doch die Zeile „Galerie Karl Haberstock, Berlin“ Kennern anzeigt, daß ein Werk einst zum Bestand des Chefeinkäufers von Adolf Hitler gehört hat, meint der Regisseur Heinrich Breloer, der den Verkauf der Kunstsammlung für sein Buch „Die Akte Speer“ recherchiert hat.

          Verbrannt und Verschollen

          Daß Hitlers Rüstungsminister, über dessen Schreibtisch Lanzingers „Fahnenträger“ hing (er zeigt Adolf Hitler als Ritter) und der auch einen eigenhändiges Aquarell Hitlers sein eigen nannte (es zeigt eine gotische Kirche), als Hitlers Architekt nicht nur der Haupt-Kunstkäufer des Dritten Reichs war, sondern auch privat Kunst hortete, ist bekannt. Speer hatte den Kunstschatz während der letzten Kriegswirren seinem Freund Robert Frank übergeben. Der nach Südamerika Ausgewanderte deklarierte später alles als verbrannt und verschollen.

          Speer selbst habe zunächst das Telefon einfach aufgelegt, als der um Klärung der Besitzverhältnisse bemühte Henrik Hanstein ihn anrief, sagt der; in einem Heidelberger Krankenhaus traf Hanstein dann mit zwei Vertretern Speers und einem Anwalt der Familie Frank den Rekonvaleszenten. „Meine Herren - einigen Sie sich irgendwie, ich will keine Publizität“, sagte Speer.

          Man teilte die Sammlung, vierzig bis fünfzig Werke, nach genauer Taxierung im Haus am Wolfsbrunnenweg in zwei Hälften. „Dank Ihrer Recherche bin ich da besser rausgekommen, als zu erwarten gewesen wäre“, bedankte sich Albert Speer danach beim jungen Auktionator und schenkte ihm ein kleines Bild.

          Cherchez la femme

          Die Erben Robert Franks verkauften sofort, Speer selbst lieferte bis zu seinem Tod, jahrelang, „peu à peu“ ein und fuhr stets in seinem NSU RO80 bei der Galerie am Kölner Neumarkt vor, um sich das Geld in bar auszahlen zu lassen. „Er hat nie eine Unterschrift geleistet“, erinnert sich Hanstein, „wir haben jedesmal vier oder fünf Zeugen geholt.“ Das war vorausschauend; denn nach dem Tod Speers meldete sich die Familie: Offensichtlich hatte der Verstorbene nichts von den Erlösen abgeliefert.

          Als Henrik Hanstein befürchtete, von dem Geld, insgesamt knapp einer Million Mark, habe der alte Herr vielleicht „Seilschaften“ unterstützt, beruhigte ihn Kollege Wallraf: „Cherchez la femme“, meinte der. Von Speer ist bekannt, daß er während seiner letzten Jahre in den Armen eines Londoner Au-pair-Mädchens die Liebe wiederentdeckte.

          Vor keiner Versteigerung hatte Lempertz, Speers Wunsch folgend, die Herkunft aus der Sammlung angegeben. Nur für das Gemälde von Arnold Böcklin war diese bekannt. Es wurde nicht verkauft, weil es Spuren hätte legen können; als Stiftung hängt es heute in Düsseldorf. Während der Andernacher Sammler, der die Leinwand von Jakob Philipp Hackert im Jahr 1981 ersteigert hatte, auf den Vorbesitzer hingewiesen wurde, lieferte nun eine neue Generation Erben das Bild ein, ohne die „Provenienz Speer“ anzugeben - und heute erkennt wohl niemand mehr die Kollektionen eines Nationalsozialisten am Rahmen.

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