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Promis und Kunst : Was Miami weiß

Schau, Kate Moss ist auch da: In der Welt der Reichen und Klugen peilt der Easy-Jet-set die Messen im Gegenwartskunstrausch an. Warum jetzt alle Kunstsammler werden wollen - und warum die Kunstwelt bald zerfällt.

          Früher hatte jedes Jahrzehnt sein Zentrum der Kunst: Paris war es in den zwanziger, New York in den fünfziger Jahren, aber seit einiger Zeit liegt das Zentrum der Gegenwartskunst eindeutig ganz woanders, nämlich auf den internationalen Flughäfen: Wer in der durchglobalisierten Kunstwelt einigermaßen mitbekommen möchte, was passiert, muß mindestens zur Whitney-Biennale oder Armory Show nach New York, zur Art Basel, zur Istanbul-Biennale, aufs Berliner Art Forum, auf die Londoner Frieze, zur Art Cologne, zur Fiac und nach São Paulo, bevor die Pilgerfahrt in den lustigen Maelstrom aus Champagner, Popstar-Irrsinn und Geldlawinen in Miami Beach beginnt.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Darüber hinaus dürfen auch die großen Ausstellungen nicht ausgelassen werden, weswegen es sehr erstaunlich ist, daß die Kunstwelt bei der ganzen Hin- und Herfliegerei überhaupt noch zum Landen, Verkaufen, Produzieren und Feiern kommt. Daß sich überhaupt so viele Leute die ganze Fliegerei leisten können, liegt unter anderem am drastischen Verfall der Flugpreise, und so hat sich in der Kunstwelt eine Art Easy-Jet-set herausgebildet, der wie ein monumentaler Karnevalszug um die Welt donnert, verfolgt von Unmengen an Geld, angeführt von einigen Meistern des Betriebs, die das mittelalterliche Prinzip der Wanderherrschaft für sich neu entdeckt haben: Es gibt Kuratoren, die man nur noch auf Flughäfen antrifft, und wehe dem, der zur falschen Zeit am falschen Flughafen und nicht zur Stelle ist, wenn Bryan Ferry auf der Frieze ein Privatkonzert bei Jay Jopling gibt.

          Magische Matadoren

          Macht im Kunstbetrieb bedeutet, den internationalen Partykalender zu kennen. Das plötzliche Erscheinen der ortlosen Matadoren auf Ausstellungen und Messen verleiht ihnen etwas Magisches, und so ist es kein Wunder, daß Popstars und Models zu Kunstmessen wie zu Gottesdiensten anrücken. Auf der diesjährigen Frieze sah man Modemacher Valentino und Gwyneth Paltrow, Kate Moss und Claudia Schiffer wie Vertreter einer besiegten Armee herumlaufen; die Kunstwelt saugt den Glamour aus Pop und Mode auf - was nicht ginge, wenn „der Künstler“ nicht die letzte Bastion einer ungebremsten Heldenverehrung wäre.

          Alle Entzauberungsversuche von Pop-art, kritischer Theorie und systematischer Aufweichung von High und Low konnten der Enthobenheitsaura des Künstlers offenbar nichts anhaben: Wie im 19. Jahrhundert wird er als romantische Existenz jenseits aller gesellschaftlichen Normalität bewundert, als Einsiedler in eisigen ästhetischen und intellektuellen Höhen, und zu jedem Künstler raunt man unten im Tal der Messen die wildesten Gerüchte und Anekdoten: Neo Rauch lande manchmal mit seinem Sportflugzeug in Berlin-Tempelhof; Robert Rauschenberg habe hinter seinem Haus einen Stapel aus Whiskeyflaschen, der so hoch wie das Haus sei; die Künstlerin K. S. habe ihr Alter großzügig nach unten korrigiert und nun ein Problem, ihre Pensionierung als Professorin zu vertuschen; der junge Künstler Jason Rhoades sei am Ende einer Kokain-Nacht gestorben, und übrigens würden der Künstler X und der Galerist Y ja noch viel mehr Kokain nehmen - und gerade für Neuankömmlinge trägt all dieses Geraune erheblich zum Bild einer verlockenden und wilden Welt bei.

          Ausstellungs-GAU im Jahr 2007

          Daß für nächstes Jahr - wenn kein Platzen der vielbeschworenen Kunstmarkt-Blase, so doch - etliche Kreislaufzusammenbrüche zu befürchten sind, liegt daran, daß an wenigen, aufeinanderfolgenden Tagen im Juni 2007 der Ausstellungs-GAU aus Documenta, Art Basel, Kunstbiennale Venedig und Skulptur Projekte Münster stattfindet. Und auch wenn man ein sonniges Gemüt und unbegrenztes Vertrauen in die Produktivität eines sich wie ein atomarer Hefeteig ausdehnenden Kunstbetriebs hat, ist doch schwer vorstellbar, woher die Massen an neuer Kunst kommen sollen, die hier gezeigt werden müssen. Ist es ein Zeichen, daß einer der ersten „Künstler“, die der Documenta-Leiter Roger M. Buergel als Teilnehmer der nächstjährigen Weltkunstschau bekanntgab, ein Koch aus Spanien ist?

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