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Prestigeauktionen mit Garantie : In der Arena von New York

Christie’s und Sotheby’s kämpfen mit allen Mitteln um die Käufer: Bei den viel beachteten Versteigerungen mit Impressionismus, Moderne und nun auch Gegenwartskunst wird hoch gepokert.

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          So viel Garantie war noch nie wie jetzt bei den New Yorker Prestigeauktionen mit Impressionismus, Moderne und auch mit Gegenwartskunst. Antrieb für diese Form des Zockens auf finanziellem Hochplateau ist die immer schärfer werdende Rivalität zwischen den marktführenden Häusern Christie’s und Sotheby’s - der Firma im Besitz des französischen Luxusunternehmers François Pinault und dem amerikanischen börsennotierten Unternehmen. „Garantie“ in diesem Geschäft heißt ja, dass das Auktionshaus dem Einlieferer eines Loses einen Mindestpreis zusagt, unabhängig vom Verkauf oder Rückgang dieses Loses. Die dafür nötige Summe bringt entweder das Auktionshaus selbst auf oder eine dritte Person - die eben, sollte das Los oberhalb des garantierten Betrags versteigert werden, einen Anteil am Gewinn daraus erhält.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Am 4. November eröffnet Sotheby’s die Herbstpartie mit der Kollektion des amerikanischen Immobilieninvestors und Milliardärs A. Alfred Taubman. Taubman hatte Sotheby’s 1983 übernommen, als Hauptaktionär und Chairman. Wegen jahrelanger illegaler Absprachen mit der Konkurrenz Christie’s über die Gebühren für rund 130.000 Einlieferer wurde er im Jahr 2002, damals 78 Jahre alt, von einem New Yorker Gericht zu einer Geld- und Gefängnisstrafe verurteilt. In diesem April starb Taubman, und seine ehemalige Firma versteigert seine recht eindrucksvolle Kunstsammlung, die auf mehr als 500 Millionen Dollar geschätzt ist. Dafür soll Sotheby’s dem „Taubman Estate“ eine Rekord-Garantie in Höhe von annähernd 500 Millionen Dollar gewährt haben.

          Im Schatten der Spezialauktion befindet sich das Spitzenlos

          Es geht um insgesamt mehr als 500 Objekte, von Alten Meistern bis in die Gegenwart, die in vier Tranchen zwischen November 2015 und Januar 2016 auktioniert werden. Die 77 Lose der ersten Tranche mit klassisch modernen Werken, denen ein imposanter Katalog gewidmet ist, der Taubman als „American Gentleman“ und Connaisseur rehabilitieren soll, kommen unter dem Titel „Masterworks“ in einer eigenen Abendauktion unter den Hammer. An der Spitze stehen Amedeo Modiglianis „Portrait de Paulette Jourdain“ von 1919 und Picassos „Femme assise sur une chaise“, ein Bildnis der Dora Maar von 1938, das zuvor Gianni Versace gehörte, für die jeweils 25 bis 35 Millionen Dollar erwartet werden.

          Naturgemäß im Schatten dieses Aufgebots segelt der eigentliche Impressionist and Modern Art Evening Sale bei Sotheby’s am 5. November. Allerdings firmiert dort das höchstdotierte Los dieser regulären New Yorker Abendveranstaltungen: die umwerfende „La Gommeuse“, die Picasso 1901 in Paris malte. Sie war seit 1984 nicht mehr auf dem Markt; ihr estimate upon request im Katalog ist mit einer Erwartung von mehr als sechzig Millionen Dollar benannt.

          Diese vage Angabe, die auf ein höheres Ergebnis zielt, stellt die mit keiner Garantie abgesicherte Cabaretkünstlerin neben einen, ebenfalls nicht garantierten, Van Gogh; die „Paysage sous un ciel mouvementé“ vom April 1889, seit 1955 in derselben Sammlung, soll fünfzig bis siebzig Millionen Dollar einspielen. Auch sonst sieht es nicht schlecht aus: Da sind Malewitschs „Mystic Suprematism (Black Cross on Red Oval)“, 1920/22 in Öl auf Leinwand und direkt von seinen Erben kommend, die dafür eine Garantie erhielten (Taxe 35/45 Millionen Dollar), oder auch „Nymphéas“ von Monet (30/50 Millionen); endlich Picassos melancholisch kauernder „Nu aux jambes croisées“, ein Pastell auf Papier von 1903 (8/12 Millionen).

          Der Modigliani-Rekord soll gesprengt werden

          Erwartungsgemäß hält Christie’s dagegen. Dort spielt die bisher übliche Abendveranstaltung kaum mehr eine Rolle; sie ist auf den nachklappenden Termin am 12. November geschoben. Ein später Picasso (6/9 Millionen) und ein attraktiver Akt von Magritte sind die Höhepunkte (3/5 Millionen). Dafür hat Christie’s sein Modell des Crossover von Moderne und Gegenwart innerhalb einer Auktion ausgebaut, das die kapitalstärkste Kundschaft an bisher nicht erprobte Kombinationen heranführen soll. Unter dem Motto „The Artist’s Muse. A Curated Evening Sale“ serviert das Haus am 9. November in 34 Losen ein Potpourri des 20. Jahrhunderts zum Thema. Dass nicht jede, von einem Künstler wiedergegebene Frau eine „Muse“ ist, sei hier nur der Ordnung halber angemerkt; aber es geht schließlich ums Geschäft.

          Den Reigen also führt Modigliani an, mit einem kalenderblattnotorischen Gemälde von 1917/18: einem, zugegeben bildschönen, „Nu couché“, der sich seit 1987 in Schweizer Privatbesitz befindet. Es ist vorgesehen, dass dieser, durch eine Garantie gesicherte Akt den bisherigen Modigliani-Rekord, 70,7 Millionen für eine „Tête“-Skulptur vor einem Jahr bei Sotheby’s, sprengen soll; denn anvisiert sind laut Christie’s mehr als hundert Millionen Dollar. Flankiert wird die Liegende unter anderen von Balthus’ bekannter „Lady Abdy“ aus dem Jahr 1935 (9/12 Millionen) oder einer „Woman“ de Koonings von 1952/53 (14/18 Millionen).

          Nicht nur Picassos Artistin von 1903 und Modiglianis Modell von 1917/18 stehen sich in der New Yorker Arena gegenüber. Der Kampf der Giganten geht in eine neue härtere Runde. Langweilig wird das nicht.

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