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Porträt : Im Tal der Versuchungen: Paul Durand-Ruel, Kunsthändler der Impressionisten

  • -Aktualisiert am

Pierre Assouline Buch ist eine Annäherung an Paul Durand-Ruel, dessen Pariser Unternehmen über lange Zeit eine führende Position im frühen Handel mit der Kunst des Impressionismus einnahm.

          3 Min.

          Aus der Geschichte des Impressionismus ist der Name Durand-Ruel nicht wegzudenken. Das Pariser Familienunternehmen hat über lange Zeit eine führende Position im frühen Handel mit der Kunst von Monet, Sisley oder Renoir eingenommen. Bekannt war die Galerie zunächst allerdings für den Absatz von Landschafts- und Stillebenmalerei der Schule von Barbizon und des Realismus - für Corot und Rousseau, Courbet oder Bonvin. Durand-Ruel vertrat höchst unterschiedliche Temperamente und Richtungen: Dazu gehörten Bouguereau wie Manet und Puvis de Chavannes.

          Die Dynastie geht auf Jean-Marie Fortuné Durand und seine Frau Marie-Fernande Ruel zurück, die einen Schreibwarenhandel in Paris im Quartier Latin betrieben. Als ihr 1831 geborener Sohn Paul-Marie Joseph in das Geschäft eintrat, hatte die Firma ihr Sortiment schon um Künstlerbedarf und Rahmen erweitert und erste Erfahrungen im Kunsthandel - mit Aquarellen - gemacht. Gegen Pinsel, Paletten und Farben erhielt das Unternehmen manches Werk als Pfand oder Zahlungsmittel, und allmählich wurde dies zum Motor einer eigenen Sammlung und Neuorientierung. Der Laden in der Rue Saint-Jacques auf der Rive Gauche wurde bald schon von Sammlern aufgesucht; doch höchst respektable Adresse wurde Durand-Ruel erst mit dem Umzug auf die Rive Droite und in das damalige Viertel des Kunsthandels im heutigen 9. Arrondissement.

          Ein Riecher für Zukunftswerte

          Sitz des Unternehmens wurde das „Tal der Versuchungen“, wie man in Paris die Rue Laffitte nannte. Miete und Umbau der Räume verschlangen horrende Summen, es schien lange, als habe sich die Investition in Äußerlichkeiten nicht gelohnt. Förderlich waren zwar Kontakte zu bedeutenden und finanzkräftigen Sammlern, wie zu Khalil Bey, dem extravaganten „Boulevardtürken“ (der 1866 an Courbet den Auftrag für das berühmte Bild „L'Origine du Monde“, heute im Pariser Musée d'Orsay, gab), oder zum Duc d'Aumale, dem „Vater“ des Musée Condé in Chantilly. Unerläßlich aber waren Kredite verschiedener Bankiers, die Paul Durand-Ruel politisch nahestanden. Sie schienen darüber hinaus erkannt zu haben, daß er über ein gutes Auge und einen Riecher für Zukunftswerte verfügte.

          Um den Folgen des Kriegs und der Commune zu entgehen, wählte Durand-Ruel 1870/71 das Exil und gründete Dependancen in Brüssel und London. Waren diese Jahre für Durand-Ruel politisch eine Katastrophe und geschäftlich schwierig, so zog er aus den Erfahrungen, die er mit den Niederlassungen machte, doch auch Profit: vor allem für die spätere Expansion des Unternehmens, die dem ungeahnte Ressourcen freisetzenden amerikanischem Markt galt, wie sich noch heute am Bestand dortiger Museen an französischer Kunst ablesen läßt.

          Eine Schicksalsgemeinschaft

          Durand-Ruel hatte über die Begegnung mit dem Werk von Manet zur Kunst derer gefunden, die man 1874 „Impressionisten“ schimpfen würde. Niemand vor ihm hat mit ähnlicher Energie und mit vergleichbar finanziellem Risiko ganze Konvolute, Atelierbestände oder Sammlungen aufgekauft und Künstlern Garantien angeboten. Doch dauerhafter Erfolg blieb lange aus; sein Magazin leerte sich kaum. Wirtschaftlich flaue, geradezu bedrohliche Zeiten wurden für ihn zum Hemmschuh und lähmten umgekehrt seine Künstler. Es war zu einer Schicksalsgemeinschaft gekommen: Der Galerist mußte sich nicht nur die Miseren der Maler anhören und gleichzeitig alte Kunden beschwichtigen, denen sein Eintreten für junge Progressive suspekt war; er mußte auch scharfzüngige Kritiker und vor allem die Konkurrenz in Schach halten, von Brame und Tempelaere bis zu seinem größten Rivalen Georges Petit; Bernheim-Jeune, Wildenstein und Vollard traten erst um oder nach 1900 als Händler für Impressionisten auf den Plan.

          Rettung aus New York

          Im Hôtel Drouot verbreiteten sich Gerüchte über die unmittelbar bevorstehende Liquidation, und tatsächlich war Durand-Ruel - geschwächt durch Affären, wie der um einen gefälschten Daubigny, in die er als Diffamierter geriet - mehrfach nah dran, das Handtuch zu werfen. Die Rettung kam durch die Gründung einer Dependance an der Fifth Avenue in New York und mit dem Aufbau von Kontakten zu wohlhabenden Sammlern dort. Um 1890 begann Durand-Ruels Rechnung aufzugehen. Zwar hatte sich mancher Künstler nicht so lange hinhalten lassen. Doch man verstand auch, daß die Durchsetzung der „nouvelle peinture“ erst mit zeitlichem Abstand und nach dem Auftreten „extremerer“ Erscheinungen - wie dem Neoimpressionismus oder der späten Kunst von Van Gogh, Cézanne und Gauguin - gelang.

          Ohne Unterstützung der Familie

          Im Jahr 1922 starb Paul Durand-Ruel. Bis heute steht eine Studie über ihn, der der Avantgarde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Weltgeltung verschaffte und in seiner Wohnung an der Rue de Rome eine bemerkenswerte Privatsammlung wöchentlich zur Besichtigung öffnete, noch aus. Denn auch Pierre Assouline, dem schon Bücher über den Händler Kahnweiler und den Sammler Isaac de Camondo zu verdanken sind, gelang es nicht, alle Familienmitglieder für sein Vorhaben zu gewinnen und das Firmenarchiv der noch bestehenden Galerie auszuwerten. Er stellt souverän Zusammenhänge her und fügt Bekanntes geschickt zu einem unterhaltsamen Auffrischungskurs in Impressionismus-Geschichte.

          Eine gelungene Annäherung

          Assouline skizziert in seinem Buch, das keine Fußnoten und Abbildungen hat, aber eine Genealogie, eine umfangreiche Bibliographie und ein Register, die politischen Überzeugungen, familiären Tragödien und die künstlerischen Ideale des Kunsthändlers: Der Privatmann Durand-Ruel trauerte dem Ancien Régime und dem Königtum nach, empfand die Commune, die Dritte Republik und die Trennung von Staat und Kirche als Verfall; der Galerist begeisterte sich für die Werke von Künstlern, die oft anarchistische, laizistische oder republikanische Auffassungen vertraten. Endlich wird deutlich, daß dieser neue Typus des Kunsthändlers doch Gauguin, Cézanne und Matisse verkannt hat. Am Ende des Buchs kennt man Durand-Ruel noch immer nicht ganz: Assouline ist eine schön geschriebene Annäherung gelungen. Der Mann selbst aber bleibt seltsam blaß - als habe die kühle Distanz, die Zola ihm nachsagte, ihre Macht behalten.

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