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Porträt : Erbepfleger: Der Berliner Kunsthändler Florian Karsch wird achtzig

Nach Abschluß seiner Doktorarbeit zur Gottesanbeterin übernahm Florian Karsch die Berliner Galerie seiner Onkel Karl und Josef Nierendorf. In fünf Jahrzehnten galeristischer Tätigkeit gelang es dem Seiteneinsteiger, das problembeladene Erbe in den Kreislauf privat wie museal begehrter Kunstgüter zurückzuführen.

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          Im Begriff, die Fachwelt im Rahmen einer Doktorarbeit mit frischen Erkenntnissen über die Fangheuschrecke Mantis religiosa, die mysteriöse „Gottesanbeterin“, zu verblüffen, rief sich der Zoologie-Student Florian Karsch Rat und Bitte seines angeheirateten Onkels Karl ins Gedächtnis - nämlich „neuen Auftrieb in die Galerie Nierendorf zu bringen“: „Es scheint mir, daß Du als Persönlichkeit stark genug bist, um Dich mit Kunsthandel & Verlagsideen zu beschäftigen“, lautete der Lockruf, mit dem sich der 1936 nach Amerika ausgewanderte Galerie-Gründer wenige Wochen vor seinem Tod im Oktober 1947 an seinen Neffen gewandt hatte.

          Camilla Blechen
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Statt sein berufliches Fortkommen auf dem Feld der Wissenschaft zu sichern, trat der Sohn des Bildhauers Joachim Karsch in die Fußstapfen von Karl Nierendorf und dessen Bruder Josef. In fünf Jahrzehnten galeristischer Tätigkeit gelang es dem Seiteneinsteiger, das problembeladene Erbe in den Kreislauf privat wie museal begehrter Kunstgüter zurückzuführen.

          Durch den Zugriff selbstsüchtiger amerikanischer Nachlaßverwalter um einen Großteil von Karl Nierendorfs Galeriebeständen gebracht - unter 554 Bildern von 88 Künstlern befanden sich auch 113 Werke von Paul Klee -, hielt sich Florian Karsch zunächst mit dem wenig lukrativen Verkauf von Druckgraphik über Wasser. Unter den veristischen Künstlern, die während der Vorherrschaft informeller Malerei erneut Kontakt zu ihrem einstigen Stammhaus aufnahmen, waren Otto Dix und George Grosz, dessen Gemälde „Stützen der Gesellschaft“ im Jahr 1958 von Leopold Reidemeister für die Berliner Nationalgalerie erworben wurde.

          Ein Besuch bei dem in Hemmenhofen am Bodensee ansässig gewordenen Dix weckte in Florian Karsch bereits 1960 den Wunsch, ein Werkverzeichnis der Graphik zu erarbeiten, das allerdings erst zehn Jahre später auf den Buchmarkt gelangte. Nicht ganz so aufwendig gestalteten sich die Recherchen bei der Erfassung von Otto Muellers Lithographien und Holzschnitten. Ein dritter Catalogue raisonné gilt dem plastischen Werk von Joachim Karsch, das der Sohn partiell zum Guß freigab, exklusiv vertritt und gegenwärtig - anläßlich des sechzigsten Todestags des Vaters - zusammen mit vierzig Druckgraphiken ausstellt.

          Die zunehmend stabile Geschäftslage erlaubte es Florian Karsch, im Lauf der Jahre eine stolze Reihe von Kunstwerken zur ostumen Übergabe an ein Museum zurückzulegen. Zum Empfänger bedeutender Werke von Kirchner, Otto Mueller, Lehmbruck und Otto Dix bestimmte der Händler die 1975 von Eberhard Roters gegründete Berlinische Galerie.

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