https://www.faz.net/-gqz-rhku

Porträt : Entwicklungshelfer: Karl Nierendorf verhalf der Avantgarde zum Durchbruch

Die Galerie Nierendorf ging als Steigbügelhalter der „Neuen Sachlichkeit“ mit ihrem Leitstern Otto Dix in die Kunstgeschichte ein. Der 1936 nach New York ausgewanderte Karl Nierendorf reüssierte dort mit Werken von Kandinsky und Klee, während sein in Berlin verbliebener Bruder weiterhin mit zeitgenössischer Kunst handelte.

          4 Min.

          Als Steigbügelhalter der „Neuen Sachlichkeit“ mit ihrem Leitstern Otto Dix in die Kunstgeschichte eingegangen, trug die Galerie Nierendorf entscheidend zum Durchbruch der stilistisch wie motivisch revolutionären deutschen Moderne bei. Nach ersten Schritten im Rheinland spielte der gelernte Bankkaufmann Karl Nierendorf, unterstützt von seinem jüngeren Bruder Josef, neben Paul Cassirer, Alfred Flechtheim und Herwarth Walden eine wichtige Rolle im Berliner Kunstbetrieb der Weimarer Republik. Mit Werken von Kandinsky und Klee, den Favoriten seiner reiferen Jahre, reüssierte der 1936 ausgewanderte, elf Jahre später in New York gestorbene Avantgarde-Händler bei Museen und privaten Sammlern in Amerika, während sein in Berlin verbliebener Bruder weiterhin mit zeitgenössischer Kunst handelte.

          Camilla Blechen
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Seit 1963 von Josef Nierendorfs Stiefsohn Florian Karsch umsichtig weitergeführt, firmiert die Galerie seit mehr als achtzig Jahren unter demselben Namen, und noch immer bildet jenes Enfant terrible der zwanziger Jahre, dessen Generalvertretung dem Quereinsteiger ins Kunstgeschäft den Spitznamen „Nierendix“ eintrug, eine Säule der traditionsreichen Adresse für expressionistische, veristische und abstrakte Kunst. Nicht zuletzt, um Ungenauigkeiten in der Firmengeschichte auszuräumen, machte Florian Karsch einer Doktorandin der Freien Universität Berlin das Archiv des Hauses zugänglich. Als besonders ergiebig für die Rekonstruktion der galeristischen Aktivitäten erwiesen sich die Briefe und Tagebücher von Karl Nierendorf.

          Ohne psychologische Einführung

          Unglücklicherweise 1945 verbrannt ist das früheste bildnerische Zeugnis für Karl Nierendorfs Kunsthändlerstart im Kölner Stadthaus. Ohne nennenswerte psychologische Einfühlung in sein Modell ließ Otto Dix seinen Mentor, umgeben von Bildern, vor der von Passanten belebten Stadtkulisse posieren. Stilistisch ausgereifter wirkt das Konterfei des Dermatologen und Urologen Hans Koch, dem Dix die Ehefrau Martha, das „Mutzli“, ausgespannt hatte. Von dem Kölner Sammler Josef Haubrich über Nierendorf erworben, ging die wenig schmeichelhafte Darstellung des kunstsinnigen Arztes 1946 in die Sammlung des Wallraf-Richartz-Museums ein.

          Radierte Schützengraben-Greuel

          Zu den besonderen Verdiensten des Galeristen, der nach eigenem Bekenntnis keinen „inneren Kontakt“ zu seinem als „zynisch, ordinär, grob“ eingeschätzten - jedoch als Künstler verehrten - Schützling aufzubauen vermochte, zählt die Edition der spektakulären „Kriegs“-Mappe, deren Preis im Erscheinungsjahr bei tausend Mark lag, während sie heute kaum noch unter 200 000 Euro zu erwerben ist. Als Nierendorf die in fünfzig Radierungen festgehaltenen Schützengraben-Greuel 1924 in einer Siebziger-Auflage herausbrachte, hatte er durch die Übernahme der Bestände des „Graphischen Kabinetts J.B. Neumann“ bereits in Berlin Fuß gefaßt. Unter den Käufern waren zahlreiche Museen - und der Name des Goya nacheifernden Künstlers in aller Munde.

          Hauskünstler und Pflanzenfotografien

          1925, das Jahr der epochalen Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ in der Mannheimer Kunsthalle, bescherte Nierendorf den Ankauf einer von Dix porträtierten „Witwe“ für 5000 Mark, während die Städtischen Kunstsammlungen Düsseldorf das Bildnis des Dichters Herbert Eulenberg mit 4500 Mark honorierten. Nach dem Umzug vom Kurfürstendamm in die Lützowstraße 32 baten die Brüder Nierendorf zwischen 1925 und 1929 rund dreißigmal zu Ausstellungen. Gezeigt wurden neben den „Hauskünstlern“ Dix, Grosz, Hubbuch, Radziwill, Otto Mueller und Schmidt-Rottluff auch Pflanzenfotografien von Karl Blossfeldt, mit dessen „Urformen der Kunst“ 1928/30 ein Ausflug ins Verlagsgeschäft gelang. Nach Absatz der ersten Auflage überwies Wasmuth 9222 Mark; nach der zweiten fielen sogar 12 000 Mark Honorar an.

          Mit der „Europa“ nach New York

          Die wirtschaftliche Lage der Avantgarde-Vertreter jedoch blieb prekär. Karl Nierendorf quälte sich mit der Frage, wie man vermögende Käufer motivieren könnte, statt in französische Impressionisten, mittelalterliche Gemälde und afrikanische Stammeskunst zu investieren, Werke einheimischer Zeitgenossen zu kaufen. Als Reaktion auf die Überforderung erlitt der Galerist im April 1934 einen Infarkt und mußte längere Zeit im Krankenhaus verbringen. Nach einer vielbeachteten Ausstellung mit überwiegend unverkäuflichen Werken des im Ersten Weltkrieg gefallenen „Blauen Reiters“ Franz Marc kostete Karl Nierendorf die ärztlich empfohlene Seeluft an Bord der „Europa“ aus. In New York angekommen, eröffnete er am 1. Januar 1937 eine Galerie gegenüber dem Museum of Modern Art.

          Bessere Zeiten in Amerika

          Mit der Übersiedlung nach Amerika brachen für den deutschen Kunsthändler endlich bessere Zeiten an. Kandinsky übertrug ihm die Generalvertretung für die Ostküste, Paul Klee und Karl Hofer ließen ihn im ganzen Land walten. Wegen der Importe von Arbeiten Klees galt es, die Konkurrenz von Curt Valentin einzudämmen, der als Vorposten der Berliner Galerie Buchholz in New York Pionierarbeit leisten sollte. Um den Ernst seiner Bemühungen um den Schweizer Künstler zu untermauern, kaufte Nierendorf dessen Pariser Händler Kahnweiler kurzentschlossen ein Konvolut von neunzehn Werken ab. Dem Streit um den Nachlaß des im Sommer 1940 gestorbenen Malers entging er. Die 1947 gegründete Paul-Klee-Gesellschaft überwies ihm 160 Arbeiten im Gesamtwert von 70 000 Schweizer Franken.

          Kein Testament

          Neben Bildern und Plastiken von 88 Künstlern wurde nach dem plötzlichen Ableben Karl Nierendorfs, der am 15. Oktober 1947 einen tödlichen Herzinfarkt erlitt, auch ein Großteil des Klee-Konvoluts beschlagnahmt, da der Kunsthändler kein Testament hinterlassen hatte. Weil zwischen Amerika und Deutschland noch immer Kriegsrecht herrschte, wurde Josef Nierendorf als Haupterbe seines Bruders der Zugriff auf dessen Nachlaß verwehrt. Unter nie ganz geklärten Umständen gelang es der Guggenheim-Foundation, den größten Teil der Kunstwerke unmittelbar vom Staat zu erwerben.

          Nachdem auch Josef Nierendorf am 23. Juni 1949 in Berlin gestorben war, mußte seine Witwe den Rest der Familie mit Einkünften aus einem Kunstgewerbegeschäft unterhalten, zu dessen Offerten Restauflagen von Graphik bedeutender Expressionisten zählten. Als Überbleibsel aus den zwanziger Jahren erinnerten sie an die Glanzzeit einer allem Neuen aufgeschlossenen Kunsthandlung.

          Weitere Themen

          Beschwingte Versammlung

          Ulrike Crespo beschenkt Städel : Beschwingte Versammlung

          Mit einer Sonderausstellung feiert das Frankfurter Städel die außergewöhnliche Geste von Ulrike Crespo, dem Haus ihre wertvolle Sammlung mit Gemälden und Zeichnungen zu schenken. Über das Zustandekommen dieser Sammlung wüsste man gerne mehr.

          Topmeldungen

          „Querdenker“-Demo in Frankfurt Ende November.

          Neue Studie zu Corona : Politische Propaganda für Verschwörungsgläubige

          Die AfD in Deutschland oder Pis in Polen: Eine Studie zeigt, wie europäische Rechtspopulisten Corona nutzen, um gegen den Staat zu agitieren und sich neue Wähler zu erschließen. Doch die Mobilisierung hat Grenzen.