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Porträt : Entwicklungshelfer: Karl Nierendorf verhalf der Avantgarde zum Durchbruch

1925, das Jahr der epochalen Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ in der Mannheimer Kunsthalle, bescherte Nierendorf den Ankauf einer von Dix porträtierten „Witwe“ für 5000 Mark, während die Städtischen Kunstsammlungen Düsseldorf das Bildnis des Dichters Herbert Eulenberg mit 4500 Mark honorierten. Nach dem Umzug vom Kurfürstendamm in die Lützowstraße 32 baten die Brüder Nierendorf zwischen 1925 und 1929 rund dreißigmal zu Ausstellungen. Gezeigt wurden neben den „Hauskünstlern“ Dix, Grosz, Hubbuch, Radziwill, Otto Mueller und Schmidt-Rottluff auch Pflanzenfotografien von Karl Blossfeldt, mit dessen „Urformen der Kunst“ 1928/30 ein Ausflug ins Verlagsgeschäft gelang. Nach Absatz der ersten Auflage überwies Wasmuth 9222 Mark; nach der zweiten fielen sogar 12 000 Mark Honorar an.

Mit der „Europa“ nach New York

Die wirtschaftliche Lage der Avantgarde-Vertreter jedoch blieb prekär. Karl Nierendorf quälte sich mit der Frage, wie man vermögende Käufer motivieren könnte, statt in französische Impressionisten, mittelalterliche Gemälde und afrikanische Stammeskunst zu investieren, Werke einheimischer Zeitgenossen zu kaufen. Als Reaktion auf die Überforderung erlitt der Galerist im April 1934 einen Infarkt und mußte längere Zeit im Krankenhaus verbringen. Nach einer vielbeachteten Ausstellung mit überwiegend unverkäuflichen Werken des im Ersten Weltkrieg gefallenen „Blauen Reiters“ Franz Marc kostete Karl Nierendorf die ärztlich empfohlene Seeluft an Bord der „Europa“ aus. In New York angekommen, eröffnete er am 1. Januar 1937 eine Galerie gegenüber dem Museum of Modern Art.

Bessere Zeiten in Amerika

Mit der Übersiedlung nach Amerika brachen für den deutschen Kunsthändler endlich bessere Zeiten an. Kandinsky übertrug ihm die Generalvertretung für die Ostküste, Paul Klee und Karl Hofer ließen ihn im ganzen Land walten. Wegen der Importe von Arbeiten Klees galt es, die Konkurrenz von Curt Valentin einzudämmen, der als Vorposten der Berliner Galerie Buchholz in New York Pionierarbeit leisten sollte. Um den Ernst seiner Bemühungen um den Schweizer Künstler zu untermauern, kaufte Nierendorf dessen Pariser Händler Kahnweiler kurzentschlossen ein Konvolut von neunzehn Werken ab. Dem Streit um den Nachlaß des im Sommer 1940 gestorbenen Malers entging er. Die 1947 gegründete Paul-Klee-Gesellschaft überwies ihm 160 Arbeiten im Gesamtwert von 70 000 Schweizer Franken.

Kein Testament

Neben Bildern und Plastiken von 88 Künstlern wurde nach dem plötzlichen Ableben Karl Nierendorfs, der am 15. Oktober 1947 einen tödlichen Herzinfarkt erlitt, auch ein Großteil des Klee-Konvoluts beschlagnahmt, da der Kunsthändler kein Testament hinterlassen hatte. Weil zwischen Amerika und Deutschland noch immer Kriegsrecht herrschte, wurde Josef Nierendorf als Haupterbe seines Bruders der Zugriff auf dessen Nachlaß verwehrt. Unter nie ganz geklärten Umständen gelang es der Guggenheim-Foundation, den größten Teil der Kunstwerke unmittelbar vom Staat zu erwerben.

Nachdem auch Josef Nierendorf am 23. Juni 1949 in Berlin gestorben war, mußte seine Witwe den Rest der Familie mit Einkünften aus einem Kunstgewerbegeschäft unterhalten, zu dessen Offerten Restauflagen von Graphik bedeutender Expressionisten zählten. Als Überbleibsel aus den zwanziger Jahren erinnerten sie an die Glanzzeit einer allem Neuen aufgeschlossenen Kunsthandlung.

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