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Porträt : Ein Professor und sein Schiele: Der Wiener Sammler Rudolf Leopold

  • -Aktualisiert am

Der pensionierte Augenarzt ist nicht einfach ein Sammler. Auktionshäuser schätzen und nutzen die Kennerschaft Rudolf Leopolds wenn es um Wiener Kunst aus der Zeit um 1900 geht.

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          Im Dorotheum sitzt er gern - unsichtbar fürs Publikum - hinter dem Auktionator, im Kinsky gab es auch schon einen frischen Apfel auf einem Teller und bei Hassfurther kabarettreife Einlagen ganz im Stile der Doppelconférence à la Grünbaum/Farkas. Der „Herr Professor“ - womit im Wiener Kunstbetrieb selten jemand anderer gemeint ist als der Sammler Rudolf Leopold - legt ein ganz spezielles Bieterverhalten an den Tag, während der Museumsdirektor auf Lebenszeit, der am 1. März dieses Jahres achtzig wurde, sich seiner besonderen Rolle durchaus bewußt ist.

          Rudolf Leopold ist nicht bloß ein bietender Sammler, sondern vor allem jemand, dessen kennerschaftliche Fähigkeiten, primär bei Arbeiten von Egon Schiele, Echtes von Falschem zu unterscheiden, von nahezu allen nationalen wie internationalen Auktionshäusern geschätzt und genutzt wird. Doch auch bei Gustav Klimt, Oskar Kokoschka, Albin Egger-Lienz, Alfred Kubin und vielen anderen schielen die Anwesenden im Auktionssaal nach Leopold. Wenn der pensionierte Augenarzt bietet, kommt dies gleichsam einer Expertise gleich, was auch gern einmal, sollte der Handel das Bietgefecht für sich entschieden haben, in Verkaufsgespräche einfließen kann.

          Wie die Kaninchen vor der Schlange

          Während der Sammler das Objekt der Begierde zuweilen günstiger bekommt, weil die übrigen Interessenten wie das Kaninchen vor der Schlange gleich aufgeben, sind andere gerade angespornt mitzubieten, denn mit dem Sieg über den prominenten Gegner ist eine Wertsteigerung gleich mitinbegriffen. Ein Umstand, der Leopold beim Bieten oft zum Telefon greifen läßt. Zum Einbringer wird Leopold nur, wenn es, um ein besseres Werk zu finanzieren, sein muß. Es wäre zwar jedesmal schwierig für ihn, doch sei er kein Nostalgiker. Selbst sein erstes Schiele-Blatt, das er mit Mühe von Arthur Rössler, dem ersten Förderer des Skandalkünstlers, erworben hatte, der Entwurf zur „Toten Stadt“, fiel dieser Haltung zum Opfer.

          Briefmarken und Schmetterlinge

          Gesammelt hat Leopold von Kindesbeinen an mit der gleichen Zielstrebigkeit und dem gleichen Sinn für Perfektion, wie er es heute betreibt. Fasziniert von Farbe und Form, waren es vorerst Schmetterlinge, die es dem Neunjährigen angetan hatten. Eingebracht habe ihm dies, schildert Diethard Leopold in seiner Biographie des Vaters, „Rudolf Leopold - Kunstsammler“ (Holzhausenverlag), die Achtung seines Biologielehrers, der sich das Prachtexemplar eines chinesischen Seidenschwärmers für die Schausammlung der Schule stiften ließ. Mit fünfzehn Jahren und steigenden finanziellen Bedürfnissen wurde der Schwerpunkt auf den nächsten Klassiker der Sammelleidenschaft verlegt, die Briefmarken, wo man mit einigem Geschick beim Tauschen gut Geld verdienen konnte. Der jugendliche Philatelist wurde auch hier schnell zum Spezialisten, dem mit achtzehn Jahren ein Experten-Job im Dorotheum angeboten wurde.

          Die Schiele-Offenbarung

          Mit dem Ende des Krieges wurde auch dieses Thema abgeschlossen, denn der Umstand, daß bei Marken die Seltenheit und nicht die Schönheit den Wert bestimmt, begann den in der Zwischenzeit zum Medizinstudenten Herangereiften zu langweilen, womit er in seinem Interesse schließlich bei der Kunst, vorerst beim österreichischen 19. Jahrhundert à la Gauermann, angekommen war. Alles sollte sich dann schlagartig ändern, als Leopold 1950 bei einer Kunstbuchauktion die Schiele-Monographie von Otto Nierenstein, der sich nach seiner Emigration Otto Kallier nannte, in die Hände bekam. Schiele habe ihm bewiesen, daß es unter den modernen Künstlern jemanden gab, der genauso zeichnen und komponieren konnte wie die Alten Meister, schildert Rudolf Leopold, und dabei schwingt heute noch etwas von der damaligen Begeisterung mit.

          Die nackte Wahrheit

          Der Rest ist musealisierte Sammlungsgeschichte: 2,2 Milliarden Schilling war dem österreichischen Staat die Sammlung, die in eine Stiftung überführt wurde, wert. Das dazugehörige Museum, dem Leopold vorsteht, wurde im Jahr 2001 eröffnet. Wie vieles, was in Wien um 1900 entstanden ist, sind auch Werke aus der Sammlung Leopold, was ihre Herkunft anbelangt, nicht unumstritten. Doch anders als die österreichischen Bundesmuseen unterliegt das Leopold Museum als Stiftung nicht dem Kunstrückgabegesetz. Dennoch ist man hier in einer eigenen Abteilung für Provenienzfoschung um größtmögliche Offenheit - aufgelistet in der Website des Hauses - bemüht.

          Einige der Hauptwerke der Sammlung sorgten kürzlich in der Ausstellung „Die nackte Wahrheit. Klimt, Schiele, Kokoschka & andere Skandale“ in der Frankfurter Schirn für Furore, die nun bis zum 22. August in erweiterter Form im Leopold Museum zu sehen ist. Dazugekommen sind auch einige Schauplätze, denn wo sonst als in Wien und Umgebung ließe sich Lokalkolorit schnuppern? So gehören der Beethovenfries in der Secession, Gustav Klimts letztes Atelier in Hietzing, Schieles Gefängniszelle in Neulengbach und der Festsaal der Universität Wien, wo Klimts 1945 verbrannte Fakultätsbilder in originalgroßen Reproduktionen erstmals an ihrem Bestimmungsort präsentiert werden, zum Ausstellungsrundgang.

          Der Augenarzt mit dem scharfen Blick

          Rudolf Leopold indes bastelt an der Sammlung Leopold II., zu der auch Schieles „Mädchen“ von 1917 gehört. Der ganzfigurige Akt war 1998 bei den Wiener Kunstauktionen für 42 Millionen Schilling einer deutsch-österreichischen Investorengruppe nur vorläufig zugeschlagen worden, denn die Genehmigung für die beabsichtigte Ausfuhr war zuvor vom Bundesdenkmalamt nur im Falle des Ankaufs durch ein bedeutendes internationales Museum erteilt worden. Aufgrund des Ausfuhrverbots traten die anonymen Investoren von ihrem Angebot zurück, und Leopold ersteigerte die Splitterfasernackte für 43 Millionen Schilling - was heute etwa 3,12 Millionen Euro wären.

          Reisen nach Übersee sind ihm aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr erlaubt, ansonsten vertraut der Augenarzt mit dem scharfen Blick keiner Katalogabbildung und begutachtet die Objekte seiner Begierde prinzipiell im Original. Wenn das Stück dann aufgerufen wird, ist er meist wieder unterwegs und via Mobiltelefon dabei. Bleibt er zur Auktion, kann es schon sein, daß ein Kratzen hinter dem Ohr, das Putzen der Brille oder aber demonstrative Unbeteiligtheit die Preise in die Höhe treiben, denn manchmal läßt Leopold trotz Anwesenheit über andere steigern. Er selbst beobachtet dann das Bietgefecht, um hernach, ohne den Finger gerührt zu haben, doch wieder als Sieger hervorzugehen.

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