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Porträt : Der Kunstflüsterer

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Christian Scheidemann restauriert Gegenwartskunst. Wo es darum geht, Schimmelskulpturen und Schokogemälde zu konservieren, muss er eine große Bandbreite von Materialien beherrschen - von Kunststoffen bis zum Elefantendung.

          Der Restaurator Christian Scheidemann verteilt Kugelschreiber, die an altmodische Reisesouvenirs erinnern, als seine Visitenkarten: Auf dem Kugelschreiber rollt hinter einem Sichtfenster eine Figur im weißen Kittel an einer Reihe zeitgenössischer Kunstwerke in Miniatur vorbei. Mit dieser originellen Visitenkarte verweist der Kunstdoktor auf seine eindrucksvolle Kundenkartei und auf eine außergewöhnliche Bandbreite von Materialien - von Holz, Gips, Ziegel, Metall und Kunststoff bis zu Wachs und Elefantendung -, mit denen er arbeitet.

          Seine New Yorker Werkstatt liegt auf der 22. Straße am West Side Highway, mitten im Galerienbezirk, und teilt sich einen Eingang mit dem Chelsea Art Museum. Am Klingelschild steht „Contemporary Conservation Ltd“, dann geht es in die erste Etage hinauf in ein lichtdurchflutetes Atelier, in dem sechs junge Gehilfen aus Köln, Maastricht und New York schweigend ihrer Arbeit nachgehen. Der Besucher ist umgeben von Kunst: Werke von Richard Prince, Isa Genzken, Paul McCarthy, Eddy Martinez und Rebecca Horn sind entweder als Patienten in der Praxis oder gehören unbeschädigt zur Sammlung des Restaurators. Die meisten Werkzeuge - Zangen, Spachtel und Pinzetten - sind außer Sichtweite in Schubladen und Schränke verbannt.

          Fragiler Transport

          In der Mitte des Ateliers steht derzeit eine rund 150 Zentimeter hohe knallgelbe Glühbirne von Ugo Rondinone. „Sie wurde zur Armory Show aufgehängt, aber sie konnte ihr eigenes Gewicht nicht tragen“, sagt der Restaurator und zeigt auf einen haarfeinen Riss an der wächsernen Oberfläche des Gewindes: „Es wird nicht reichen, den Riss zu kitten. Wir müssen das Werk von innen festigen.“ Scheidemann bekommt häufig große Skulpturen eingeliefert, bei denen die Künstler nicht darüber nachgedacht haben, wie die Werke später transportiert werden können: „So eine Riesenratte von Katharina Fritsch kommt nicht durch Pfeifen in die Kiste.“ Gerade beim Transport entstehen dann oft Schäden.

          Als Konservator und Restaurator betreut er unter anderem die Josef & Anni Albers Foundation und die Nachlässe von Gordon Matta-Clark und Jason Rhoades. Matthew Barney und Robert Gober lassen ihre Werke ausschließlich von ihm restaurieren und suchen seinen Rat oft schon während des Schaffensprozesses. Sein Einfühlungsvermögen, seine Recherchen, Publikationen und nicht zuletzt seine Devise „Der Künstler hat immer recht“ haben ihm den Respekt einer wachsenden Schar von Künstlern beschert, aber auch von Sammlern, Galeristen und Museumsleuten.

          Animalische Essgewohnheiten

          „Dieter Roth hat die Insekten, die sich über seine Werke hermachten, als seine Mitarbeiter angesehen“, erklärt Scheidemann und erinnert sich an seine Zeit in Hamburg: Bevor er Dieter Roths Schimmelmuseum betreute, nahm er einen Entymologen mit in die Ausstellung, „um die Mitarbeiter genauer kennenzulernen“. Er studierte die Essgewohnheiten der Motten und Käfer bei verschiedenen Temperaturen, um herauszufinden, wie der Verfall dieser Kunst verlangsamt werden kann: „Wir haben die Fugen abgedichtet, damit die Insekten nicht noch weitere Tiere anlocken würden, und die Temperatur gesenkt.“

          Auf einem Schrank voller Chemikalien stehen drei ausgemusterte Seifenbüsten von Janine Antoni, die sie nach Rezepturen ihrer Großmutter, ihres Kindermädchens und aus dem Internet schuf. „Janine war mit keiner zufrieden. Wir haben dann zusammen mit einer Frankfurter Firma das richtige Rezept für sie entwickelt“, sagt Scheidemann. In seinem Job kommt er viel herum, arbeitet mit Backstuben, Glasmanufakturen und eben auch Seifensiedereien zusammen.

          Schockgefrostete Kartoffeln

          Zur Zeit beschäftigt sich Scheidemann mit einem Werk des jungen Künstlers Aaron Young. Der gibt auf seinem Motorrad Vollgas und bremst gleichzeitig, so dass heiße Gummikrümel vom Reifen auf eine mit einer Schablone versehenen Glasscheibe fliegen. „Könnt ihr das konservieren?“, hatte Young seinen Restaurator gefragt. Nach verschiedenen Tests fand dieser eine Lösung, indem er mit einer Pipette flüssiges Acrylat unter die Gummikrümel träufelte. Für Matthew Barney hat Scheidemann eine Methode entwickelt, seine Idaho-Potatoes durch Schockfrosten hundert Jahre lang haltbar zu machen. „Was an Wasser abgezogen wird, wird durch Kunststoff ersetzt, um das Gewicht zu halten“, erklärt er. Die Künstler lieben an ihm, dass er sie ernst nimmt.

          1971 hat Scheidemann bei der Denkmalpflege in Bonn angefangen und gleichzeitig ein Studium der Kunstgeschichte begonnen. Er merkte schnell, dass ihm die haptische Arbeit mit den Gemälden lag. Nach zwei Jahren am Doerner-Institut in München und danach an der Kunsthalle in Karlsruhe zog er nach Hamburg, wo er zuerst als Restaurator an der Kunsthalle arbeitete und gleichzeitig in einer ehemaligen Senf-Fabrik mit Freunden eine Galerie für aktuelle Kunst betrieb. Als dann die Deichtorhallen eröffnet wurden, betreute Scheidemann als Restaurator auch dort die Projekte. Dort lernte er Matthew Barney und Paul McCarthy kennen: „Durch die Zusammenarbeit begriff ich die Bedeutung der Materialien und damit auch die des Kunstwerks.“

          Konservierter Donut-Kringel

          Die Herausforderungen sind vielfältig: Eine Schokoladenskulptur von Antoni soll essbar bleiben und muss restauriert werden, während Schokolade bei Dieter Roth nicht restauriert werden darf und absichtlich verwest. Einmal wünschte sich der amerikanische Künstler Robert Gober einen besseren Überzug für seine süßen Donut-Kringel, und Scheidemann fand die Lösung: Im Vakuum extrahierte er das Fett aus dem Fettgebackenen und ersetzte es durch Kunststoff. Für den authentischen Geruch der Donuts wurden sie danach wieder mit Zimt bestreut.

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