https://www.faz.net/-gqz-zzaa

Pierre Berès ist gestorben : Der Prinz der Bücher

  • -Aktualisiert am

Ein passionierter Buchexperte und Geschäftsmann: Pierre Berès war in Paris die erste Adresse für antiquarische Preziosen. Im Alter von 95 Jahren ist der „homme de lettres“ in Saint Tropez verstorben.

          Die Eltern sollen eine Russin mit Kontakten zum Zarenhof und ein Engländer gewesen sein. Sicher ist nur, dass er 1913 in Stockholm geboren wird und seinen Namen später französisiert. Mit dreizehn Jahren sammelt Pierre Berès Autographen, und mit fünfzehn Jahren - er ist Schüler am renommierten Pariser Gymnasium „Louis le Grand“ - klingelt er an einer Haustür der Rue Franklin am Pariser Trocadéro. Der Butler öffnet und lässt sich überreden, seinen betagten Herrn zu holen: den Politiker und Journalisten Georges Clemenceau, Freund Monets und ehemals Premierminister. Als der Junge ihn um ein Autogramm bittet, kann Clemenceau, genannt „Der Tiger“, nicht anders, als ihm seine Unterschrift zu geben. Dass der Schüler zuvor bei den 39 anderen Mitgliedern der Académie Française war, ahnt er nicht.

          Der Bittsteller heißt Pierre Berestov, nennt sich Berès und tritt mit sechzehn Jahren in den Buchhandel ein, wo er sich bald als Auktionator betätigt. Mit der Volljährigkeit wird sein Wunsch nach einem eigenen Laden geboren. In der Rue Laffitte, der Straße der Kunsthändler, spezialisiert er sich auf Erst- und andere seltene Ausgaben. In einer Zeit, als das Künstlerbuch Konjunktur hat, freundet er sich mit Aragon und Queneau, Picasso und Matisse an. Sie verstehen schnell, dass sie es mit einem Geschäftsmann und passionierten Kenner zu tun haben: Ob Papier, Bindung oder Schrifttyp, Auflage, Fassung oder Widmung - Berès' Leben dreht sich um Autographen und Bücher, ihre Gestalt, ihre Schönheit, ihre Geschichte. Im Jahr 1939 lässt sich Berès an der vornehmen Avenue de Friedland nieder.

          Gut gesicherte Schätze

          Hier, unweit des Arc de Triomphe, hortet er wahre Schätze. Auf Knopfdruck hat er Zugang zu einem Tresorraum hinter einer Bücherwand, der nicht weniger gepanzert ist als die Banque de France. Hier ruhen Inkunabeln und alte Bücher, die er oft erst nach Jahren wieder verkauft. Im Jahr 1947 zeigt er das druckfrische Album „Jazz“ von Matisse. Und bald macht er sich auch als Kunstsammler und Verleger einen Namen. Konkurrenten haben sich oft gefragt, wie er es geschafft hat, schwierigen Gralshütern Rara abzukaufen. Seine Antwort: Er sei eben eine Verführungsmaschine.

          Seine Ausstrahlung aber wäre nichts ohne ein unbestechliches Auge, Risikobereitschaft und eine umfassende Bildung; einen wie ihn nennt man in Frankreich „homme de lettres“. Seine Zeitungslektüre gilt allerdings weniger dem Feuilleton, Todesanzeigen reizen ihn. Sorgsam notiert er am Rande: „Nachfahre des Rechtsanwalts von Baudelaire“ oder „Besaß Originalausgaben von Nerval“. Mit Blumen und Konfekt taucht er bei Witwen auf. So stattet er auch der ehemaligen Haushälterin Céleste Albaret einen Besuch ab, die sich daraufhin von Dingen trennt, die ihr Dienstherr Marcel Proust einst besaß.

          Zu seinen größten Erfolgen gehören 2000 der Verkauf des Manuskripts von Chateaubriands „Mémoires d'outre-tombe“ für vier Millionen Franc (damals eine Million Mark) und Célines „Voyage au bout de la nuit“, das er 2001 der Bibliothèque Nationale de France für zwei Millionen Euro überlässt. Noch im hohen Alter tritt er elegant und lebhaft diskutierend in Paris auf. Dabei bezeichnen ihn Freunde wie Feinde gleichermaßen ehrfurchtsvoll als „Prinz des Buchhandels“. Im Ruhestand mit 92 Jahren beginnt er mit einer Serie von Auktionen im Hôtel Drouot, sich von 12.000 Bänden seiner Sammlung zu trennen, die rund 35 Millionen Euro einbringt. Nun ist Pierre Berès am 28. Juli mit 95 Jahren in Saint-Tropez gestorben. Auf dem Pariser Friedhof von Passy ist er beigesetzt.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          EU-Gipfel in Brüssel : Im absoluten Krisenmodus

          Die Stimmung auf dem EU-Gipfel in Brüssel ist gereizt. Die EU will Theresa May nicht geben, was sie will, die Stimmen aus ihrer Heimat sind vernichtend. Und dann löchert Angela Merkel die Premierministerin noch mit Fragen.

          Neue Gesetze : Was sich 2019 alles ändert

          Eine Reihe von Neuregelungen können zum 1. Januar 2019 kommen – in der letzten Sitzung des Jahres gab der Bundesrat dafür grünes Licht. Eine Verfassungsänderung bremst die Länder aber erst einmal aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.