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Pariser Vereinigung „Aware“ : Nur wer wahrgenommen wird, existiert

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Datenbank, Website, Informationsplattform: Die Vereinigung „Aware“ schreibt die Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts in die Kunstgeschichte ein und schenkt denen Aufmerksamkeit, die sonst in Vergessenheit geraten würden.

          Es ist ein interessantes Experiment, sich einmal anzuschauen, wie viele weibliche Künstler als Repräsentantinnen ihres Landes im 20.Jahrhundert auf die KunstBiennale in Venedig eingeladen wurden. Im deutschen Pavillon zum Beispiel, der seit 1909 existiert, wurde zum ersten Mal überhaupt 1958 eine Künstlerin ausgestellt. Johanna Schütz-Wolff durfte neben neunzehn männlichen Kollegen an einer Gruppenschau teilnehmen. Im Jahr 1962 war dann die Bildhauerin Brigitte Matschinsky-Denninghoff zu sehen, neben fünf Künstlern.

          Erst zwanzig Jahre später, 1982, wurde die Konzeptkünstlerin Hanne Darboven eingeladen; wieder nicht ganz alleine, sie wurde zur Sicherheit von zwei Kollegen flankiert. Diese eindeutige Tendenz zur Nicht- oder mindestens Unterrepräsentation ändert sich erst mit dem Jahr 1999, als zum ersten Mal auch eine Kuratorin, Gudrun Inboden, gewählt wird, um die monographische Ausstellung der Künstlerin Rosemarie Trockel in Venedig zu gestalten.

          In Frankreich ist die weibliche Beteiligung am Landespavillon der Biennale noch stärker bezeichnend: Es gibt ganz einfach keine während des gesamten 20.Jahrhunderts. Was nicht heißt, dass es an interessanten Künstlerinnen gefehlt hätte. Seit der Eröffnung des französischen Pavillons im Jahr 1912 konnten nur zwei Künstlerinnen ihr Land dort vertreten: Annette Messager 2005, ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen als bester nationaler Beitrag, und im Jahr 2007 Sophie Calle.

          Nach einer von der Kunst-Datenbank „Artindex“ vorgenommenen Klassifizierung sind im Jahr 2016 unter den hundert weltweit am häufigsten öffentlich ausgestellten Künstlern immerhin zwanzig Frauen – ein Grund zur Zuversicht vielleicht. Und doch ein Zeichen, dass der Weg zu einer auch nur annähernd gleichen Wertigkeit von Künstlerinnen und Künstlern noch weit ist.

          Kann es sein, dass Künstlerinnen bis in die neunziger Jahre von den verschiedenen Kunst-Medien – Museen, Ausstellungen, Berichterstattung, Kunstmarkt – und der Kunstgeschichte im Vergleich zu ihren Kollegen mindestens vernachlässigt wurden, wenn nicht ignoriert? In Sachen Kunst existiert nur, wer auch wahrgenommen wird – oder wahrgenommen werden kann.

          Besonders seit Beginn des 20. Jahrhunderts, als in den Ausbildungsstätten und den Kunsthochschulen kurz nach der Jahrhundertwende allmählich auch Frauen zugelassen wurden – als es in den zwanziger Jahren gesellschaftlich nicht mehr völlig abwegig für sie erschien, eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen –, ist der Beitrag der Künstlerinnen an den verschiedenen Strömungen der Moderne ungleich viel höher als die Rezeption ihrer Arbeit. Gemeint ist damit die Aufnahme und Verbreitung im öffentlichen Raum durch Wahrnehmung, also zunächst Ausstellungen, Berichterstattung oder Kunstmarkt, dann Forschung und Einschreibung in die Kunstgeschichte.

          Forschungsarbeit für Künstlerinnen aller Kontinente

          „Aware“ ist der unmissverständlich abgekürzte Name für die französische, allerdings international ausgerichtete Vereinigung „Archives of Women Artists, Research and Exhibitions“. Es geht um nichts Geringeres als das Suchen, Organisieren und Vernetzen von Information über die Existenz und Arbeit von Künstlerinnen im 20.Jahrhundert. Erst wenn visuelle, biographische und wissenschaftliche Kenntnisse über die Künstlerinnen überhaupt zugänglich sind, kann ihr Beitrag zur Kunstgeschichte analysiert werden.

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