https://www.faz.net/-gqz-87qbm

Open-Art in München : Es rauscht im Kunstdschungel

  • -Aktualisiert am

„I will not make any more boring art“ - dieser Spruch von John Baldessari lässt sich wunderbar übertragen auf die gut fünfzig Galerien, die gemeinsam ihre Ausstellungen eröffnen. Dabei dominiert in diesem Jahr die Malerei.

          Rund fünfzig Galerien eröffnen an diesem Open-Art-Wochenende gemeinsam die Münchner Herbstsaison. Es gibt also viel zu sehen und zu erwandern, da kommt eine kleine Pause im „Kramer Haus“ gerade recht: In der gelben in der Galerie Tanit installierten Papp-Lounge lässt es sich bei einer Flasche „Drunk Artist Beer“, über „Kramerica“ freuen, des Künstlers David Kramer ersten Auftritt in Deutschland. Seine Gemälde und Collagen konzipiert der New Yorker auf Basis von Magazinbildern und hochtrabenden Werbeversprechen seiner Jugend in den Siebzigern, um dann mit Texten von lakonischem Witz aus süßen American Dreams aufzuwecken. So steht über Whiskeyflasche und -glas „half empty, half full . . . who gives a shit. There is plenty more where that came from“. (Preise von 2250 bis 37.000 Euro. Bis 7. November.)

          Malerei steht hoch im Kurs in dieser Herbstrunde. Mit dem großen Antonio Calderara (1903 bis 1978) huldigt Rupert Walser einem seiner persönlichen Helden. Als junger Mann konnte er dem Italiener vom Ortasee noch dessen zwei letzte Mappen drucken, später hat er ihn gesammelt und immer wieder ausgestellt. Leicht vergisst man, dass Calderara, berühmt für durchlichtete Bilder hauchzart getönter rechtwinkliger Flächen, bis 1959 figurativ malte. Walser nahm jetzt eine Reihe bezaubernder kleiner Frauenbildnisse ins Zentrum seiner Kabinettschau, deren flächig strukturierte Hintergründe bereits den Umbruch zur Abstraktion enthalten. (Ölbilder auf Anfrage, Serigraphien von 250 Euro an. Bis 31. Oktober.)

          Hank Schmidt in der Beek produziert Bilder, er dichtet und macht Reggae-Musik, und all das hat miteinander zu tun. Dass er im vergangenen Jahr eine Ausstellung im Münchner „Valentin Musäum“, dem Nukleus der Komik, hatte, lässt ahnen, dass es jetzt auch in Christine Mayers Galerie lustig zugeht. Streifzüge durch die Kunstgeschichte führten den Münchner, der in London lebt, an berühmte Orte der Freilichtmalerei. Fotos zeigen ihn dort nicht etwa Cézannes Mont Ventoux malend, sondern das Sreifenmuster des eigenen Pullovers (die Diptychen kosten 3600 Euro). „Zungguzungguguzungguzeng“ - dadaistisch mutet auch der Ausstellungstitel an. Schmidt in der Beek lieh ihn sich beim Reggaestar Yellowman, weil er ihn an Kuhglockenklang erinnert und weil er zum Neu- und Ummalen berühmter Bilder wie Picassos „Musikanten“ die Reggaefarben Rot, Gelb und Grün benutzt. (Preise bis 7500 Euro. Bis 24. Oktober.)

          Als Tochter ermordeter iranischer Dissidenten hat Parastou Forouhar in ihrem Werk Gewalt und Unterdrückung breiten Raum gegeben. Ambivalenzen des Daseins illustrieren ihre digitalen Drucke lächelnder Gesichter oder bunter Schmetterlinge, die erst aus der Nähe betrachtet ihre Zusammensetzung aus ornamental verwendeten, tätlichen Szenen offenbaren. Bei Karin Sachs zeigt die in Deutschland lebende Künstlerin auch Arbeiten aus der neuen Serie „Water Mark“, die das aktuelle Drama der auf dem Weg nach Europa ertrinkenden Flüchtlinge thematisiert. (Preise von 120 bis 3200 Euro. Bis 22. Oktober.)

          Ganz ohne Bildhauerei geht es bei all der Malerei dann doch nicht. Bei Biedermann stehen Steinskulpturen von Karl Prantl, und Häusler Contemporary zeigt mit Sébastien de Ganays „Folded Flats“ farbig gefasste Aluplatten, die, wie Papier nach Origami-Art gefaltet, ihr wahres Metallwesen verbergen. Paul Morrison kann beides und bespielt auch gleich zwei Galerien; neu ist die Monochromie im Werk dieses Landschaftskünstlers: Bei Tanja Pol empfängt uns auf schwarzer Wand das erste von zehn schwarzen Gemälden. Lackglänzend schimmern die Pflanzenmotive im matten Grund. Nebenan bei Sabine Knust malte Morrison eines seiner Wiesenstücke riesenhaft vergrößert direkt auf die Wand (Preis auf Anfrage). Weiß strahlen dort die Bilder, vor denen - als scherenschnittartige Skulpturen, wie von Runge, nur größer - Löwenzahn und mehr blüht (Auflage je 5; Preise von 19.000 bis 29.000 Euro). (Bilder bei Pol und Knust von 10.000 bis 21.000 Euro. Bis 24. Oktober.)

          Topseller aus dem Museumshop

          In einer mehrteiligen „Painting Show“ lässt Rüdiger Schöttle derzeit Maler seines Programms Revue passieren. Ein Star im aktuellen Kapitel ist Karin Kneffels raffiniert wie durch beschlagenes Glas betrachtete Ansicht eines Raums im Frankfurter Städel Museum. Mit 125.000 Euro liegt da die Preisspitze der Beiträge von insgesamt sechs Künstlern. Erstmals zu Gast sind die Chinesen Ma Ke und Qui Ruixiang. Beide gewähren der menschlichen Figur auf je spezifische Weise geheimnisvolle bis surreale Auftritte. Als ein Highlight der Open-Art-Runde präsentiert Schöttle zudem zwei neue Arbeiten von David Claerbout, dem belgischen Videokünstler und Entschleuniger par excellence. (Bis 7. November.)

          Walter Storms’ Galeristenherz schlägt seit eh und je für konkrete Kunst und deren abstrakte Ableger. Im Dunstkreis der Münchner Akademie spürte er jetzt sechs junge Vertreter auf: Mit Arbeiten von Tim Freiwald, Caro Jost, Mark Killian, Christian Murscheid, Catalin Pislaru und Johannes Tassilo Walter sprießt ein „Concrete Jungle“, der die kunsthistorischen Vorgänger nicht verhehlt und dabei mit Pinsel, Spray, Säge oder Gips ganz eigene Ausdrucksformen schafft. (Preise von 1500 bis 12.000 Euro. Bis 31. Oktober.) Dazu passen beim Rundgang die Hard-Edge-Malerei von Winfred Gaul bei Hasenclever und die Zero-Bilder von Heinz Mack bei Florian Trampler. Im Tordurchgang zur Storms-Galerie sollte man bei „Eyes Only“ stoppen. Wieder einmal öffnet dieser winzige Ausstellungsraum ein Fenster zur Welt, diesmal gibt es Topseller aus dem Museumshop des Los Angeles County Museum of Art zu kaufen: etwa den Bleistift mit John Baldessaris Spruch „I will not make any more boring art“. Zum Glück brauchen die wenigsten Open-Art-Künstler einen Antilangweilerstift.

          Weitere Themen

          Was kostet das Leid in Frankreich?

          Theater und Realität in Paris : Was kostet das Leid in Frankreich?

          Während die Welt draußen aus den Fugen gerät und ein Mann in Straßburg um sich schießt, findet in einem Pariser Theater ein Friedensfest statt: Jean-Louis Trintignant versöhnt mit Poesie und Musik die schmerzhafte Gegenwart.

          Verwandlung der bösen Geister

          Sachbuch über die Drogenwelt : Verwandlung der bösen Geister

          Ihr Nimbus schwindet, seit sie zur Medizin für überforderte Menschen geworden sind: Alexander Wendt führt in seinem Buch „Kristall“ in die Welt der Drogen – und damit in das Elend der Konsumenten.

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Angela Merkel beantwortet im Rahmen der Befragung der Bundesregierung die Fragen der Abgeordneten. Dabei gibt sie sich angrifflustiger denn je.

          Regierungsbefragung : Merkel an der Ballwurfmaschine

          Gut eine Stunde lang lässt sich die Kanzlerin im Bundestag befragen und liefert sich mit Linken und Rechten einen rhetorischen Schlagabtausch – so offensiv hat man Merkel selten erlebt. Neue Inhalte wurden dabei gleich mitgeliefert.

          Bayerns 3:3 bei Ajax : Fußball verrückt in Amsterdam

          Beim 3:3 zwischen Ajax Amsterdam und Bayern München geht es drunter und drüber. Am Ende stehen die Bayern zumindest in der Champions League dort, wo sie sich am wohlsten fühlen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.