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Online-Antiquariatsmessen : Bücher, die die Welt verändern, präsentiert im Netz

  • -Aktualisiert am

Die Stuttgarter Antiquariatsmesse und die Antiquaria in Ludwigsburg trotzen mit Raritäten der Pandemie.

          3 Min.

          Die Saison für Sammler und Liebhaber kostbarer Bücher und Druckwerke beginnt normalerweise Ende Januar mit der Fahrt nach Stuttgart zur großen Antiquariatsmesse und ins nur zehn Kilometer entfernte Ludwigsburg, wo gleichzeitig die kleinere Antiquaria stattfindet. Vor einem Jahr konnten beide wie üblich stattfinden. Jetzt müssen die Veranstalter in virtuelle Formate ausweichen.

          Die sechzigste Ausgabe der Stuttgarter Schau bietet 76 internationalen Ausstellern je einen virtuellen Stand auf einer Online-Plattform, die am 29. Januar eröffnet wird. Sie können bis zu zwanzig Objekte mit Fotos präsentieren, die von der Freischaltung an bis zum Ende der Messe zum Verkauf stehen. Anfragen können telefonisch oder per E-Mail direkt an die Händler gerichtet werden. Zusätzlich gibt es einen gedruckten Messekatalog mit weiteren Titeln und Neuzugängen im Gesamtwert von mehr als elf Millionen Euro.

          Eine Handschrift auf Pergament mit einer Abschrift des „Leben Christi“ ist das wertvollste Stück und findet sich im Angebot von Jörn Günther Rare Books in der Schweiz. Einst wurde es von Philippa von Geldern und ihrem Gemahl, dem Herzog René von Lothringen, in Auftrag gegeben. Die präzisen Buchmalereien des sogenannten Meisters der „Chronique scandaleuse“ und der nahezu unberührte Zustand des zweiten von zwei Bänden, die in Paris 1506/08 entstanden sind, begründen den Preis von 2,2 Millionen Euro. Der Händler aus Basel hat zudem eine Rarität aus der Frühzeit des Buchdrucks im Angebot: eine von vierzig Pergamentausgaben des Versromans „Theuerdank“, der von Kaiser Maximilian I. in Auftrag gegeben wurde und dessen künstlerische Ausführung von ihm betreut wurde. Das vorliegende Exemplar ist auf den ersten März 1517 datiert und besticht durch die hohe Qualität des Kolorits der 118 Holzschnitte (850.000 Euro).

          Das Antiquariat Inlibris aus Wien ist in diesem Jahr, zumindest virtuell, wieder in Stuttgart zu finden, nachdem es zuvor aus Platzgründen nach Ludwigsburg gezogen war. Mit einer kolorierten Erstausgabe des „De humani corporis fabrica“ von Andreas Vesalius reiht es sich bei den Stuttgarter Spitzenangeboten ein. Das Werk aus dem Jahr 1543, dessen Veröffentlichung als Geburtsstunde der modernen Anatomie gilt, ist mit 950  000 Euro beziffert. Sammler alter literarischer Erstausgaben werden bei Wolfgang Braecklein aus Berlin-Friedenau fündig: Eine Ausgabe von Georg Büchners „Dantons Tod“ von 1835 im Originalumschlag, dem einzigen zu Lebzeiten gedruckten Buch des Autors, kostet 8500 Euro. Ebenfalls 8500 Euro gelten für eine frische, unbeschnittene Ausgabe von E.T.A. Hoffmanns „Lebens-Ansichten des Katers Murr“ von 1820/22 mit beigebundenen Original-Rücken und Umschlägen. Zum Vergleich: Ein weniger gut erhaltenes, restauriertes Exemplar derselben Ausgabe, das ebenfalls die originalen Umschläge mit Illustrationen nach Zeichnungen des Autors enthält, kostet bei Winfried Geisenheyner aus Münster-Hiltrup 860 Euro.

          Die 35. Antiquaria in Ludwigsburg eröffnet ihr virtuelles Angebot bereits am 28. Januar auf ihrer Website; dort findet auch die Live-Übertragung der Verleihung des mit 10.000 Euro dotierten Antiquaria-Preises an den Buchkünstler Olaf Wegewitz statt. Zudem ist schon jetzt ein gedruckter Katalog mit dem Angebot der Händler erhältlich, die auf der realen Messe ausgestellt hätten. Anders als gewohnt, sind die Objekte sofort zum Kauf erhältlich. Das Rahmenthema lautet: „mutationis – Bücher, die die Welt verändern“. So wie das „Mikroskopische Untersuchungen über die Übereinstimmung in der Struktur und dem Wachsthum der Thiere und Pflanzen“ von Theodor Schwann taten, der entdeckte, dass die Zelle die grundlegende Struktur des Lebens ist. Das wohlerhaltene Exemplar der 1839 in Berlin erschienenen Erstausgabe kostet bei Michael Solder aus Münster 12.800 Euro.

          Auf andere Weise hat „Das kommunistische Manifest“ von Karl Marx und Friedrich Engels die Welt verändert. Die Vorzugsausgabe zu Marx’ hundertstem Geburtstag erschien am 5. Mai 1918 und soll bei Dr. Reto Feurer aus Obing jetzt 450 Euro kosten. Bei ihm findet sich auch eine Erstausgabe von Fritz Kahns „Das Leben des Menschen“ von 1922 mit dem Plakat „Der Mensch als Industriepalast“ für 900 Euro.

          Stuttgarter Antiquariatsmesse; vom 29. Januar bis zum 1. Februar. Katalog zum Download, www.antiquariatsmesse-stuttgart.de Antiquaria; am 28. Januar. Katalog zum Download, www.antiquaria-ludwigsburg.de

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