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Oliver Abraham in Köln : Der Gott des Rederechts

Oliver Abraham: Julian Assange Bild: Oliver Abraham / Galerie Julian Sander

Julian Assange im Pantheon. Sein Bild befindet sich in einer Reihe mit Portraits unter dem Titel „Freedom of Speech“ von Oliver Abraham in Köln.

          Sagen Sie jetzt nichts! Das musste Oliver Abraham den Journalisten, Bürgerrechtswissenschaftlern und anderen Unruhestiftern nicht zurufen, deren Porträts die Kölner Galerie Julian Sander als Serie unter dem Titel „Freedom of Speech“ zeigt. Sie haben vor Abrahams Kamera ganz von selbst den Mund gehalten. Die Aufdeckung und Kommentierung der Geheimnisse von Staaten und staatsähnlich operierenden Unternehmen ist ihr Metier. Texte verbreiten sie, die deren Urheber nicht veröffentlicht sehen wollen, und diese Tätigkeit in einer Grauzone des digitalisierten Publikationswesens verlangt von ihnen eigene Textproduktion. Aber sie sind keine Quasselstrippen, die nur auf ein Telegramm oder eine Whatsapp-Nachricht gewartet haben, um draufloszuerzählen von der heroischen Lebensform des investigativen Rechercheurs. Sie tun ihre Arbeit, weil ihre Arbeit getan werden muss. Doch deren Sinn ist, dass andere zu Wort kommen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Miao Zhang, die wegen ihrer Arbeit für „Die Zeit“ neun Monate lang in Peking inhaftiert war, ist als Einzige mit einem Schreibgerät dargestellt, einem Smartphone. Sonst fehlen, wie in einem dokumentarischen Journalismus, dessen Stilideal der Protokollsatz ist, die schmückenden Attribute. Die geschlossenen Lippen sind das paradoxe Erkennungszeichen der Gegenöffentlichkeitsarbeiter. Sie sind wie ihre Informanten selbst Geheimnisträger. Hätte Abraham sie beim Reden fotografiert, wäre sofort die Frage aufgekommen, wovon sie denn reden. Aber darauf kommt es bei der Redefreiheit nicht an.

          Oliver Abraham: Yanis Varoufakis

          Giannis Varoufakis, der bei der Europawahl kandidiert, blickt den Betrachter direkt an, ohne plakatives Augenzwinkern, mit der Aufforderung zu einer grenzenlosen Solidarität, die rhetorischen Aufwand nicht nötig hat. Den schmächtigen Pulloverträger mit gesenktem Blick kennt man noch nicht aus den Talkshows: Die Information, dass es sich um Geoffroy de Lagasnerie handelt, einen französischen Philosophen, der sich als erklärendes Sprachrohr der „Gelbwesten“-Bewegung engagiert, verknüpft das Projekt mit aktuellsten Streitfragen, die Abraham gerade nicht bebildert. Er beschränkt sich darauf, den traurigen Denker wortlos sagen zu lassen: Hören Sie sich die Populisten doch erst einmal an.

          Oliver Abraham: Noam Chomsky

          Spricht Mitleid aus den Mienen von Angela Davis und Noam Chomsky? Höchstens mit den Betrachtern, die gleichgültig weitergehen, weil sie nicht mitreden wollen. Halbgeöffnete Lippen als Zeichen der Mimesis an das Leiden Gefolterter wären eine Verirrung des moralischen Geschmacks, das Gegenteil von prägnant. So imponiert Abrahams Pantheon der Partei der Menschheit durch eine monumentale Lakonie, die von der Wahl von Schwarzweiß vorgegeben ist und mit konsequenter Zurückhaltung ausgestaltet wird. Ein Anflug eines Lächelns spielt nur um die Lippen von Julian Assange. Er steht im Zentrum der Schau, wie Jesus beim Abendmahl, mit Pamela Anderson an der gegenüberliegenden Wand als Maria Magdalena. Auch das Sortieren und Gruppieren von Bildern ist ein Akt der freien Rede, die sich in einem bestimmten historischen Moment exponiert und ohne Risiko nicht möglich wäre. 

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