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NRW-Kunstverkauf : Lasst die Warhols da

Der geplante Verkauf von „Four Marlons“ und „Triple Elvis“ durch das Land NRW ist ein kulturpolitischer Skandal. Doch nicht nur das - die Veräußerung der Bilder könnte auch finanziell enttäuschen.

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          Auch wenn das Ablenkungsmanöver allzu durchsichtig ist: Immerhin kommt nun die Wahrheit ans Licht. Es wurde in Nordrhein-Westfalen schon Kunst verkauft, etwa aus dem Bestand der abgewickelten West LB, und es wird weiter Kunst verkauft werden, zur Sanierung des hochverschuldeten Landeshaushalts. Das hat der Fraktionsvorsitzende von Bündnis’90/Die Grünen, Reiner Priggen, im WDR-Magazin „Westpol“ angekündigt. (Charmant hier am Rande: Auch der WDR hat schon mit dem Gedanken geflirtet, seine eigene Sammlung zu veräußern, davon ist im Moment aber nichts zu hören.)

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Priggens Begründung ist entwaffnend: „Es nützt ja auch niemandem, wenn das“ - gemeint sind die Kunstwerke - „über Jahrzehnte verschlossen ist oder wenn es im Tresor liegt. Also die Debatte ist gut, das Ergebnis ist offen.“ Wenn das Ergebnis offen ist, dann ist es ja gut - vor allem für Warhols „Triple Elvis“ und „Four Marlons“. Noch immer gehören diese zwei Höchstkaräter mit in die Debatte, sie müssen sogar deren oberste Priorität haben, ob das der rot-grünen Landesregierung nun passt oder nicht. Da hilft auch die aktuelle Flucht nach vorn als Ablenkung vom eigentlichen Thema nichts. Denn allzu peinlich gestalten sich nach und nach in Sachen der Warhols die Enthüllungen: Erst will kein Mensch in den beteiligten Ministerien dafür die Verantwortung übernehmen.

          Dann muss sich die Ministerpräsidentin Hannelore Kraft darüber aufklären lassen, dass, anders, als sie einfach mal so behauptete, ein Ausstieg aus dem Vertrag mit dem Auktionshaus sehr wohl möglich ist, und dies bis kurz vor der geplanten Versteigerung am 12. November in New York. Noch immer freilich scheint die Landesregierung die Hoffnung zu hegen, das Ganze aussitzen zu können. An ihrer Hartleibigkeit prallen sämtlicher Protest - und sei es der, der die Mehrzahl der nordrhein-westfälischen Museumsdirektoren eint - und alle sinnvollen Plädoyers für den angemessenen Umgang mit höchstwertigem Kulturgut ab. Sie werden mit dem Hinweis auf wirtschaftliche Zwänge abgebügelt.

          Riskante Doppelauktion

          Allerdings lässt sich den ökonomischen Strategen, die für den geplanten Verkauf der beiden Warhols zuständig sind - und irgendjemand muss das schließlich sein -, ein gewissermaßen marktästhetisches Argument entgegenhalten. Wer auch nur den Hauch einer Ahnung vom Geschehen einer New Yorker Prestige-Abendauktion hat, wird sich kaum erinnern, zwei derartig hochdotierte Werke der Zeitgenossenschaft in einer einzigen Veranstaltung vereint gesehen zu haben. Das hat nicht wenig mit der Käuferpsychologie zu tun.

          Die Begründung für eine Trennung des Angebots liegt in der Regel darin, dass es um das Verhalten von Bietern geht, die innerhalb von Minuten über Investitionen von hohen zweistelligen Millionenbeträgen entscheiden. Wer, zum Beispiel, im Bietgefecht um seinen Favoriten gerade unterlegen ist, mag wenig geneigt sein, direkt im Anschluss das in seinen Augen zweitbeste Bild zu wollen. Mit einem gewissen Abstand könnte sich das aber durchaus ändern. Kurz: Die beiden Warhols stehen sich gegenseitig auf den Füßen herum. Das muss sich nicht nachteilig auf ihren jeweiligen Preis auswirken, kann es aber sehr wohl.

          Dieses Risiko hätte vor der Einlieferung bedacht werden müssen. Denn es geht, sollte es zu der Doppelauktion kommen, um den Umgang mit Steuergeldern, von denen es nichts zu verschwenden gilt. Dass am Abend zuvor bei der Konkurrenz Sotheby’s eines von Warhols frühen begehrten „Early Colored Liz“-Porträts zum Aufruf kommt, versehen mit einer moderaten Schätzung von rund dreißig Millionen Dollar, wird den einen oder anderen Kunden in den Höchstpreisregionen zusätzlich animieren. Christie’s ist aus seinem Vorgehen, das sei hier ausdrücklich gesagt, kein Vorwurf zu machen.

          Ausverkauf der Kronjuwelen

          Es ist das Kerngeschäft einer Auktionsfirma, möglichst viele Spitzenwerke bei sich zu vereinen. Wer zwei superseltene Warhols auf einmal haben kann, wird dem Einlieferer nicht dazu raten, diesen Doppelpack zu entzerren, und damit Gefahr laufen, dass die zweite Ikone bei der Konkurrenz landet. Das Auktionshaus verfährt mit der Situation sogar offensiv und will die beiden Lose als Nummern neun und zehn direkt nacheinander aufrufen. Allerdings wäre es die Aufgabe eines Beraters der Landesregierung gewesen, eine solche Strategie zumindest kritisch zum Thema zu machen.

          Es geht überhaupt nicht darum, ob Andy Warhol, dieser alte Europäer, als Andrej Warhola getaufter Sohn ruthenischer Auswanderer in Pittsburgh geboren, ein guter oder schlechter Künstler ist. Es geht ums Prinzip des Umgangs mit unwiederbringlichem Kulturgut. Und das geht jeden Bürger und Steuerzahler an - egal, ob ihm Warhols Werk gefällt oder nicht. Die politische Vernunft muss endlich aus ihrem Schlaf erwachen, und sei es aus ökonomischer Räson.

          Die beiden Warhols müssen in Nordrhein-Westfalen bleiben. Erst danach kann eine Debatte mit offenem Ergebnis beginnen, ob Kunst aus dem „nicht direkten Besitz“ des Landes zu veräußern ist und falls ja, zu welchen Zwecken. Bis dahin sollte es auch dortigen Politikern einleuchten, dass es grotesk ist, den kulturellen Ausverkauf mit den vom Geld der Bürger erworbenen Kronjuwelen zu beginnen.

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