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NFT zu „Einstein on the Beach“ : Aus Theater wird Krypto-Kunst

  • -Aktualisiert am

Hochamt in der Krypto-Krypta Bild: Helge Mundt

Wenn der Hyperkapitalismus mit der Avantgardekunst tanzt: Erlebnisbericht von der spektakulären Umwandlung einer Theaterszene zu Kryptokunst in einem Berliner Kraftwerk. Was aus „Einstein on the Beach“ werden kann.

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          Am vergangenen Wochenende ist ein NFT der Theateraufführung „Einstein on the Beach“, einer Performance, die 1976 in Avignon von Robert Wilson und Philip Glass uraufgeführt wurde, für 28 ETH versteigert worden. Das bedeutet, dass für dieses NFT einer Szene aus Wilsons Inszenierung, in der sich ein Lichtbalken langsam von der Horizontale in die Vertikale bewegt, etwa 76.800 Euro gezahlt wurden. Viel Geld für eine Datei.

          Der Vorgang ist relevant im Hinblick auf den Kunstmarkt und den Vergleich des Erlöses aus diesem NFT-Verkauf mit den Preisen, die ein Künstler wie Robert Wilson zum Beispiel mit seinen Videoporträts in traditionellen Galerien erzielt. Aufregend wirkt das Ereignis vor allem auch deshalb, weil hier etwas verkauft wurde, das bis vor Kurzem als unverkäuflich galt: ein Bühnenwerk. Zwar werden dramatische Texte und auch Inszenierungen verkauft, aber niemand konnte bislang ein Stück privat erwerben, so wie man ein Bild oder eine Skulptur in seinen Besitz bringt.

          Neuzeitliche Theaterwelt

          Der Werkcharakter von Inszenierungen ist kollektiv und nicht sachlich, denn Stücke sind Gemeinschaftsarbeiten für den öffentlichen Gebrauch, das heißt, sie werden allabendlich „neu“ hergestellt und gehören allen, die sie machen und erleben. Das ist mit Kunstobjekten wie Bildern oder Skulpturen nicht in gleicher Weise der Fall, da sie sich in einen singulären Besitz verwandeln können und individuell genießen lassen, auch ohne Öffentlichkeit. In der neuzeitlichen Theaterwelt geht es zwar vor allem um das, was zwischen Menschen geschieht. Aber angeeignet und ausgestellt wird diese Form von Werk immer in Kollektiven und für ein Kollektiv von Zuschauern. Durch die Erfindung des NFTs wird das jetzt anders. In die Gruppenproduktion und Gemeinschaftserfahrung der Theaterkunst schneidet das NFT von Wilsons berühmter Szene wie eine Genschere, die den Strang der Aufführungsereignisse sequenziert und isoliert und einen seiner Partikel „on chain“ stellt, also in einen durch einen Algorithmus verschlüsselten Daten-Eigentums-Strang einbettet und so in der Kryptowelt des Web3 – jener neuen Generation des Internets, das auf Blockchain-Technologie basiert – marktfähig und handelbar macht.

          Für die Theater- und Kunstgeschichte ist dieses Handelbarmachen eines szenischen Werkmoments ein bedeutsames Ereignis. Es verdankt sich zwei weiteren bemerkenswerten Vorgängen: Zum einen war rund um die Versteigerung ein Veranstaltungsformat zu erleben, das eine bislang für schwer lösbar gehaltene Aufgabe meisterte. Denn das im Berliner Kraftwerk Mitte erprobte Format hat aus den vollkommen unsinnlichen Blockchain-Prozessen, wie sie die Herstellung und der Verkauf eines NFTs sind, durch eine raffinierte Inszenierung plötzlich bewegende Erlebnisse in der realen Welt gemacht. Und der zweite Aspekt dieses NFT-Verkaufs einer Theaterszene ist die Tatsache, dass für diesen Verkauf eine globale Gemeinschaft von Sammlern und Händlern aktiviert wurde, die Kryptowährungen nutzen, die sie selbst herstellen und deren Wert sie selbst mitbestimmen können. Was ungefähr so ist, als würden die Berliner Volksbühne oder das Wiener Burgtheater selber Euros prägen, mit denen man ihre Tickets bezahlen kann. Erfolgreiche Künstler und Galeristinnen wussten immer, dass für den hochpreisigen Verkauf nicht nur erstklassige Präsentationsräume und nobilitierende Ausstellungen der Werke in renommierten Institutionen wichtig sind, sondern vor allem die Schaffung und Pflege einer Glaubensgemeinschaft an diese Werke. Nirgends wird so viel gemeinsam und komfortabel gegessen wie in der Welt der Marktführer-Galerien.

          Es werde NFT: die Menge im Berliner Kraftwerk.
          Es werde NFT: die Menge im Berliner Kraftwerk. : Bild: Helge Mundt

          Ether, das neue Öl

          In der hyperindividualistischen, hyperkapitalistischen Marktwelt der Kryptokunst finden diese wertschaffenden Klubveranstaltungen nun in den sozialen Medien und auf Plattformen wie Discord statt, vor allem in den DAOs selbst, jenen dezentralen autonomen Organisationen, die nicht nur ihre eigenen Interessengemeinschaften bilden, sondern auch ihre eigenen Kryptovaluta wie Bitcoin oder Ether hervorbringen. Längst hat das Internet seine eigenen Währungen erzeugt, aktuell sind es über 11.000. Bitcoin gilt in dieser Kryptofinanzwelt des Web3 als Gold und Ether, die Währung des Blockchain-Netzwerks Ethereum, als das neue Öl. Die 28 Ether für Wilsons Theater-NFT wurden von einem Unternehmer gezahlt, der durch die von ihm mitgegründete DAO Bright Moments gerade Crypto-Citizen-NFTs an jeweils Tausend Menschen aus zehn Weltstädten in den USA, Europa, Lateinamerika, Asien und Afrika verkauft. Man denkt dabei unweigerlich an die 10.000 NFT-Token des „Bored Ape Yacht Club“, die 2021 auf der Ethereum-Blockchain gespeichert wurden und inzwischen über eine Milliarde Dollar Umsatz verfügen. Mit großer Spannung wurde daher erwartet, wer das „Einstein on the Beach“-NFT am Ende der zehntägigen Versteigerung kaufen würde.

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