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Kryptokunst-Kapriolen : Haben oder Sein

Verkaufen nun doch keine Picasso-NFT: Marina Picasso und ihr Sohn Florian Bild: AP

Das Belvedere, Julian Lennon und die Familie Kahlo zeigen, was sich alles als NFT verkaufen lässt. Picassos Erben machen einen Rückzieher, und das ZKM lässt Token verschwinden: die neuesten Kapriolen vom Krypto-Kunstmarkt.

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          Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Regelrecht inflationär erscheint, was inzwischen alles als Non-Fungible Token auf den Markt kommt. Populär sind Zweitverwertungen von Kunstwerken aus analoger Vorzeit, die mit großen Namen verbundenen sind: Von ihnen abgeleitete NFT, also virtuelle Besitzzertifikate in der Blockchain, schaffen schwer zu fassende digitale Warenwelten rund um einen Markenkern mit anerkannter artistischer Gravitas. Das Prinzip ähnelt dem von Museumsshops und Fanartikelläden: Statt bedruckter T-Shirts oder Tassen werden NFT feilgeboten, Sammlerware mit spekulativ wertsteigernder Zukunft.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Kalt, berechnend und Klimakiller, der hohen Rechnerleistung wegen? Romantisch, sagt das Belvedere in Wien und offeriert zum Valentinstag 10.000 NFT, die für die nämliche Anzahl digitaler Ausschnitte von Gustav Klimts „Der Kuss“ stehen. Mehr als ein Strauß roter Rosen kosten die mit persönlicher Liebeswidmung zu ergänzenden Token: je 1850 Euro in Kryptogeld. Den Verkauf wickelt das Haus auf der Plattform thekiss.art mit dem Start-up artèQ ab. Seit vergangenem Mittwoch läuft die Anmeldung, vom 9. Februar an wird verkauft, bis zum 14. des Monats sollen die frisch geprägten Besitzmarken ausgegeben sein. „Was bedeutet der Besitz eines Kunstwerks im digitalen Zeitalter?“, sinniert die Belvedere-Generaldirektorin Stella Rollig angesichts der Aktion. Dabei ist die Antwort einfach: Einnahmen von 18,5 Millionen Euro für das Belvedere, wenn es gut läuft. „Tu felix Austria“, mögen Berliner Museen angesichts dessen seufzen oder ins Land schielen, wo die Zitronen blühen und die Uffizien mit NFT von Corona gerissene Haushaltslöcher gestopft haben.

          Ob für Julian Lennon auch so viel herausspringt? Der älteste Sohn John Lennons will einen Teil des Erlöses aus der NFT-Versteigerung von Beatles-Memorabilia, die er auf der Plattform Yellow Heart über Julien's Auctions abhalten lässt, immerhin an eine von seinem Vater gegründete wohltätige Stiftung spenden. Bis zum 7. Februar kann man online in der Kryptowährung Ether mitbieten. Das Spitzenlos ist ein NFT – dezidiert nicht das Papier! – der Originalnoten des Beatles-Songs „Hey Jude“, wie ihn Paul McCartney als Trostlied für das Trennungsskind Julian aufschrieb.

          Virtuell verkaufen, physisch behalten

          So will Lennon junior, sagt er zumindest, das Erbe seines Vaters würdigen. Es hat etwas schlitzohrig Kathartisches, den Nachlass virtuell zu veräußern, um physisch im Besitz der Objekte zu bleiben.

          Nachfahren eines anderen Übervaters wollten einen etwas anderen Weg gehen: Marina Picasso, Enkelin des Künstlers, und ihr Sohn Florian hatten den Verkauf von 1010 NFT angekündigt, die mit einer bisher nicht öffentlich gezeigten Keramik des Katalanen von 1958 verbunden sein sollten, die demnächst auch physisch versteigert werden würde. Am Freitag, hieß es, starte der Verkauf einer Edition von fünf mal 200 NFT auf dem familieneigenen Marktplatz ManAndTheBeats.com, gefolgt von zehn NFT auf der Plattform Nifty Gateway. Ein Teil des Gewinns fließe einer Charity zu.

          Doch dann stellte der Anwalt der von Picassos Sohn Claude als Nachlassverwalter gegründeten und für die Rechtevergabe zuständigen Picasso Administration klar: Den angekündigten NFT-Verkauf von Pablo Picassos Keramik wird es ebenso wenig geben wie deren physische Auktion. Entsprechend lancierte Verlautbarungen seien „komplett falsch“. Und Urenkel Florian Picasso, seines Zeichens DJ und Musikproduzent, ruderte zurück: Die NTF, die er feilbieten wolle, seien tatsächlich Teil seiner eigenen Arbeiten und nicht etwa von denen seines Urgroßvaters.Man habe sich wohl missverständlich ausgedrückt. Die landläufige Bezeichnung für eine solche Aktion ist tatsächlich eher Etikettenschwindel.

          Neuen Ärger provozieren könnte auch das Streben eines anderen Clans in den lukrativen Kryptomarkt: Mara de Anda Romeo, eine Urgroßnichte Frida Kahlos, verkündet auf der Plattform ezel.life jüngst die NFT-Werdung eines Backsteins aus dem Roten Haus der Künstlerin, der virtuell die Grundlage für eine Kahlo-Metaversum bilden soll. Wir erinnern uns: Dieselbe Mara de Anda Romeo war juristisch gegen die Lancierung einer Frida-Kahlo-Barbie vorgegangen, weil die Puppe nicht repräsentiere, wofür ihr Vorbild gestanden habe.

          Den Deal mit dem Spielzeughersteller Mattel hatte die in Panama ansässige Frida Kahlo Corporation geschlossen, welche von Kahlos Familie und der Firma Casablanca Distributors gegründet worden war - und mit Mara de Anda Romeo über Kreuz liegt. Der Prozess endete ohne Urteil, weil das angerufene amerikanische Gericht sich nicht zuständig sah für mexikanisch-panamaische Querelen. Das neue NFT-Projekt jedenfalls soll während der kommenden Art Basel Miami Beach im Sagamore Hotel vorgestellt werden.

          Halten oder verkaufen, Haben oder Sein: Das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe hat unfreiwillig eine lässig-erhaben über solchem Marktgetriebe stehende Entscheidung gefällt. Daniel Heiss, für die NFT der Sammlung zuständiger Kurator, wollte zwei „CryptoPunks“ aus Sicherheitsgründen in einem neuen Hardware-Wallet, also einer anderen digitalen Brieftasche, speichern. Statt an die Adresse des Wallets schickte er sie versehentlich an die Smart-Contract-Adresse der Entwickler der „CryptoPunks“, einen Ort auf der Blockchain, zu dem niemand den Schlüssel kennt.

          Dort liegen die NFT, die das ZKM 2018 für den Gegenwert von je rund 100 Dollar erwarb und die zurzeit für 170.000 Dollar oder mehr zu veräußern wären, wie eingemauert: Zugriff unmöglich, weiterer Handel ebenso. Und das alles wegen eines Copy-and-Paste-Fehlers. „Wir hatten ohnehin nie vor, die NFT in unserer Sammlung zu Geld zu machen“, sagt Heiss. Nun gehörten sie für immer dem ZKM, unantastbar. Und dürften nebenbei die Nachfrage nach verbliebenen „CryptoPunks“ auf dem Markt steigern.

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