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Leipziger Kunstauktionshaus : Deutsch-deutsche Bildergeschichte

Wendezeitgenossen: Werner Tübke, „Letzte Wahrnehmung I“, 1990, Öl auf Leinwand, 55 mal 75 Zentimeter, Startpreis 35.000 Euro Bild: Maik Börner/VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Schon vor Jahrzehnten baute der Galerist Carlo Schwind von Frankfurt am Main aus Brücken zwischen Ost und West. Nun stellt er das Kunstauktionshaus Leipzig neu auf - und widmet seine erste Versteigerung der Leipziger Schule.

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          Es dauert, bis man Carlo Schwind zum Reden bringt. Und auch dann fallen die Antworten oft knapp aus. Auf die Frage etwa, wie man Kunstauktionator wird, reagiert er zunächst mit einem Fingerzeig auf einen Leitz-Ordner voller Formulare, bevor er sagt: „Mit Nerven und Geduld“, einen Moment lang lächelt und anfügt: „Und mit Nachsicht mit den Behörden.“ Und wieso möchte man das werden, in einem Alter, in dem andere nach der Rente schielen? Er habe, sagt Schwind kaum weniger knapp, aber ohne zu zögern, nicht länger zuschauen wollen, wie Bilder, die er als Galerist einst verkauft hat, andernorts unter den Hammer kamen – und nicht selten zu Preisen zugeschlagen wurden, die er seinen Kunden bei einem Rückkauf durchaus bezahlt hätte.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Am 1. Oktober findet im Kunstauktionshaus Leipzig, das er Anfang des Jahres gekauft hat und das er von angewandter Kunst und Haushaltswaren hin zu bildender Kunst neu ausrichten möchte, die erste Versteigerung statt. Vom Titel des 401 Lose umfassenden Katalogs starrt Karl Marx nachdenklich in die Ferne, eine hohlgegossene Bronze nur des Konterfeis, viel Haar und Bart, wenig Gesicht, geschaffen 1953 vom Bildhauer Fritz Cremer, der vor allem durch Arbeiten von Kriegs- und KZ-Denkmälern bekannt wurde. Dass der Kopf mehr als siebzig Zentimeter hoch ist, sieht man der Abbildung nicht an. Das muss man im Katalog nachlesen. Oder in Leipzig erleben: Dort bestimmt die Skulptur mit ihrer Präsenz jetzt den Eingang des Auktionshauses. Kosten soll sie mindestens 7500 Euro, was we­der durch das Marx’sche Wertgesetz noch durch dessen Arbeitswerttheorie festgelegt ist, nicht einmal durch eine Expertise. Vielmehr ist es die Summe, die der Einlieferer mindestens erwartet.

          Mit Nerven und Geduld: Carlo Schwind
          Mit Nerven und Geduld: Carlo Schwind : Bild: privat

          So wird es im ganzen Katalog gehandhabt, weshalb etliche Lose mit Preisen im niedrigen dreistelligen Bereich ausgezeichnet sind, in der Hoffnung, die Nachfrage werde es richten. Andere Einlieferer hingegen gehen auf Nummer sicher. So wird der Aufruf zweier großer, sich selbst ergebender Akte von Arno Rink bei jeweils 25.000 Euro beginnen, einer wie der Renaissance entstammender Menschentraube von Werner Tübke bei 35.000 Euro – und der als teuerstes Bild herausgehobene „Gelbe Sommerabend“ mit Badenden in einem See von Wolfgang Mattheuer bei 80.000 Euro.

          Die vier Gemälde sind die Blickfänger unter Aberdutzenden von Bildern an den Wänden des großen und hellen Auktionsraums, darunter weitere prominente Künstler wie Bernhard Heisig, Wolfgang Peuker, Hartwig Ebersbach und Ulrich Hachulla, allesamt ältere Vertreter der sogenannten Leipziger Schule, aber auch deren Schüler Heinz Zander und Gero Künzel, Ulf Puder und Michael Triegel. Das Angebot macht einen geschlossenen Eindruck, mit dem unübersehbaren Schwerpunkt auf figurativer Kunst, was auch auf die große Auswahl an Grafiken zutrifft – darunter als eigenes Kapitel im Katalog Blätter aus dem Nachlass Willi Sittes, großteils persönlich gewidmete Ge­schenke seiner Künstlerkollegen zu diversen Anlässen, was den Blättern einen besonderen Reiz verleiht.

          Spitzenlos: Wolfgang Mattheuer, „Der gelbe Sommerabend“,1982, Öl auf Hartfaser, 100 mal 125 Zentimeter, Mindestgebot 80.000 Euro
          Spitzenlos: Wolfgang Mattheuer, „Der gelbe Sommerabend“,1982, Öl auf Hartfaser, 100 mal 125 Zentimeter, Mindestgebot 80.000 Euro : Bild: Kunstauktionshaus Leipzig / Galerie Schwind

          Schaut man zurück auf die Karriere des Galeristen Carlo Schwind, wirkt alles wie harmonisch aufeinander aufgebaut: von der ersten Ausstellung 1989 mit Grafiken in seiner kleinen Wohnung über eine Galerie in Frankfurt, mittlerweile am sechsten Standort, bis zur Eröffnung von Dependancen in Leipzig und Berlin. Aber einen Unternehmensplan hat es nie gegeben. Und auch keinen Anlass dafür, eine solche Entwicklung vorauszusehen. Vielmehr hatte oft der Zufall seine Hände im Spiel. Vielleicht liegt genau darin die Stärke Carlo Schwinds, ihn im richtigen Moment zu packen. So war seine erste Bilderschau nur deshalb Christian Schad gewidmet, weil ihn in Aschaffenburg, Schwinds Heimatstadt, jeder kannte. Beworben hatte er sie mit einer Kleinanzeige im „Main-Echo“ und darin als Kontakt die Telefonnummer der Eltern angegeben. Wenige Wochen später waren die Arbeiten allesamt verkauft. Gleiches geschah mit den Zeichnungen von Karl Hubbuch und Franz Masereel, die er nun schon in einem winzigen La­dengeschäft im Frankfurter Stadtteil Bornheim anbot. Zu den Kunden zählte sogar das Städel. Prompt folgte der Umzug in die Nachbarschaft des Mu­seums für Moderne Kunst in Frankfurts Zentrum; das Galerieprogramm begann an Profil zu gewinnen.

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