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Neues aus der Kunst-Hauptstadt : Bullerbü? Im Gegenteil!

Keramik-Metropole: Isabelle Graeff, „Ständer (Gemeinschaft)“, 2021, glasierte Keramik, 22.000 Euro bei Sexauer Galerie. Bild: Marcus Schneider

Das politische Berlin arbeitet an der Verdorfung der Stadt. Doch in der „Direkten Auktion“ und den Berliner Galerien weht der Geist einer lebendigen Kunst-Metropole.

          2 Min.

          Berlin ist die seltsamste Kunst-Stadt überhaupt. Auf der einen Seite gibt es endlos Geld, um gigantische Museen zu errichten, das Museum des 20. Jahrhundert etwa, das gerade neben Mies van der Rohes teuer und perfekt sanierter Nationalgalerie in die Höhe wächst; auf der anderen Seite fehlen den staatlichen Museen, die sich mit Gegenwartskunst befassen, die Gelder, um ihre Mitarbeiter anständig zu bezahlen. Es gibt Hunderte von Galerien, aber keine ernst zu nehmende Messe, und wegen des Immobilienbooms wird es immer schwieriger, Räume zu finden, in denen aktuelle Kunst produziert und gezeigt werden kann.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Wie man leer stehende Häuser nutzen kann, um ansonsten wenig sichtbare Kunst bekannt zu machen, zeigte zuletzt die vom Berliner Wirtschaftssenat geförderte „Direkte Auktion“; in der 23. Etage des leer stehenden Postbank-Hochhaus am Halleschen Ufer, mit weitem Blick über die Stadt, fand eine der interessantesten Verkaufsschauen Berlins statt.

          Ein Turm für die Kunst

          Die Grundidee dieser unter anderen von dem Publizisten Holm Friebe ins Leben gerufenen Initiative war es, einen Rahmen zu schaffen, in dem Künstlerinnen und Künstler ihre Werke direkt verkaufen. Gedacht war das als Hilfe in Corona-Zeiten und fand im vergangenen Jahr erstmals statt; in diesem Jahr gab es 700 Lose, die Künstler konnten entscheiden, ob sie direkt oder mit ihrer Galerie verkaufen – wenn sie denn eine haben. Vor allem lohnte sich der Gang in den Turm, weil dort zwischen etablierten Größen auch Künstler zu entdecken waren, die noch keine Galerie haben und für die es sonst schwer ist, sichtbar zu werden.

          Brook Hsu, „Vicky“, 2021, Tusche auf Leinwand,  200 mal 160 Zentimeter, Preis auf Anfrage bei Galerie Kraupa-Tuskany Zeidler.
          Brook Hsu, „Vicky“, 2021, Tusche auf Leinwand, 200 mal 160 Zentimeter, Preis auf Anfrage bei Galerie Kraupa-Tuskany Zeidler. : Bild: Galerie Kraupa-Tuskany Zeidler

          Die Auktion war ein großer Erfolg, der Nachverkauf läuft jetzt über direkteauktion.com; oft gibt es für einen Preis, den ein gerahmter Kunstdruck im gehobenen Einrichtungsladen kostet, das Werk von Künstlern zu kaufen, der vielleicht einmal in den großen Museen hängen wird. Thomas Draschans Aufnahmen besprühter Garagentore (“Reichsgaragenverordnung“) werden für 950 Euro angeboten, für 1.400 Euro gibt es Neokonstruktivismus von Nikola Richard (“Ergänzte Winkel“), Verena Issel, die gerade international für ihre Dschungelinstallationen aus Plastikobjekten gefeiert wird, ist mit zwei Gemälden vertreten, die eine wilde Antike zeigen (“Longing for your culture“; „American Medea“) und noch für 1.100 bis 2.000 Euro zu haben sind.

          Vom Bauhaus inspiriert: Liu Ye, Bauhaus No. 7 (Oskar Schlemmer als „The Turk“),  2021, Acryl auf Leinwand auf Holzplatte montiert, 52 mal 80 Zentimeter, Preis auf Anfrage, Galerie Esther Schipper,
          Vom Bauhaus inspiriert: Liu Ye, Bauhaus No. 7 (Oskar Schlemmer als „The Turk“), 2021, Acryl auf Leinwand auf Holzplatte montiert, 52 mal 80 Zentimeter, Preis auf Anfrage, Galerie Esther Schipper, : Bild: Liu Ye / Esther Schipper

          Wie lebendig die Berliner Szene trotz aller Probleme ist, lässt sich auch beim Gang durch die etablierten Galerien sehen: Bei Kraupa Tuskany Zeidler sind dschungelartig verwobene Arbeiten von Brook Hsu zu sehen. Die Künstlerin Cemile Sahin, die für ihre experimentellen Romane „Taxi“ und „Alle Hunde sterben“ auch als Schriftstellerin gefeiert wurde, ist jetzt bei Schipper unter Vertrag und zeigt dort eine Arbeit über die Verträge von Sèvres und Lausanne, bei denen die alliierten Westmächte über das Schicksal des Osmanischen Reichs entschieden; Sahin verschränkt Bild, Skulptur und Text auf eine so noch nicht gesehene Weise zu einem Bildargument, das über die Folgen dieses Vertrags bis heute spekuliert.

          Die Lichter von Manhattan

          Bei Sexauer hat Isabelle Graeff eine zauberhafte Metropole aus glasierten Keramiken aufgebaut, die aus der Entfernung wie ein phantasmagorisches Manhattan aussieht: Hunderte Eicheln liegen zwischen bauchigen Hohlformen, auf denen Kerzen wie Hoch­häuser in die Luft ragen (22.000 Euro).

          Die Flammen spiegeln sich im Boden, als wäre er der schwarze Hudson River; das Glitzern und Flackern der Arbeit erinnert daran, was Menschen einmal in den großen Metropolen mit ihren Millionen Feuerstätten suchten und was jeden, der auf die Skyline von Manhattan zusteuert, berührt: der Anblick von etwas, das zu groß ist, um auf einmal erfasst werden zu können, von feierlichen, enormen Energien und einer größeren Wärme, das ­Versprechen, im Fremden zu verschwinden und ein anderes Leben ­führen zu können – das vollkommene Gegenteil also des seltsamen Schlachtrufs „mehr Bullerbü“, unter dem das politische Berlin gerade an der Verdorfung der Stadt arbeitet.

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