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Nationales Kulturgut : Ein Fahnenträger für den Louvre?

  • -Aktualisiert am

Mehr als 100 Millionen Euro wert? Rembrandts van Rijn, großformatiger „Fahnenträger“ von 1636. Bild: Gemeinfrei

Frankreich erklärt ein Werk von Rembrandt zu nationalem Kulturgut. Jetzt müssen die Mittel für einen Ankauf gefunden werden.

           

          Diesmal soll es erst gar nicht zu einer Debatte kommen. Als bekannt wurde, dass sich die Erben des Sammlerpaars Élie und Liliane de Rothschild von einem der wichtigsten Gemälde Rembrandts, die sich derzeit noch in Privatbesitz befinden, zu trennen beabsichtigen, entschied die „Commission consultative des trésors nationaux“ – die beratende Kommission für nationales Kulturgut in Frankreich –, dem „Fahnenträger“ erst einmal die Ausfuhr zu verweigern.

          Franck Riester, der französische Kulturminister, hat das Werk als nationales Kulturgut eingestuft, was dem Staat nun dreißig Monate Zeit lässt, um die finanziellen Mittel für einen Ankauf durch den Louvre aufzutreiben. Immerhin soll das mehr als 120 mal 100 Zentimeter große Bild eines Landsknechts mit Kriegsfahne, so die Kunstzeitschrift „La Tribune de l’Art“, mehr als hundert Millionen Euro kosten. Der Betrag erscheint nicht völlig unrealistisch. Zuletzt hat der Louvre Abu Dhabi im Dezember Rembrandts kleine Ölstudie eines jungen Mannes, die Christus in Gestalt als Mensch darstellt, bei Sotheby’s in London für 9,48 Millionen Pfund erworben.

          Sturm der Entrüstung

          Erst 2016 war es in Frankreich zu einem Sturm der Entrüstung gekommen, als die ganzfigurigen Porträts von Marten Soolmans und seiner Frau Oopjen Coppit, die zu den Hauptwerken des Niederländers zählen, eine Ausfuhrgenehmigung erteilt bekamen. Sie gehörten zur Sammlung von Eric de Rothschild, und sie wären beinahe im Kunstmarkt gelandet: Der französische Staat hielt den erwarteten Preis von 160 Millionen Euro für zu hoch oder zumindest für unbezahlbar. In letzter Minute wurde dann eine, bisher einmalige, politische und finanzielle Lösung gefunden, indem sich der Pariser Louvre und das Amsterdamer Rijksmuseum den Preis – und damit die Gemälde – teilen. Seither konnte das stolze Kaufmannspaar aus dem Goldenen Zeitalter zunächst von März bis Juni 2018 im Rijksmuseum und dann von September 2018 bis zum Januar im Louvre gezeigt werden. Derzeit ist es in der großen Rembrandt-Ausstellung zum 350. Todesjahr des Meisters wieder in Amsterdam zu sehen.

          Es bleibt zu wünschen, dass auch der „Fahnenträger“ nicht in einer Privatsammlung verschwindet, sondern durch den Ankauf eines großen Museums wie des Louvre, der schon mehrere Rembrandt-Werke – „Christus in Emmaus“, „Bathseba im Bad“, „Philosoph in der Meditation“ – besitzt, dauerhaft gezeigt werden kann: „Die Ausfuhr des Gemäldes, das bislang nur selten öffentlich ausgestellt war, würde einen schweren Verlust für das nationale Kulturgut bedeuten“, heißt es in der Pressemitteilung des Kulturministeriums.

          Dennoch steht die Frage im Raum, ob Frankreich Anspruch auf das Gemälde hat, weil es eben seit fast 180 Jahren im Besitz der französischen Rothschild-Familie ist; vor 1840 gehörte es dem englischen König George IV. Oder ob es nicht vielmehr die Niederlande als Heimat des Künstlers für sich beanspruchen könnten? Rembrandt malte den „Fahnenträger“ 1636 in Amsterdam, im Alter von 33 Jahren und auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens. In freier Pinselführung schafft er dramatische Hell-Dunkel-Effekte. Der anonyme Dargestellte in der Uniform des Landsknechts wird im Profil gezeigt, wendet sich aber mit einem herausfordernden, fast herrischen Blick dem Betrachter zu. Die Vermutung, dass es sich um ein verstecktes Selbstporträt handeln könnte, ist durchaus naheliegend.

          Dass die Mittel für den Ankauf gefunden werden können, liegt im Bereich des Wahrscheinlichen. Mit Sicherheit aber wird es Kritik geben, gleichgültig ob das Werk nun für den Louvre gekauft oder doch für den Markt freigegeben wird. Nach dem Brand von Notre-Dame wurde innerhalb von nur 24 Stunden eine Milliarde Euro für den Wiederaufbau gespendet. Die Großzügigkeit der französischen Industriellen-Mäzene stieß allerdings nicht nur auf Bewunderung oder Dankbarkeit, sondern auch auf herbe Kritik daran, dass für eine Kathedrale in kürzester Zeit schwindelerregende Summen bereitgestellt werden, während laut offizieller Statistik 3,6 Millionen Franzosen dauerhaft in unwürdigen Verhältnissen leben. Ähnliche Argumente könnten auch einen Erwerb des „Fahnenträgers“ durch den Staat treffen.

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