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Nachruf : Ideen habe ich genug, nur die Zeit ist zu kurz: Zum Tode der Galeristin Dorothea Loehr

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Dreiunddreißig Jahre hielt Dorothea Loehr an ihrem Konzept, dem Leben mit Hilfe der Kunst eine Form zu geben, fest. Wie sehr sie mit ihrer Versöhnung von Kunst und Design, ihrer Durchmischung von öffentlichem und privatem Raum ihrer Zeit voraus war, ist erst jetzt zu erahnen.

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          Trends hinterherzulaufen war Dorothea Loehrs Sache nicht. Sie stellte aus, was sie für gut und richtig hielt, darunter Werke von Persönlichkeiten wie Max Beckmann, Lucio Fontana und Marcel Broodthaers. Dabei beeindruckten sie große Namen nur wenig. Denn als sie sich 1960 mit Ende Vierzig entschloß, den Beruf der Galeristin zu ergreifen, wußte sie, um was es ihr ging: Sie wollte einer Kunst, die das Leben bereichert, ein geeignetes Forum bieten. So fragte sie niemals nach Kunstrichtungen oder Stilbegriffen. Figurative und abstrakte Malerei, Grafik, Skulptur, Fotografie, konkrete und konstruktive Kunst, Happening und Rauminstallation, alles dies fand in ihrem Herzen und somit auch in ihren Räumen Platz.

          1913 in Pommern als Dorothea Wendel geboren, heiratet sie früh, reicht 1941 die Scheidung ein - mit einem Ziel vor Augen, selbständig zu werden. Dorothea Loehr will Fotografin werden. Doch der Zweite Weltkrieg macht das Examen unmöglich. So hält sie sich eine Weile als Porträtfotografin über Wasser, bis sich ihr die Chance bietet: 1954 übernimmt sie die Bauhütte Möbel GmbH in Berlin und vertreibt Möbeldesignklassiker der Moderne von Alvar Aalto und Charles Eames bis zu Egon Eiermann, aber auch Kastenmöbel des Architekten Günther Hönow. Im November 1959 eröffnet sie eine Filiale in Frankfurt und fühlt sich dort viel freier als in der „Enklave Berlin“. In ihren Geschäftsräumen in der Großen Friedberger Straße kombiniert sie bereits Ende der fünfziger Jahre, gedanklich in der Tradition des Bauhauses stehend, mit größter Selbstverständlichkeit Kunst und Design - für manchen bis heute eine grobe Regelverletzung. 1961 mietet sie Räume in einer Jugendstilvilla im Frankfurter Westend, von Daniel Spoerri liebevoll „Dorotheanum“ genannt.

          Gespür für Qualität und Stringenz

          Doch ihren Erfolg als Galeristin verdankt sie vor allem dem mutigen Entschluß, das prestigeträchtige Westend zu verlassen und 1964 ein altes Bauerngehöft am Rande der Stadt, in Alt Niederursel 41, zu beziehen. Ausgerechnet dieses ländliche Ambiente, bestehend aus einem Wohnhaus und Stallungen rund um einen kopfsteingepflasterten Innenhof, erweist sich als idealer Ort für die transgressive Kunst der sechziger Jahre. Hier finden Lesungen, Filmabende und Diskussionsrunden mit Rolf Dieter Brinkmann, Adam Seide, Dietrich Mahlow und Rochus Kowallek statt. Zum Happening „bloomsday“ laden Bazon Brock, Franz Mon und Wolf Vostell ein. Paul Maenz, damals noch weit davon entfernt, selbst als Galerist tätig zu werden, zelebriert lange gemeinsam mit Jan Dibbets, Richard Long, Konrad Lueg, Charlotte Posenenske und Peter Roehr die Vergänglichkeit allen Seins. Bis in die neunziger Jahre hinein vertraut Dorothea Loehr auf ihr ausgeprägtes Gespür für Qualität und Stringenz, stellt unter anderen Max Mohr und Gerald Domenig aus.

          Dreiunddreißig Jahre hielt Dorothea Loehr an ihrem Konzept, dem Leben mit Hilfe der Kunst eine Form zu geben, fest. Wie sehr sie mit ihren multimedialen, diskursorientieren Aktivitäten an der Peripherie der Stadt, mit ihrer Versöhnung von Kunst und Design, ihrer Durchmischung von öffentlichem und privatem Raum ihrer Zeit voraus war, ist erst jetzt zu erahnen. Ihr Handeln hat sie nie bereut, auch wenn sie gegenüber Astrid Kießling, die eine Dokumentation über die Galerie herausgegeben hat, einmal offenbarte, daß es durchaus ein harter und entbehrungsreicher Weg war. Leid tat es ihr lediglich um all das, was sie nicht mehr verwirklichen konnte. „Ideen habe ich genug“, sagte sie, „nur die Zeit ist zu kurz.“ Am 27. August ist Dorothea Loehr im Alter von 93 Jahren gestorben.

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