https://www.faz.net/-gqz-sia3

Nachlaß Bloch-Bauer : Schweigen und Gold

Der amerikanische Unternehmer Ronald Lauder soll 135 Millionen Dollar für Gustav Klimts Porträt „Adele Bloch-Bauer I“ von 1907 bezahlt haben: Das wäre der höchste Preis, der je für ein Gemälde gezahlt wurde.

          3 Min.

          Nun ist offiziell bekanntgegeben, was Beobachter des globalen Kunstmarkts ohnehin vermutet haben, seit die fünf Gemälde Gustav Klimts aus dem Nachlaß von Adele und Ferdinand Bloch-Bauer Anfang dieses Jahres vom österreichischen Staat an die rechtmäßige Erbin in Kalifornien zurückgegeben worden waren: Der passionierte Sammler, Mäzen, Mitbegründer, Präsident und Besitzer des New Yorker Museums Neue Galerie, Ronald S. Lauder, dem gemeinsam mit seinem älteren Bruder Leonard das Estée-Lauder-Kosmetikimperium gehört, hat das Hauptstück des Klimt-Konvoluts, „Adele Bloch-Bauer I“ aus dem Jahr 1907, gekauft. Es wird seinen Platz in der Neuen Galerie finden, die sich auf allerhöchstem Niveau Kunst und Kunsthandwerk aus Deutschland und Österreich widmet.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Der Restituierung der Gemälde, die jahrzehntelang in der Österreichischen Galerie im Oberen Belvedere in Wien hingen, war eine juristische Auseinandersetzung zwischen der Republik Österreich und der in Los Angeles lebenden Maria Altmann, der Nichte und Erbin des kinderlosen Ehepaars Bloch-Bauer, vorausgegangen. In diesem Prozeß nahm das Ansehen Österreichs massiven Schaden, denn die Regierung weigerte sich, das Restitutionsgesetz auf die berühmten Bilder anzuwenden. Sie waren der Familie Bloch-Bauer 1938 von den Nationalsozialisten gestohlen worden. Österreich berief sich auf einen testamentarischen Wunsch der 1925 frühverstorbenen Adele Bloch-Bauer, die Werke der Österreichischen Galerie zu vermachen. Ihr Mann Ferdinand, der 1945 im Exil in der Schweiz starb, verfaßte allerdings ein Testament, das die Kinder seines Bruders Gustav bedachte. Nach dem sechs Jahre währenden Rechtsstreit sprach ein Schiedsgericht in Österreich im Januar die Gemälde schließlich Maria Altmann zu.

          Eine Mona Lisa für New York

          Seit einigen Wochen sind die fünf Bilder im Los Angeles County Museum ausgestellt, als Leihgaben der Erben. Neben der singulären „Adele I“ handelt es sich um „Adele Bloch-Bauer II“ (1912), einen „Birkenwald“ (1903), den „Apfelbaum I“ (um 1912) und „Häuser in Unterach am Attersee“ (um 1916). Gestern nun gab Lauders Neue Galerie den Ankauf der sogenannten „Goldenen Adele“ bekannt: Sie sei für das New Yorker Museum, was die „Mona Lisa“ für den Louvre ist.

          Immer wieder waren - kaum verwunderlich angesichts der Prominenz - hohe Summen genannt worden für die fünf Bilder, meist im Bereich von zusammen 300 Millionen Dollar. Die „New York Times“ meldet jetzt eminente 135 Millionen Dollar als Preis für „Adele Bloch-Bauer I“; die Zeitung beruft sich dabei auf einen anonymen Informanten, der mit dem Geschäft vertraut sein soll. Ronald Lauder selbst hat offenbar nicht dementiert, daß er einen „Rekordpreis“ bezahlt habe, der oberhalb der 104,1 Millionen Dollar (das bei Auktionen übliche Aufgeld eingerechnet) liegt, die Picassos „Garçon à la pipe“ von 1905, das bislang teuerste Bild der Welt, im Mai 2004 in einer Sotheby's-Auktion gekostet hat.

          Noch im Februar hatte E. Randol Schoenberg, der Enkel des Komponisten Arnold Schönberg und in Los Angeles ansässiger Anwalt von Maria Altmann, den Marktwert der „Goldenen Adele“ bei 85 Millionen Euro eingeschätzt, umgerechnet knapp 103 Millionen Dollar. Es heißt, das Auktionshaus Christie's sei bei der privaten Transaktion vermittelnd tätig gewesen. Möglicherweise hatte Lauder Mitbewerber um das singuläre Werk, was den Preis nach oben trieb. Der aktuelle internationale Kunstmarkt kennt solche Kunden, vor allem aus Rußland, wo sich höchstwahrscheinlich das nunmehr dritteuerste Gemälde der Welt befindet, Picassos „Dora Maar au chat“, die in diesem Mai bei Sotheby's 95,2 Millionen Dollar brachte.

          Goldikone des Fin de siècle

          Jedenfalls wird „Adele I“ in der Neuen Galerie ein Schild begleiten, das sagt: „Diese Erwerbung wurde ermöglicht zum Teil durch die Großzügigkeit der Erben des Nachlasses von Ferdinand und Adele Bloch-Bauer.“ Und tatsächlich ist sie eine der wahren unter den sogenannten „Ikonen“, nicht nur des Markts, sondern auch der Kunstgeschichte. In dem mit Gold überfluteten und zum Ornament hin stilisierten Porträt bekennt sich Gustav Klimt auch zu einer neuen weiblichen Identität, in der die urbane Bourgeoise mit der notorischen Nervosität des Fin de siècle Gestalt wird.

          Als „Gustav Klimt: Five Paintings From the Collection of Ferdinand and Adele Bloch-Bauer“ wird die „Goldene Adele“ im Kreis der anderen vier Gemälde des Bloch-Bauer-Konvoluts vom 13. Juli bis zum 18. September in der Neuen Galerie an der Fifth Avenue ausgestellt. Was danach mit den anderen Bildern geschehen wird, ist noch nicht klar. Möglicherweise werden sie bei Christie's in New York zur Auktion kommen. Allein für das zwar weniger spektakuläre, aber impressionistisch zarte Bildnis „Adele II“ hatte Schoenberg schon von sechzig Millionen Euro gesprochen, für die Landschaften von je 28,5 Millionen Euro. Umgerechnet sind das Erwartungen von weiteren rund 170 Millionen Dollar; ob die Landschaften diese mittragen, ist fraglich.

          Vielleicht hat keine andere Stadt eine darartig innige Affinität zur Wiener Kultur der vorletzten Jahrhundertwende wie New York. Lauders Neue Galerie ist ein wunderbarer Ort für „Adele I“. Dort trifft sie auf ihresgleichen, auch aus der Sammlung des 1996 gestorbenen Serge Sabarsky, der mit Lauder gemeinsam das Museum gegründet hat.

          Weitere Themen

          Er ist nicht da

          Leonardo in Paris : Er ist nicht da

          Experten, Markt, Museen: In der Leonardo-Schau im Pariser Louvre steckt eine enorme Brisanz für das weltweite Geschäft mit Kunst.

          Topmeldungen

          Altersvorsorge : Rentenpolitik ohne Kompass

          Die Koalition lobt die Grundrente als einen „sozialpolitischen Meilenstein“. Die Wahrheit ist: Die Grundrente wird weder das Vertrauen in den Generationenvertrag stärken, noch taugt sie als Konzept gegen Altersarmut.
          Kahlschlag im Netzwerk: Produktion des norddeutschen Windkraftanlagenherstellers in Magdeburg

          Enercon in der Krise : Angst vor Kahlschlag in der Windbranche

          Der Hersteller Enercon aus Aurich will Tausende Stellen streichen und schreckt Politik und Gewerkschaften auf. Geschäftsführer Kettwig fordert Hilfe für die Industrie. Braucht es die tatsächlich?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.