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Schweizer Debatte : Raubkunst oder Fluchtgut?

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Viele Juden verkauften ihre Kunstsammlungen auf der Flucht aus dem NS-Staat. In der Schweiz gilt das bis heute nicht als „verfolgungsbedingter Verlust“. Die Nachlassregelung im Fall Gurlitt erfordert eine neue Debatte.

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          Ob das Kunstmuseum Bern die Kunstsammlung von Cornelius Gurlitt tatsächlich erhalten wird, entscheidet sich nicht vor Oktober. Einige Verwandte bezweifeln die Testierfähigkeit des alten und kranken Mannes kurz vor seinem Tod und haben den Letzten Willen juristisch angefochten; nun soll ein Gutachten geschrieben werden, das Gegengutachten und Gegengegengutachten provozieren könnte.

          In der Schweiz wächst unterdessen der Widerstand gegen mögliche Konsequenzen aus dem umstrittenen Erbe. Dass die Sammlung Gurlitt seit mehr als einem Jahr in quälender Langsamkeit und Intransparenz auf NS-Raubkunst untersucht wird, hat den Eidgenossen viel Zeit für eine ungewollte Debatte über die Rolle der eigenen Museen und des Kunsthandels zwischen 1933 und 1945 gegeben. Vor allem Vertreter des Kunsthandels bemühen sich nun um eine Neudefinition des Themas, die hinter den deutschen Maßstäben zurückbleiben und vor allem das sogenannte „Fluchtgut“ ausklammern soll. Eine Tagung Ende August in Winterthur wird dieser bereits mehrfach geäußerten Forderung noch einmal Nachdruck verleihen.

          Aktiv geraubt oder enteignet

          Anlass ist die im vergangenen Jahr zwischen dem Kunstmuseum Bern, der Bundesregierung in Berlin und dem Freistaat Bayern geschlossene Vereinbarung zur Sammlung Gurlitt. Sie geht deutlich weiter als jene „Washingtoner Erklärung“, die 1998 neben 42 anderen Staaten auch Deutschland und die Schweiz unterzeichnet haben - für manche Verantwortliche zu weit. So bestätigen an den Verhandlungen zwischen Bern, Berlin und München Beteiligte heute, dass damals Schweizer Regierungsstellen versucht hätten, nicht die sogenannte „Berliner Erklärung“ von Dezember 1999 in den Vertragstext aufzunehmen. In ihr hatten Bund, Länder und Kommunen im Vergleich zur Washingtoner Erklärung beispielsweise die Beweislast umgedreht: Steht ein Werk in einem öffentlichen deutschen Museum unter Raubkunstverdacht, muss ihn das Museum entkräften. Kulturstaatsministerin Monika Grütters betonte bei der Unterzeichnung außerdem, dass auch jene Werke zeitnah an die ursprünglichen Besitzer oder ihre Erben restituiert werden sollen, bei denen es „nur“ eine hohe Wahrscheinlichkeit für den Raubkunstverdacht gibt.

          Die Berliner Erklärung legt auch fest, dass nicht nur Werke zurückgegeben werden müssen, die ihren Eigentümern aktiv von den Nationalsozialisten weggenommen wurden: Deutschland definiert, anders als die Schweiz, auch sogenanntes Fluchtgut als zu restituierendes - jenen Besitz also, den zumeist jüdische Besitzer zwar ins sichere Ausland, etwa die Schweiz, bringen konnten, den sie dort aber verkaufen mussten, um ihre weitere Flucht oder den eigenen Lebensunterhalt finanzieren zu können. Ob ein deutsches Museum entsprechende Werke dann nach dem Krieg möglicherweise gutgläubig, also ohne von deren NS-Geschichte zu wissen, gekauft hat, spielt dabei keine Rolle. In der Schweiz gilt bislang als NS-Raubkunst fast ausschließlich, was seinem früheren Besitzer vom deutschen Staat aktiv geraubt oder enteignet wurde. Nur das Kunstmuseum Bern hat sich in der im vergangenen Herbst unterzeichneten Gurlitt-Vereinbarung den deutschen Definitionen faktisch angeschlossen. Andere Schweizer Museen sind dazu offenbar nicht bereit und verhalten sich bei Restitutionsanfragen auch entsprechend.

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