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Sammlung Kicken ins Museum : So viel Fotografie war noch nie

Eadweard Muybridge, Bewegungsstudien „Females (Nude)“ aus „Animal Locomotion. An Electro-Photographic Investigation of Consecutive Phases of Animal Movements“, Abzug um 1887. Bild: Galerie Kicken

Dieser Ankauf ist ein Bekenntnis: Das Museum Kunstpalast in Düsseldorf bekommt die bedeutende Sammlung Kicken. Der Rat der Stadt hat einen großen Beschluss gefasst.

          Der Rat der Stadt Düsseldorf hat gestern den Erwerb der Sammlung der Galerie Kicken beschlossen. Der auf zwölf Millionen Euro geschätzte Bestand umfasst 3039 Abzüge und geht nun an das Museum Kunstpalast. Angekauft werden 1823 Fotos; die übrigen 1216 Bilder, dem Wert nach ein Drittel des Konvoluts, sind eine Schenkung von Annette Kicken. Der tatsächlich gezahlte Preis läge demnach bei acht Millionen Euro. Vermutlich wurde noch nie von einer deutschen Institution eine derartige Summe für Fotografie ausgegeben. Dieser Ankauf ist mehr als ein Coup. Er ist ein Bekenntnis.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Erst im Oktober 2017 wurde die Stelle des Generaldirektors und künstlerischen Leiters des Düsseldorfer Museums mit Felix Krämer neu besetzt. Er hat etliche Visionen mitgebracht. Für das Haus, das größte städtische Museum, sieht er eine umfangreiche Sanierung vor, bei der vor allem Baumängel behoben werden sollen.

          Doch werden auch die Säle attraktiver gestaltet, und mit einem Restaurant im Erdgeschoss schwebt Krämer vor, das Haus am Ehrenhof „zum Wohnzimmer der Stadt“ zu machen. Mit der für Herbst 2021 geplanten Neueröffnung könnte dann auch die Fotografie gleichberechtigt neben den anderen Medien der Kunst hängen – ein Konzept, das Krämer bereits im Frankfurter Städel umgesetzt hat. Dort war er von 2008 bis 2017 Sammlungsleiter der Kunst der Moderne und 2011, nach der Erweiterung des Museums, verantwortlich für die Neupräsentation.

          Man Ray, (1890 – 1976), „Les Larmes“, 1933 (Abzug 1990 von Pierre Gassmann.

          Mit dem Erwerb der Fotografiesammlung von Uta und Wilfried Wiegand sowie einem großen Teil der privaten Sammlung von Annette und Rudolf Kicken verfügte er im Städel auf Anhieb über einen Fundus mehrerer tausend Abzüge von musealer Qualität und damit über genügend Material, um nahezu alle Kabinette mit anregenden Gegenüberstellungen zu bestücken – von der Romantik bis zum Surrealismus, vom Orientalismus bis zur Neuen Sachlichkeit. Heinrich Kühns Damenbildnisse im aufwendigen Edeldruckverfahren stehen der Malerei des Impressionismus und Jugendstils zur Seite.

          Walter Heges Architekturaufnahmen der dreißiger Jahre ergänzen die Kunst dieser Zeit. So wurde der Zugang für alle jene, die sich mit Fotografie nie beschäftigt hatten und sie vor allem im Städel nicht erwarteten, geradezu spielerisch eröffnet. Der Gewinn ist kaum zu messen, und es kann nur an einem Mangel an Möglichkeiten liegen, dass nicht andere Häuser sofort dem Beispiel folgten.

          August Sander (1876 – 1964), Bauernmädchen, 1928 (Abzug 1980 von Gunter Sander).

          Dabei geht es Felix Krämer keineswegs nur um einen pädagogischen Auftrag. Er ist davon überzeugt, dass die Fotografie über die Zukunftsfähigkeit der Kunstmuseen entscheide. Unbestritten ist sie das Medium, das eine große Zahl junger Besucher in die Häuser holt. Gerade im Kunstpalast hat man damit reichlich Erfahrung sammeln können. Ganze Etagen wurden für Ausstellungen etwa der Arbeiten von Wim Wenders freigeräumt, vor allem jedoch für Fotografen der „Düsseldorfer Schule“ wie Candida Höfer, Axel Hütte und Andreas Gursky. Umso unverständlicher ist es, dass in Düsseldorf bisher keine Institution ernsthaft Fotografie gesammelt hat. Mit den Bildern von Annette und Rudolf Kicken ist nicht nur ein Grundstock geschaffen. Die schiere Anzahl sowie der Rang der einzelnen Aufnahmen liefern Material für Ausstellungen auf Jahrzehnte hinaus.

          Bisher verstehen sich vor allem Berlin und Hamburg, Köln und München als Zentren für Fotografie. Dass nun dieses Konvolut nach Düsseldorf geht, liegt am persönlichen Engagement, aber auch am föderalen Gedanken Deutschlands. Andernorts wäre die Sammlung eine großartige Ergänzung. In Düsseldorf ist sie ein Manifest. Dass sich mit dem Material etliche Korrespondenzen zu Bernd und Hilla Becher und zu deren Schülern verbinden, ist selbstredend: von den naheliegenden Beispielen wie August Sander, Albert Renger-Patzsch und Karl Blossfeldt bis zur amerikanischen Farbfotografie der siebziger und achtziger Jahre. Doch spielt das nur eine sekundäre Rolle. Denn mit großartigen Beispielen der Kicken-Sammlung aus den Jahren 1840 bis 1990 lässt sich die Fotografiegeschichte selbst nacherzählen. Die Liste der Fotokünstler liest sich wie ein Who’s Who des Mediums. Jedes Genre und nahezu jede Strömung sind vertreten, von Akt bis Reportage, von Piktoralismus bis Konzeptkunst. Wer sich durch das Material blättert, entdeckt eine Ikone nach der anderen.

          Da es sich bei den Abzügen um den Bestand der Galerie des Ehepaars Kicken handelt, bedeutet der Verkauf zugleich, dass Annette Kicken vier Jahre nach dem Tod ihres Mannes die Galerie in der bisherigen Form schließen wird. So findet dieses mehr als vierzig Jahre währende Engagement für die Anerkennung des Mediums Fotografie als Kunst mit der Übergabe an das Museum seinen Höhe- und Endpunkt und die größte Bestätigung.

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