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Museen und der Kunstmarkt : Ein gefährlicher Flirt

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Der kleinste Zweifel an der Unersetzlichkeit der Kunst in Museen ist gefährlich. Die Stadt Hagen hat mit Gerüchten für Unruhe gesorgt. Das ist fatal, denn der Markt will Spitzenwerke.

          Um Löcher im städtischen Haushalt zu stopfen, wird in der westfälischen Stadt Hagen wieder über den Verkauf von Kunstwerken nachgedacht. Die aktuellen Überlegungen reihen sich damit ein in eine in Deutschland vermutlich einzigartige Geschichte von Kunstverlusten, die gerade in dieser Stadt, in der Karl Ernst Osthaus 1902 das Folkwang-Museum gegründet hat, eine tragische Kontinuität hat.

          Der Verkauf der Folkwang-Sammlung nach dem Tod des Museumsgründers 1921 ist hinreichend beklagt worden. Im kulturellen Selbstbewusstsein der Stadt hat dieser Aderlass eine tiefe Narbe hinterlassen. Weniger bekannt ist, dass das von Henry van de Velde ausgebaute Folkwang-Gebäude nach dem Abzug der Sammlung sorglos dem Energieversorger der Stadt als Verwaltungssitz überlassen wurde, bevor es von 1955 an wieder als Museum genutzt wurde. Die originale Ausstattung von van de Velde und Peter Behrens ist damit weitgehend verloren.

          Die Geschichte der Kunstverluste ging weiter

          Der „Hohenhof“, das von van de Velde unter Beteiligung von Hermann Haller, Ferdinand Hodler, Henri Matisse und Johan Thorn Prikker als Sammlervilla für Osthaus geschaffene Gesamtkunstwerk und seit 1927 in städtischem Besitz, wurde in derselben Zeit erst als Gauverwalterschule, dann als Frauenklinik genutzt. Das bukolische Fliesentriptychon von Henri Matisse ist dafür übertüncht und die von Maillol geschaffene Gartenplastik „Sérénité“ schon 1926 von den Osthaus-Erben verkauft worden.

          Nicht weniger unglücklich verlief die Geschichte des städtischen Christian-Rohlfs-Museums, das 1930 - quasi als Ausgleich für den Verlust der Folkwang-Sammlung - gegründet wurde und als erstes Museum in Deutschland den Namen eines noch lebenden Vertreters der Moderne trug. Wenige Jahre später, nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933, musste der greise, in Hagen lebende Maler - auch das ein einzigartiger Fall - erleben, wie die Namensgebung rückgängig gemacht wurde. Dass auch die nunmehr unter dem Namen „Städtisches Museum ,Haus der Kunst’“ bestehende Sammlung 1937 im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ geplündert wurde, muss kaum eigens erwähnt werden: Beschlagnahmt wurden neben mehr als zweihundert Arbeiten von Rohlfs Werke von Jankel Adler, Lyonel Feininger, Käthe Kollwitz, Emil Nolde, Egon Schiele und vielen anderen.

          Doch damit nicht genug: Auch in der Nachkriegszeit wurde die Geschichte der Hagener Kunstverluste aktiv fortgeschrieben: 1954 veräußerte die Stadt das wandfüllende, 1908 für den Hohenhof erworbene Gemälde „Herbst vor Paris“ von Édouard Vuillard. Es hängt seither im Los Angeles County Museum; und noch 1998 verkaufte der damalige Direktor Michael Fehr Gerhard Richters enigmatisch verdoppeltes „Seestück (See-See)“ von 1970, das 1971 vom Förderverein des Museums angekauft worden war.

          Die Einzigartigkeit macht den Wert aus

          An den Kunstwerken, die die Stadt Hagen bereits verloren hat, ebenso wie an der 2006 entfachten Diskussion um den Verkauf des Gemäldes „Das Parlament. Sonnenuntergang“ (1904) von Claude Monet, mit dem in Krefeld die Sanierung des Kunstmuseums finanziert werden sollte, zeigt sich die Dramatik des Themas: Finanziell interessant ist nur der Verkauf von Spitzenwerken. Doch diese Werke wären natürlich nicht die begehrten Stücke des Kunstmarkts, wenn sie in den Museen gleichsam entbehrlich wären.

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