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Münchner Saisonbeginn : Kunst gibt es auch im Beauty Salon

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Mit vollem Schwung in die Herbstsaison: Die Galerien bei „Open Art“ und „Various Others“ in München.

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          Mit einem gelungenen Aufwärtsschwung legt die Vereinsgründung „Various Others“ nach dem Testlauf 2018 jetzt die Kür des Münchner Saisonbeginns hin: Dort engagieren sich – neben jungen und etablierten Galerien – auch Off-Spaces und mit zeitgenössischer Kunst befasste Museen und Institutionen. Ziel des Vereins ist es, die Strahlkraft des Kunststandorts München aufzupolieren und die Außenwahrnehmung auf eine lebendige und innovative Szene zu lenken. Mit großenteils internationalen Kooperationspartnern richten sich Ausstellungen und Panels, Preisvergaben und Performances an ein Publikum, das München noch nicht auf der Kunst-Agenda hat. Ohne auf Konfrontationskurs zur klassischen „Open Art“ zu gehen, dem nach dreißig Jahren in etwas starre Bahnen gerutschten Start der Galerien in den Kunstherbst, nutzt der Neuling denselben Eröffnungstermin und zeigt auch Überschneidungen durch Teilnehmer, die beiden Initiativen angehören.

          Eine Schlüsselfigur im Galerienzirkel der Stadt ist Barbara Gross, deren Arbeit dermaßen überzeugt, dass die Stadt München sie kürzlich mit ihrem Kunstpreis ehrte. Seit dreißig Jahren investiert Barbara Gross viel Energie in gemeinschaftliche Belange der Szene, vor allem aber engagiert sie sich mit Nachdruck für Künstlerinnen. Gerade zeigt sie, gemeinsam mit der Galerie Hollybush Gardens aus London, Andrea Büttner mit Radierungen und mit Holzschnitten, einer Lieblingstechnik der Künstlerin. Schon in den neunziger Jahren reizte Büttner dieses Medium, das man mit Mittelalter und Expressionismus assoziiert, also auch mit Religiosität und Emotionalität, und das sie konzeptuell nutzt. Die Serie der „Beggars“ handelt von einer mit wenigen rohen Schnitten angelegten, verhüllten Figur mit vorgestreckten Armen. Büttner zitiert da die Skulptur einer Bettlerin von Ernst Barlach, in der sie die treffendste Verbindung von Armut und Scham sieht – zwei Themen, deren Umsetzung in der Kunst sie seit langem beschäftigt. Aber auch die Position des Künstlers sieht Büttner darin verkörpert, der sich dem Publikum mit seinem Werk hilflos, vielleicht auch gepeinigt ausliefert. (Preise 8900 und 23.800 Euro. Bis zum 31.Oktober.)

          Die Vielfalt der Zusammenarbeiten stiftet ein abwechslungsreiches Gesamtbild. Gemeinsam mit Sperone Westwater aus New York stemmt die Galerie Bernd Klüser „Il Mondo animale“, einen artenreichen und amüsanten Ausflug in die Tierwelt. Bei Schöttle gastiert die chinesische Großgalerie Shanghart mit Ding Yi, der sich mit konsequent aus Kreuzstrukturen aufgebauter Malerei in den Achtzigern als einer der ersten Künstler in China der Abstraktion zuwandte. Christine Mayer will diesmal auf das Format Off-Space hinweisen, das schon immer die Keimzelle für Karriere darstellt: Goldie’s Gallery betreibt der Künstler Trevor Shimizu in seinem New Yorker Appartement im Spielbereich seiner kleinen Tochter Goldie. Der Gastauftritt vereint seine Künstler und solche der Galerie Christine Mayer, die bei allen Unterschieden „ein großzügiger Freigeist und die Suche nach neuen Formen“ verbindet, unter anderen sind das André Butzer, Antoine Catala, Andy Hope 1930 und Rafael Delacruz. Dass sämtliche Arbeiten lustigerweise auf Augenhöhe der wohl etwa vierjährigen Goldie installiert wurden, soll zeigen, dass mit der Kunstbetrachtung gar nicht früh genug begonnen werden kann. (Bis zum 19. Oktober.)

          Auch der Künstler Paul Morrison betätigt sich als Kurator, in London in einem alten Bankgebäude und in München jetzt im Projektraum von Sabine Knust und Matthias Kunz. „Dark Lantern“ nennt er seine sehenswerte Auswahl kleiner Formate von dreißig Künstlern, die „Variationen von Verschleierung und Erleuchtung, Hell und Dunkel, Sprache und Intuition am Vorabend des Brexit“ durchspielen. (Preise von 750 Euro an. Bis zum 15.Oktober.) Neu bei Various Others ist Nir Altman, der 2016, nach seiner Galerietätigkeit in Tel Aviv, Räume in einem ehemaligen Beauty Salon in München eröffnete. Altmann holte die Leipziger Galerie Tobias Naehring für eine Gruppenschau raumbezogener Werke ins Boot. In die Mitte nehmen sie Eva Grubinger, deren aus dem Kontext geschobene und im Maßstab veränderte Objekte oft historische Ereignisse implizieren. So kann ein gigantisch dickes Schiffstau, das in zwei großen, um Hals und Handgelenk passenden Schlingen endet, an Matrosenaufstände und Meuterei erinnern (9500 Euro). (Bis zum 13. Oktober).

          Bei Jahn und Jahn steht ganz junge Kunst neben einem reifen Œuvre. „Computer und Papier“ untersucht bei Matthias Jahn, wie die Digitalisierung auf künstlerische Konzepte einwirkt, und Fred Jahn präsentiert zum neunzigsten Geburtstag von Rudi Tröger Werke aus fünf Jahrzehnten. Tröger blieb immer beim Gegenstand, bei Landschaft, Porträt und Objekten des Täglichen, aber immer mehr löste sich das Sujet vom Abbild, um in immer wieder überarbeiteter, schließlich förmlich vibrierender Farbmaterie aufzugehen. Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog mit Texten von Siegfried Gohr (Preise von 11.000 bis 48.000 Euro). (Bis zum 12.Oktober.)

          Nicht zu verwechseln mit Jahn und Jahn ist die ebenfalls im Gärtnerplatzviertel gelegene Galerie Jahn Pfefferle. Dort hat der Landshuter Galerist Wolfgang Jahn Räume und Bestände des im Januar gestorbenen Karl Pfefferle übernommen. In Überschneidungen etwa bei Dokoupil und Bernd Zimmer lag bereits eine Nähe beider Programme, als ein Schwerpunkt bei Kunst der Achtziger. Zur Open Art ist das Feld mit Hubert Scheibl um eine abstrakte Position erweitert. Der Österreicher zeigt mit großer malerischer Geste schwebende Schlaufen über geheimnisvoll glimmenden Gründen und dicht geschichtete Farbräume von erheblicher Tiefe. (Preise von 21.400 bis 78.000 Euro. Bis zum 31. Oktober.) Dagegen folgen die jüngsten Gemälde von Peter Halley bei der Galerie ThomasModern wieder messerscharfer Präzision, wenn der amerikanische Künstler sein Lebensthema der „Cells“ und „Prisons“ in delikaten Farbkompositionen zu neuen Höhen führt. (Preise von 128.000 bis 148.000 Euro.) (Bis zum 9.November.)

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