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Münchner Ergebnisse I : Scheiben im Höhenflug

  • -Aktualisiert am

Ernst Wilhelm Nay steigt in ungeahnte Höhen und Pan spielt auf der Flöte: Die Ergebnisse der Herbstauktionen von der Kunst des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart bei Ketterer in München.

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          Der Weltrekord in Berlin war erst eine Woche alt, als ihn bereits ein neuer in tiefen Schatten stellte: Eine gute Million mehr – 1,85 Millionen Euro nämlich – betrug das siegreiche Gebot, dem Robert Ketterer nach langem Match die wunderbaren „Scheiben und Halbscheiben“ von Ernst Wilhelm Nay zuschlug. Das war der zweithöchste Zuschlag in deutschen Auktionen im gerade zu Ende gegangenen Jahr (F.A.Z. vom 23. Dezember 2017).

          Das nach bis vor kurzem geltenden Maßstäben realistisch auf 250 000 bis 350 000 Euro geschätzte Ölbild von 1955, das auf 1,20 mal 1,60 Metern leuchtende Farben versammelt, wurde 1985 aus der Pelikan-Kunstsammlung in Hannover an einen Hamburger Sammler versteigert. Die im Saal anwesenden Einlieferer konnten es sichtlich kaum fassen, in welche Höhen sich nun der Preis an den Telefonen hinaufschraubte. Der erfolgreiche „international agierende Sammler“ hat inklusive Aufgeld mehr als 2,3 Millionen Euro zu überweisen – und nahm auch noch Max Beckmanns Rosen-Stillleben aus der Frankfurter Zeit zum Hammerpreis von 400 000 Euro, entsprechend der unteren Schätzung.

          Gute Ergebnisse der klassischen Moderne

          Die Klassische Moderne punktete kräftig, ganz besonders mit einem kleinen Blatt Papier: Dank Franz Marcs verschollener Ikone, dem „Turm der blauen Pferde“, mangelt es Rössern jener Farbe von seiner Hand nicht an Nachfrage. Das galt auch für „Zwei Pferde, blaugrün“, 1911 aquarelliert, die nach hundert Jahren in Familienbesitz für 620 000 Euro (Taxe 200 000/ 300 000) an den Vertreter eines großen Münchner Sammlers und Mäzens im Saal gingen. Dagegen interessierte sich niemand für Marcs anbrechenden Stilwechsel; sein „Abstraktes AquarellI“ von 1913/14 blieb in der Auktion liegen. Dafür schaffte Heckels prächtiges Aquarell vom Kindermodell Fränzi in der Hängematte mit dem Zuschlag von 195 000 Euro (90 000/120 000), laut Artnet, einen Auktionsrekord. Einen weiteren lieferte Auguste Herbins kunterbunter „Vieux port de Bastia“, in Öl gemalt 1907, als britischer Handel 450 000 Euro (70 000/ 90 000) dafür bewilligte.

          Von sechs sehr unterschiedlich attraktiven Gemälden Gabriele Münters gingen nur zwei: Ihre „Vereiste Straße“, früh und stark, nahm ein deutscher Sammler für 270 000 Euro (120 000/150 000). Dann bewarb sich ein Museum in Houston, Texas, unter Einsatz von 470 000 Euro (400 000/600 000) erfolgreich um Schwitters’ Assemblage „Merzzeichnung“ von 1919. Gleich zu Beginn hatten fünf Liebermann-Pastelle aus der Sammlung Bruno und Sadie Adriani mit einem „Blick in den Wannseegarten“ mit 82 000 Euro (60 000/ 80 000) ihren Bestpreis erreicht; das größte Blatt aber, eine „Junge Kuhhirtin“, ging bei 120 000 Euro zurück. Am Ende dann triumphierte Kokoschkas luftig frisches Panorama „Hamburg III“, als es nach heftiger Gegenwehr im Saal für stolze 470 000 Euro (200 000/300 000) ein Berliner Sammler am Telefon bekam.

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