https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/muenchen-versteigerung-von-herman-gerlingers-sammlung-bei-ketterer-18488895.html

Auktion in München : Sammlung Gerlinger zum Zweiten

  • -Aktualisiert am

Spitzenlos: Ernst Ludwig Kirchners „Das blaue Mädchen in der Sonne“, 1910, Öl auf Leinwand, 71 mal 81 Zentimeter, ist auf zwei bis drei Millionen Euro taxiert Bild: Nikolaus Steglich/Sammlung Hermann Gerlinger

Weitere Spitzenwerke der „Brücke“ kommen unter den Hammer: In München geht die Versteigerung der Sammlung Herman Gerlingers in die zweite Runde.

          3 Min.

          Es verspricht spannend zu werden, wenn Ketterer am 9. und 10. Dezember die zweite Tranche der Sammlung Hermann Gerlinger versteigert, daneben aber auch manches kapitale Werk anderer Herkunft. Mehrere Millionenzuschläge scheinen in der Abendauktion möglich. Sie beginnt mit Karl Schmidt-Rottluffs Ölbild „Morgen an der Elbe“, gemalt 1905 im Gründungsjahr der Brücke-Gemeinschaft von dem Künstler, der Gerlingers Sammelleidenschaft bereits in der Studienzeit entfachte.

          Seine in siebzig Jahren zusammengetragene Brücke-Kollektion von rund tausend Objekten lässt Gerlinger zu wohltätigen Zwecken versteigern, nachdem Verhandlungen mit mehreren Museen über einen dauerhaften Verbleib der Werke gescheitert waren. Die erste Tranche spielte sechs Millionen Euro ein. Einzig sein Nolde-Konvolut schenkte Gerlinger dem Museum des Künstlers in Seebüll.

          Rarität: Erich Heckel, „Stehende“, 1920, Pappelholz, Höhe 79 Zentimeter, Schätzpreis 600.000 bis 800.000 Euro
          Rarität: Erich Heckel, „Stehende“, 1920, Pappelholz, Höhe 79 Zentimeter, Schätzpreis 600.000 bis 800.000 Euro : Bild: Ketterer

          Nach Schmidt-Rottluffs Elbebild, das bei 150.000 bis 200.000 Euro angesetzt ist, wird Robert Ketterer über den Abend verteilt weitere 16 Werke aus dem Besitz des Würzburger Sammlers aufrufen, darunter ein weiterer Schmidt-Rottluff: „Rote Düne“ mit zwei Frauenakten von 1913 (Taxe 800.000 bis 1,2 Millionen Euro). Besonderes Interesse dürfte eine der wenigen erhaltenen Skulpturen Ernst Ludwig Kirchners wecken, eine farbig gefasste „Hockende“ aus dem Jahr 1910 (700.000/900.000). Die Skulptur erscheint auf einer Zeichnung des Künstlers neben einem Akt vor dem Spiegel (15.000/20.000). Von Kirchner stammt auch die „Fehmarnküste mit Leuchtturm“, 1913 in wärmsten Farben gemalt (700.000/900.000) und vor allem das auf zwei bis drei Millionen Euro taxierte, beidseitig bemalte Spitzenlos: Das „Blaue Mädchen in der Sonne“ von 1910 zeigt das Modell Fränzi mit blauer Haut, weißem Hemd und roter Schleife, verso lächelt Dodo als „Gelbgrüner Halbakt“ aus späterer Zeit. Eine weitere Rarität unter den Skulpturen ist Erich Heckels 1920 geschnitzte „Stehende“ (600.000/ 800.000).

          Über die Sammlung Gerlinger hinaus

          Szenenwechsel: dieselbe Zeit in Wien, wo ein Expressionismus eigener Prägung herrschte. Er zählte zu den Interessengebieten von Serge Sabarsky, des New Yorker Tausendsassas, Händlers und Sammlers. Ihm, später der Stiftung seiner Frau Vally, gehörten drei jetzt angebotene Blätter von Egon Schiele, darunter das Aquarell „Schlafende“ von 1912 (250.000/350.000). In der Schweiz legte der Papierfabrikant Oscar Miller eine bedeutende Sammlung von Kunst seiner Zeit an. Als einer seiner Favoriten versieht Ferdinand Hodler 1898 die „Kastanienallee bei Biberist“ mit einer persönlichen Widmung (1,4/1,8 Millionen).

          Bild: Ketterer

          Lovis Corinths auf einem Diwan „Lesende“ von 1911, eine Liebeserklärung an seine Frau Charlotte, kommt nach einer Einigung mit den Erben des jüdischen Ehepaars Emil und Sophie Kaim, deren Sammlung die Nationalsozialisten 1940 beschlagnahmten, auf 250.000 bis 350.000 Euro taxiert zum Aufruf. Urgewaltig gischtende Wellen zeigt Emil Noldes auf Sylt gemaltes „Meer“ (800 000/1,2 Millionen). Für Max Beckmanns rustikale „Holzfäller im Wald“ galt „Verbleib unbekannt“, bis das Bild nun aus Privatbesitz eingeliefert wurde (600.000/800.000).

          Wald ist auch auf Baselitz’ großformatigem „Hofteich“ ein Hauptmotiv (700.000/900.000). Günther Uecker ist unter anderem mit dem „Sturz des künstlerischen Genius (für Joseph Beuys)“ präsent: Er schuf es 1986 für die Ausstellung „Beuys zu Ehren“ im Münchner Lenbachhaus (450.000/550.000). Anders als die meisten „Subway Drawings“ von Keith Haring, stecken zwei Strichmännchen mit Uhrenköpfen noch im Originalrahmen aus der New Yorker U-Bahn (300.000/ 400.000). Wie Haring gehörte auch David Wojnarowicz zur Subkulturszene im East Village der Achtziger; zu haben sind zwei seiner Werke (ab 100.000/150.000). Mehr amerikanische Kunst jenes Jahrzehnts bringen Andy Warhols komplette Goethe-Viererserie (300.000/400.000) und Richard Serras stählerner Zweiteiler „Corner Pop No. 6 (Leena and Tuula)“ (600.000/800.000) ins Spiel.

          Bild: Ketterer

          Der folgende „Day Sale“ zur klassischen Moderne beginnt ebenfalls mit Losen Gerlingers. Er habe nie unter dem Aspekt möglicher Wertsteigerung gesammelt, sagt er Günther Jauch in einem vom Auktionshaus beauftragten Interview, sondern im Sinne einer gewissen kunsthistorischen Vollständigkeit. Also kamen viele Zeichnungen zusammen – sehr lustig Kirchners Blatt von „Heckel mit blauem Hut“ sowie im Adamskostüm (40.000/60.000) – und Dokumentationsmaterial wie Mitgliedskarten, Plakate oder Faltblätter. Der Katalog zur Brücke-Ausstellung bei Gurlitt in Berlin aus dem Jahr 1912 ist auf 15.000 bis 20.000 Euro geschätzt.

          Auch Grafik bereicherte Gerlingers Kollektion, etwa die sieben Jahresmappen der Brücke (von 10.000/15.000 bis 100.000/150.000) und sogar Schmuck, den Schmidt-Rottluff aus Bernstein und Silber fertigte. Darüber hinaus kommen knapp 100 Werke des 19. Jahrhunderts am zweiten Tag unter den Hammer, mehrheitlich Malerei der Münchner Schule mit Carl Spitzweg an der Spitze. Für seinen Blütenblätter zupfenden „Mönch (Sie liebt mich von Herzen, ein wenig . . .)“ werden 60.000 bis 80.000 Euro erwartet.

          Weitere Themen

          Das singende, klingende Bäumchen

          „Tristan“ in Cottbus : Das singende, klingende Bäumchen

          Dimitry Ivashchenko gelingt in Cottbus ein überragendes Debüt als König Marke. Ansonsten gerät Richards Wagners Oper „Tristan und Isolde“ hier so niedlich, dass man um kein Kind im Publikum fürchten muss.

          Menschen im Transitbereich

          Film „Aus meiner Haut“ : Menschen im Transitbereich

          Die Body-Switch-Komödie „Aus meiner Haut“ von Alex und Dimitrij Schaad schafft eine bezaubernde Stimmung des Ungefähren und löst das quälende Rätsel der Identitäten scheinbar leichthändig auf.

          Topmeldungen

          Bei Streit im Büro ist die Wortwahl entscheidend.

          Sprache im Büro : Das wird man wohl noch sagen dürfen!

          Kollegen beschimpfen, ständig widersprechen, die Gendersprache verweigern: Es gibt viele Möglichkeiten, wie einem die Wortwahl am Arbeitsplatz zum Verhängnis werden kann. Was soll und darf man im Büro eigentlich noch sagen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.