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Moderne und zeitgenössische Kunst : Das Weib, der Inder und die Früchte

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Auf der Vorderseite ein braves Stillleben, auf der Rückseite ein nacktes Paar auf grünem Teppich: Max Pechsteins doppelseitig bemalte Leinwand ist der Star der Moderne bei Ketterer in München.

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          Zwei Gemälde auf einen Streich bekommt der Käufer einer Leinwand, die Max Pechstein beidseitig bemalte und die in Ketterers Moderne-Auktion am 10. Dezember in München versteigert wird. „Weib und Inder auf Teppich“ zeigt ein nacktes Paar auf grünem, dynamisch den roten Grund querenden Läufer. Umseitig dann „Früchte II“: ein Stillleben mit Spiegel, buntem Obst und blauer Vase, vom Künstler monogrammiert und 1910 datiert, also in bester Zeit des „Brücke“-Expressionismus: Pechstein scheint damit die thematisch unverfänglichere Seite zur Hauptansicht erklärt zu haben.

          Bei 800.000 bis 1,2 Millionen Euro liegt die Erwartung für dies Spitzenlos der prominent besetzten Offerte, die eine weitere doppelte Leinwand führt: Conrad Felixmüller malt 1920 „Herbst in Klotzsche“, ein inniges Paar vor Häusern des Dresdener Stadtviertels und einer Kastanie in Feuerfarben; verso entsteht 1940 die Atelierszene „Eingeschlafenes Modell II“ in damals konformem Neorealismus (Taxe 250.000/350.000 Euro). Ebenfalls in fataler Zeit malt Carl Hofer 1937 ein schmalgliedriges, etwas melancholisches „Mädchen mit Laute“ (140.000/180.000); noch im selben Jahr landen seine Bilder in der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“.

          Das Ächtungsschicksal teilte Christian Rohlfs’ Gemälde „Soest“, es wurde damals im Städtischen Museum Mönchengladbach beschlagnahmt; heute hat das Haus keinen Rechtsanspruch mehr auf das Werk. Die alte Stadt mit ihren Türmen faszinierte Rohlfs so sehr, dass er sie noch zehn Jahre nach seinem letzten Aufenthalt dort malte (140.000/180.000). Gabriele Münter tritt mit sechs Werken an, darunter ein Blick auf den Staffelsee von 1924, der bestens erklärt, warum die Gegend auch „Blaues Land“ genannt wird (180.000/ 240.000).

          Den niedlichen Buben Carlo mit dunklen Augen und blonden Locken malte Christian Schad 1923, im Jahr seiner Eheschließung mit Carlos römischer Tante Marcella Arcangeli (50.000/ 70.000). Mit den Galerien Kahnweiler und Flechtheim punktet die Provenienzliste des exquisiten Léger-Aquarells „Deux femmes à la toilette“ von 1920: Die präzise Vorarbeit zum gleichnamigen Ölgemälde führt mit einer Schätzung von 200.000 bis 250.000 Euro die Papierarbeiten an.

          Hier sitzt ein rotes Rechteck, dort eine rote Flora

          Beckmanns „Gruppenbildnis Edenbar“, ein auf dem Markt seltener Holzschnitt mit Korrekturen in schwarzer Tinte, folgt mit 100.000 bis 150.000 Euro, dann eine aquarellierte Marschlandschaft von Nolde mit rund 110.000 Euro. Mit Qualität warten auch Plastiken auf: Zu nennen ist Kolbes 1920 modellierte, in sich gekehrte Mädchengestalt „Auferstehung“ als einer von elf Lebzeitgüssen der von Cassirer herausgegebenen ersten Auflage (60.000/80.000). Von Hanns Bolz gibt es einen zylindrisch gelängten, etwas an Modigliani-Häupter erinnernden Gipskopf (14.000/ 18.000) und von Ewald Mataré eine prächtige, dicke bronzene „Eule“ von 1936, als eines von nur drei Exemplaren (25.000/35.000).

          Am Nachmittag dann versteigert Robert Ketterer Kunst von 1945 bis heute. Die Suite startet mit Nays zartfarbig aquarellierter „Rhythmischer Komposition“, die ins Werkverzeichnis aufgenommen wird (14.000/18.000), und mit dessen kühltonigem dynamischen Formgemenge „Figurale-Odaliske I.“ (30.000/40.000). Dazwischen sitzt ein Rot-auf-Rot-Rechteck des Jahrs 1967 von Rupprecht Geiger (40.000/60.000). Fred Thieler, Fritz Winter, Emil Schumacher und Gerhard Hoehme bestücken das solide Informel-Angebot. Auf dem Weg hin zu seinen „Kopffüßlern“ malt Horst Antes 1960 die zinnoberrote „Figur Flora“, die sich bei längerem Hinsehen großbrüstig aus einer abstrakt scheinenden Komposition löst (70.000/90.000).

          Mit einem sitzenden Kardinal und einer „Testa di giapponese“, dem reizenden Kopf einer Japanerin, stehen zwei Bronzeunikate des Italieners Giacomo Manzù zur Auswahl (70.000/90.000; 40.000/60.000). Im Ruhezustand ergibt George Rickeys kinetische Plastik „Divided Quadrilateral IV“ (28.000/ 34.000) ganz andere Maße als in Bewegung, und auf drei Metern Leinwandbreite empfand Eberhard Havekost 2001 mit „Benutzeroberfläche 5“ eine brutalistische Appartementhausfassade der Sechziger nach (70.000/90.000). Mit Jonathan Meese, Anselm Reyle oder Norbert Bisky fanden weitere deutsche Erfolgsmaler in die Offerte, denen Sol LeWitts Tintenstiftzeichnung einer Stufenform minimalistisch die Stirn bietet (7500/9500).

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