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Auktion bei Lempertz in Köln : Tempelwächter auf Monitor

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Moderne und zeitgenössische Kunst wird bei Lempertz in Köln versteigert. Neben warmen Farben der Expressionisten glänzt metallische Kühle der Zeitgenossen - besonders, wenn es sich bei einem Kunstwerk eigentlich um ein Auto handelt.

          Ihnen war das Leben nichts als Farbe und Ausdruck, die deutschen Expressionisten erfanden ihren eigenen, scharf gezeichneten Blick auf die Welt. Bei Lempertz in Köln bilden nun ländliche Ansichten des deutschen Expressionismus die Höhepunkte der 225 Lose umfassenden, stark bestückten Moderne-Offerte am 29. Mai. Das Los an der Spitze ist die Ansicht eines überbordenden „Gartens am Bauernhaus“ von Alexej von Jawlensky, entstanden wohl in Wasserburg am Inn. Auf der Rückseite des Gemäldes auf Karton aus dem Jahr 1907 verbirgt sich ein drei Jahre danach entstandenes, hochformatiges Mädchenbildnis in der für den Maler typisch strengen, starkfarbigen Auffassung. Die Schätzung für das 53,5 mal 64,5 Zentimeter große Recto-Verso-Bild liegt bei 450.000 bis 500.000 Euro.

          Auch Max Pechstein verwandelte gern das, was er direkt um sich herum sah, in seine Werke: so etwa eine Flusslandschaft im herbstlichen Pommern, die sein Gemälde „Herbstwolken“ inspirierte. Festgemachte Boote leuchten intensiv in Blau und Gelb; ein Weg am Ufer des Flusses Lupow ist violett eingefasst; die Segel eines Schiffs weiter hinten auf dem Wasser nehmen das Violett wieder auf. Darüber treiben dickbauchige Wolken. Man meint fast, den kühler werdenden Wind des scheidenden Sommers auf der Haut zu fühlen beim Anblick des im Jahr 1927 entstandenen Gemäldes (Taxe 350.000/450.000 Euro). In der gleichen Gegend um das Dorf Rowe herum entdeckte Pechstein ein Jahr später die windschiefen „Pommerschen Fischerkaten“, die er unter dem deutlichen Eindruck der Bilder Van Goghs malte, die ihn früh in der Dresdner Galerie Arnold beeindruckt hatten. Dunkle Bäume bilden den Vordergrund der schilfgedeckten Hütten, leuchtende Gelb- und Grünakkorde laden die eigentlich beschauliche Szene zusätzlich auf (300.000/ 400.000).

          Im weiteren Angebot meint man, von nahezu jedem prominenten Namen der Klassischen Moderne zumindest ein Werk vorzufinden. Besonders fallen drei wie flüchtig wirkende Skizzen aus dem Atelier von Alberto Giacometti auf, die er 1951 auf einem 76,3 mal 56,3 Zentimeter messenden Bogen Velin vereinigte. Sie zeigen Giacomettis Bruder Diego auf einem Bett sitzend, umgeben von Gemälden und Skulpturen, außerdem den in wenigen, scharfen Strichen angedeuteten Kopf „Diego“ und eine in jenem Jahr fertiggestellte Skulptur eines Hundes (220.000/230.000).

          Sportwagen oder lieber fliegender Teppich?

          Bei den Zeitgenossen, deren Lose am 30. Mai versteigert werden, bewahren zwei „Temple Guards“ aus dem Jahr 1993 den Geist Nam June Paiks: Ein Paar goldene hölzerne Statuen, wie sie in den Gebetstempeln Asiens die Besucher am Eingang begrüßen, thronen auf zwei Monitoren mit den typischen flimmernden Videobildern. Auf ihren Rückseiten sind die Wächter bunt bemalt - mit westlich-expressiven farbigen Gesten und mit asiatischen Schriftzeichen. Wer das meditative Ensemble erwerben möchte, sollte 300.000 bis 400.000 Euro zur Verfügung haben. Wem der Sinn, ganz im Gegenteil, nach rasanter Beschleunigung steht, der kann sich in einen von Heinz Mack im Jahr 1984 gestalteten Porsche 928 setzen und aufs Gaspedal drücken (40.000/45.000). Deutlich teurer wird es bei seiner „Dynamischen Struktur“ von 1958, die wirkt, als wäre sie im heiteren Dialog mit Piet Mondrian entstanden. Das eng an eng Weiß in Grau gesetzte Rasterbild mit kleinen farbigen Einsprengseln ist mit einer Erwartung von 380.000 bis 400.000 Euro versehen.

          Von Gerhard Richter kommt ein „Grün-Blau-Rot“, entstanden 1993 als eines von 115 numerierten Unikaten für die Schweizer Zeitschrift „Parkett“. Wird das dreißig mal vierzig Zentimeter große Bild auf Leinwand seine Erwartung von 200.000 bis 250.000 Euro einlösen? Von der Düsseldorfer Malerin Karin Kneffel, einst Meisterschülerin bei Richter, stammen ein „Fliegender Teppich“ (150.000/180.000) und eine Variante ihrer beliebten „Trauben“, hier als Diptychon, die in überdimensionaler Darstellung geradezu in den Raum hineinzuragen scheinen (180.000/200.000).

          Daneben prägen Bilder von Momenten der Zeitgeschichte das Angebot. Thomas Demand baute für „Junior Suite“ von 2012 einen Rolltisch mit Tischdecke samt den unspektakulären Resten eines Essens darauf aus Papier nach: Es war die letzte Mahlzeit, die die Sängerin Whitney Houston vor ihrem Tod im Februar 2012 in einem Hotel in Beverly Hills zu sich nahm (Auflage 6; 50.000/70.000). Die Sektion Fotografie wartet mit einigen Ikonen der Pressefotografie auf, darunter ein Vintage oder jedenfalls früher Abzug von René Burris berühmten Porträt des jungen Che Guevara mit Zigarre im Mund aus dem Jahr 1963 (2400/2800). Traurige Berühmtheit erlangte auch Thomas Hoepkers zufällig festgehaltener Augenblick des Anschlags auf das New Yorker World Trade Center am 11. September 2001, der im Hintergrund zu sehen ist. Das eigentliche Interesse des 1936 in München geborenen Fotografen galt einer ins Gespräch vertieften Gruppe von Menschen im Vordergrund (Inkjet Print, Auflage 25; 6000/8000).

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