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Auktionen in London : Einige berühmte Damen im Rennen

  • -Aktualisiert am

Die großen Auktionen mit Impressionismus und Moderne bei Sotheby’s und Christie’s in London bieten einige hochkarätige Werke an. Das Auktionshaus Sotheby’s hat dabei eindeutig die Nase vorn.

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          Die besten Kunstwerke erzählen die faszinierendsten Geschichten, so auch das Spitzenlos der anstehenden Auktionswoche mit Impressionismus und Moderne in London: Kasimir Malewitschs „Suprematismus, 18. Konstruktion“. Das Werk - Vierecke in Schwarz, Gelb, Blau und Grün, aufgefächert auf weißem Grund - ist nicht nur ein Schlüsselwerk innerhalb der russischen Avantgarde, sondern auch ein Vehikel, mit dem man wichtige Stationen in der europäischen Kunstgeschichte durchreisen kann.

          Es ist genau ein Jahrhundert her, dass Malewitsch im späten Mai und frühen Juni seine ersten suprematistischen Werke schuf. „Suprematismus, 18. Konstruktion“ entstand 1915 und wurde im November desselben Jahres in Moskau gezeigt - einen Monat vor der Ausstellung „0.10“, bei der Malewitschs legendäres schwarzes Quadrat für Aufsehen sorgte. 1927 reiste Malewitsch mit „Suprematismus, 18. Konstruktion“ nach Berlin, um es in der „Großen Berliner Kunstausstellung“ zu zeigen. Er war gezwungen, vorzeitig nach Russland zurückzukehren, und ließ eine Kiste mit Bildern bei seinem Freund, dem deutschen Architekten Hugo Häring in Berlin.

          Pirouetten einer kessen Ballettratte

          Bis zu seinem Tod 1935 durfte Malewitsch die Sowjetunion nicht mehr verlassen, und Häring verkaufte die Bilder später an das Stedelijk Museum in Amsterdam. Erst im Jahr 2008 wurden vier Werke an die 37 Erben Malewitschs restituiert. Diese haben das 53,3 mal 53,3 Zentimeter große „Suprematismus, 18. Konstruktion“ nun bei Sotheby’s eingereicht, und mit einer Erwartung von zwanzig bis dreißig Millionen Pfund ist ein neuer Malewitsch-Rekord angepeilt. Das Gemälde kommt frisch aus der Malewitsch-Ausstellung in der Londoner Tate Modern, wo es noch einmal öffentlich zu bewundern war, bevor es vielleicht in einem Banktresor verschwindet. Russisches Interesse wird sich hier angemeldet haben - trotzdem wurde das Bild mit einer Garantie abgesichert.

          Die Moderne-Spezialisten von Sotheby’s konnten für die Abendauktion am 24. Juni neben Malewitsch bedeutende Bilder der Publikumslieblinge Klimt, Manet und Degas sichern. Sie tragen dazu bei, dass Sotheby’s bei diesen Londoner Sommer-Versteigerungen deutlich die Nase vorn hat. Ein Highlight ist Gustav Klimts ätherisches „Bildnis Gertrud Loew“, für das zwölf bis achtzehn Millionen Pfund erwartet werden. Auch von Édouard Manet geht eine berühmte Dame ins Rennen: Tausende von Besuchern sehen sich jedes Jahr seine Barfrau auf „Un bar aux Folies-Bergère“ in der Courtauld Gallery in London an. Jetzt wird die erste, deutlich kleinere Version des Motivs, ebenfalls von 1881, verkauft, taxiert auf fünfzehn bis zwanzig Millionen Pfund. Degas’ kesse Ballettratte „Petite danseuse de quatorze ans“, einer der Abgüsse seiner wohl berühmtesten Skulptur, von denen sich nur noch eine Handvoll in privater Hand befinden, ist mit einer Schätzung von zehn bis fünfzehn Millionen Pfund versehen.

          Lose, die Preisentwicklungen anzeigen

          Auch sonst ist das Moderne-Angebot bei Sotheby’s sommerlich erfrischend, ob Gauguins saftige Mangos in „Nature morte aux mangos“ (Taxe 10/15 Millionen Pfund) oder Picassos leuchtendes Porträt seiner jungen Geliebten Marie-Thérèse Walter und ihrer Schwester in „Deux Personnages (La lecture)“ (13/18 Millionen) von 1934. Sotheby’s erwartet für 51 Lose des Abends einen Umsatz von 140,55 bis 203,69 Millionen Pfund - mehr als das Doppelte dessen, was der Erzrivale Christie’s sich erhofft, und den höchsten Umsatz, der je bei einer Moderne-Auktion des Hauses in London angepeilt wurde. Christie’s gibt für 52 Lose in der Abendauktion am 23. Juni eine Gesamtschätzung von 60,4 bis 87,85 Millionen Pfund an. Sotheby’s offeriert zudem 417 Lose in der Tagesauktion und will die Woche mit einem Umsatz von 162,65 bis 235,15 Millionen abschließen, während Christie’s in insgesamt fünf Moderne-Auktionen einen Umsatz von 80,89 bis 117,7 Millionen Pfund anvisiert.

          Den Katalog der Abendveranstaltung bei Christie’s zieren Claude Monets blühende „Iris mauves“ (6/9 Millionen), entstanden zwischen 1914 und 1917 während seiner Arbeit an den berühmten „Grandes décorations“. Marktfrische zeichnet Alfred Sisleys Gemälde „Le potager“ (1,5/2 Millionen) aus; es befand sich seit mehr als achtzig Jahren in derselben Familie. Sisley schuf die Landschaft 1872, dem Jahr, in dem er Paris verließ, um in der Natur zu malen und in dem sein Stil impressionistischer wurde.

          Anhand der Lose von Schiele, Picasso und Magritte lassen sich bei Christie’s rezente Preisentwicklungen nachzeichnen: Egon Schieles „Mädchenkopf (Frau Sohn)“ wurde im Juni 2007 für 100.000 bis 150.000 Pfund angeboten und stieg damals im erhitzten Bietgefecht auf 412.000 Pfund. Ein Privatsammler aus der Schweiz erwartet nun zwischen 400.000 und 600.000 Pfund. Picassos spätes Gemälde „Tête“ wurde erst im Mai 2010 bei Christie’s in New York für 6,8 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld) verkauft und soll nun mit geschätzten 4,8 bis 6,5 Millionen fast die gleiche Summe - allerdings diesmal in Pfund - erzielen. Magrittes „Le Baiser“ wurde im Februar 2005 in London für 590.400 Pfund (inklusive Aufgeld) vermittelt. Vor zehn Jahren lag die Taxe des Bildes bei 250.000 bis 350.000 Pfund; nun liegt sie bei 1,2 bis 1,8 Millionen Pfund.

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