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Moderne und Gegenwartskunst : Zersplitterte Wirklichkeit: Vorschau auf die Auktion bei Lempertz in Köln

  • -Aktualisiert am

Aus der fast fünfzig Jahre langen Beschäftigung Lyonel Feiningers mit der Dorfkirche von Gelmeroda ging eine Serie von dreizehn Gemälde hervor. Das letzte noch erhältliche dieser Werke versteigert Lemepertz am 3. Dezember mit einem Schätzpreis von 1,5 bis 1,7 Millionen Euro.

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          Was für Cézanne die Montagne Saint-Victoire war und Kandinsky seine Idylle in Murnau, das war die Dorfkirche von Gelmeroda für Lyonel Feininger, den Maler und Bauhausmeister. Er hatte den Ort auf Fahrradtouren mit seiner Frau, der Kunststudentin Julia Berg, entdeckt, als beide Anfang des Jahrhunderts für einige Monate in Weimar lebten. Schon bei einem dieser ersten Besuche skizzierte er das schlichte Gotteshaus aus dem 13. Jahrhundert mit dem so charakteristischen, schiefergedeckten und hoch über den Natursteinbau aufragenden Turm.

          Fast fünfzig Jahre lang beschäftigte er sich mit „Gelmeroda“, und es entstand neben unzähligen Skizzen, Aquarellen, Holzschnitten und Lithographien vor allem die Serie der insgesamt dreizehn Gemälde. Die Kunstgeschichte bewundert die Transformation des einfachen Idylls in spannungsreiche, prismatisch zersplitterte und in eine Bildrealität von eigener Dynamik übertragene Wirklichkeit. Die hohe Tanne, der Turm und der massive niedrige Sockelbau zeigen sich in einer Fassung aus dem Jahr 1928 als zurückhaltend gefügte, fast kaleidoskopisch verkantete Farbflächen - das helle Mosaik des Bildgrunds ist gleichzeitig Himmel wie Reflex auf die fein abgetönten und wie abgezirkelten Geometrien der verwandelten Motivik.

          Das Bild, das jetzt bei der Herbstauktion mit Moderner Kunst im Kölner Auktionshaus Lempertz am 3. Dezember mit einem Schätzpreis von 1,5 bis 1,7 Millionen Euro aufgerufen wird, ist das letzte der Serie, das noch erhältlich ist: „Gelmeroda“ stammt als Geschenk Lyonel Feiningers an seinen Bruder aus Familienbesitz und wurde, nachdem es viele Jahre in der Nationalgalerie Berlin-Ost hing, erst in den neunziger Jahren restituiert. Zufällig kann Auktionator Henrik Hanstein noch zwei weitere Blätter anbieten, die Lyonel Feiningers Faszination für Gelmeroda bezeugen: eine Farbkreidezeichnung aus dem Jahr 1913 (Taxe 7000/8000 Euro) und die letzte Lithographie dieses Motivs, die er 1955 für die Kestner-Gesellschaft auflegte (1500).

          Evelyn, Jacob und eine surreale Metapher

          Im reichen Angebot der Klassischen Moderne fallen zahlreiche Gemälde auf: Ein „Sonnenuntergang am Meer“ von Alexej von Jawlensky aus dem Jahr 1911 ist mit 200 000 bis 240 000 Euro bewertet; ein Spätwerk „Evelyn“ von Oskar Kokoschka, das schon in der Tate-Galerie ausgestellt war, ist auf 250 000 Euro geschätzt, das „Rosa Stilleben“ aus Gabriele Münters Murnauer Zeit auf 100 000 bis 120 000 Euro. „Jacobs Kampf mit dem Engel II“ ist ein Bild, das Otto Dix im Kriegsjahr 1943 malte, als er am Bodensee zurückgezogen lebte. Auf der einen Meter hohen Leinwand erscheint Jakob als dunkle Figur in düsterer Landschaft, die sich an einen Engel klammert, der direkt aus den Tönungen der Himmelsröte modelliert ist (220 000).

          Ein „Genesendes Mädchen“ von Lovis Corinth aus dem Jahr 1890 scheint direkt auf Munchs berühmte Kranke zu verweisen; das stille Hochformat in gebrochenen Tönen ist auf 70 000 bis 80 000 Euro taxiert. Max Slevogts süddeutscher Impressionismus gilt dem eigenen Nachwuchs: „Kinder am Weiher“ von 1909 wird mit 80 000 bis 100 000 Euro beziffert. Eine Gouache von Dalí aus den späten dreißiger Jahren erschien einst in einer Farbfassung auf dem Titel der Sonntagszeitung „The American Weekly“ - Hochhaus, Frauenprofil, Schornstein und Landschaft fügen sich zu einer versponnenen, politisch motivierten surrealen Metapher (150 000/180 000).

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