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Moderne und Gegenwartskunst : Es geht auch ohne teuere Expressionisten

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Mit Spitzenpreisen für Scully und Kirkeby und einem Umsatz von vierzehn Millionen Euro kann die Berliner Villa Grisebach sehr zufrieden sein.

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          Über drei Tage verteilt wurden 890 Lose mit Fotografie und Kunst vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart bei den Frühjahrsauktionen der Villa Grisebach versteigert. Die Summe von insgesamt vierzehn Millionen Euro übertrifft das Ergebnis vom vergangenen Herbst - obwohl damals mehr Lose im Angebot waren und obwohl diesmal kein Millionen-Bild dabei war. Das erste Los der Abendauktion setzte den Ton, der sich über die nächsten zweieinhalb Stunden fortsetzte: Eine lichtdurchflutete „Märkische Landschaft“, mit der Walter Leistikow dem Betrachter ein baumbestandenes Seegrundstück in Grunewald schmackhaft macht, übertraf die Schätzung von 18.000 bis 24.000 Euro mit einem Zuschlag bei 60.000 Euro. Immer wieder wurden dann die Taxen vervielfacht, wenn sich zwei oder mehr Privatsammler im Saal an einem Kunstwerk festgebissen hatten.

          Zwei Kataloge begleiteten den Abend, wobei die siebzig Lose der Moderne mit einer Verkaufsrate von mehr als neunzig Prozent besonders gut abschnitten. Bei den Zeitgenossen wurden zwar sieben von 23 Werken zu Rückgängen, dafür gab es diesmal hier den höchsten Preis für die Villa Grisebach: Sean Scullys fast zwei Meter hohes Gemälde mit Blöcken verschiedener Grautöne, „Grey Fold“ von 2005, ging für 370.000 Euro (Taxe 350.000/450.000) in eine amerikanische Privatsammlung.

          Einen neuen Rekordpreis kann mit 137.000 Euro (120.000/ 160.000) Per Kirkeby mit seinem zwei mal 2,4 Meter großen „Ohne Titel (Hest)“ aus dem Jahr 1981 verbuchen, auf dem in den gestischen Farbfeldern schemenhafte Silhouetten von Pferden und einem Menschen zu erkennen sind. Seine Ausstellungsgeschichte trägt zum Reiz des Bilds bei: Schon 1982 auf der Documenta gezeigt, war es 1987 im Kölner Museum Ludwig zu sehen und erst kürzlich bei der großen Kirkeby-Retrospektive in der Tate Modern und im Museum Kunstpalast in Düsseldorf. Jetzt wurde es an eine Privatsammlung in Nordrhein-Westfalen vermittelt.

          Eine in Öl und Silberfarbe triefende unbetitelte Abstraktion von Albert Oehlen, 1988 entstanden, kletterte bis auf 230.000 Euro (150.000/200.000). Neo Rauchs menschenleeres „Hauptgebäude“ von 1997, eingeliefert aus den Vereinigten Staaten, blieb innerhalb der Taxe bei 250.000 Euro und ging an eine sächsische Sammlung. Das spannendste Bietgefecht des Abends entwickelte sich um eine attraktive Arbeit auf Papier des, am gestrigen Freitag verstorbenen Sigmar Polke, 1979 in Gouache, Glitter und Cut-Out geschaffen: Unter Geboten von mindestens fünf Bietern war die Schätzung von 40.000 bis 60.000 Euro schnell überholt; als der Hammer bei 235.000 Euro zugunsten einer Schweizer Sammlung aufs Pult schlug, gab es Applaus. Andere Werke berühmter Künstler wie Klapheck, Uecker, Penck oder Gerhard Richter trafen nicht den Geschmack des Publikums und gingen zurück.

          Corinths „Weiblicher Akt, Kniestück“

          Unter den Werken der Klassischen Moderne erzielte Jawlenskys „Abstrakter Kopf: Letzte Strahlen“ von 1931 den höchsten Preis; er geht für 300000 Euro (250.000/350.000) in eine süddeutsche Privatsammlung. Das nur postkartengroße Aquarell „Rotes und blaues Pferd“ von Franz Marc aus dem Jahr 1912 gelangt für 285.000 Euro (150.000/200.000) an eine Münchener Privatadresse; es diente dem Künstler als Vorstudie für ein Tempera-Blatt im Lenbachhaus. Corinths lebensgroßer verführerischer „Weiblicher Akt, Kniestück“ von 1921 wurde 1937 aus dem Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld beschlagnahmt; denn jegliche Malerei Corinths nach seinem Schlaganfall 1911 galt den Nationalsozialisten als „entartet“.

          Seine in pastosen Pinselstrichen bearbeitete Leinwand übertraf die Erwartung von 60.000 bis 80.000 Euro, als ein Sammler 104.000 Euro bewilligte. Noch mehr Zuspruch mit 285.000 Euro (Taxe 140.000/180.000) fand ein Blumenbild Noldes aus der Zeit zwischen 1930 und 1935: Mit großer Freiheit auf Japanpapier aquarelliert, leuchten blaue Iris mit gelben Rudbeckia und orangefarbenen Feuerlilien.

          Ein Spitzenlos von Thomas Struth

          Auch die expressionistische Druckgrafik war erfolgreich: Noldes barbusige „Kerzentänzerinnen“ erzielten 46.000 Euro (20.000/30.000), Kirchners „Reisender im Coupé“ 35000 (15.000/20.000) und Heckels „Fischermädchen“ 29000 Euro (20.000/30.000). Ein frühes Hauptwerk von Georg Kolbe wurde zum Highlight bei der Plastik: Der bronzene „Tänzer“ stellt den legendären Nijinsky dar, der Kolbe ein seltenes Privileg gewährte, indem er ihm 1912 mehrfach Modell stand. Der Guss - einer von etwa sechzehn Stücken der Jahre 1919/22 aus der Gießerei Noack - verdoppelte seine Taxe mit 140.000 Euro.

          Die 182 Lose der Fotografie-Auktion fanden eine Verkaufsquote von 77 Prozent. Zum Spitzenlos wurde Thomas Struths C-Print „People on Fuxing Dong Lu, Shanghai“ von 1997 mit 19000 Euro (18.000/24.000). Besonders erfolgreich schnitt ein späterer Abzug von Julius Shulmans kalifornischer Architektur-Inszenierung „Case Study House # 22“ aus dem Jahr 1960 ab, der bei 10000 Euro (2500/3500) einen Abnehmer fand. Der tschechische Landstreicher Miroslav Tichy, der sich seine Kameras aus Materialien wie Brillengläsern, Kaugummi und Toilettenpapierrollen selbst baut, kann mit einem seiner voyeuristischen Schnappschüsse einen neuen Rekord verbuchen: Auf stolze 7500 Euro (2000/ 3000) kletterte sein schmuddeliges Schwarzweißfoto eines Rückenakts im geblümten Badeanzug.

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