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Moderne und Gegenwartskunst : Augen auf beim Kauf: Bei den Londoner Auktionen fließen die Millionen - nach genauer Prüfung

Wie bereits bei den Londoner Auktionen im Februar treten jetzt immer mehr neue Käufer mit neuem Geld in Erscheinung. Die Spätgekommenen bemühen sich um Mitgliedschaft in dem exklusiven Sammler-Club und wollen ihre Wände mit großen Namen wie Picasso oder Chagall zieren, die Mangelware sind.

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          Mit „Warum es sich auszahlt, ein Auge auf dem Markt zu behalten“ war im Januar dieses Jahres eine Kolumne des New Yorker Flaneurs Anthony Haden-Guest in der „Financial Times“ überschrieben. Darin gab José-Mariá Cano, Mitgründer der erfolgreichen spanischen Popgruppe „Mecano“, Sammler und inzwischen auch selbst Künstler, seine zynischen Beobachtungen über den Kunstmarkt wieder, auf dem, wie er darlegte, alles gesteuert werde: Cano hat sich mit seiner feinsäuberlichen Wiedergabe alltäglicher Dokumente - wie den Briefen seines Scheidungsanwalts auf einer großen Leinwand - zum Paradebeispiel dieser von ihm beschriebenen Mechanismen stilisiert. Im Gespräch mit Haden-Guest bemerkte Cano weiter, die Kunstwelt sei - kaum anders als die des Polos und des Golfspiels, nur besser - ein Club mit beschränkter Mitgliederzahl. Um diesem Club beizutreten, müsse man zugleich „reich sein ohne Anführungsstriche und verfeinert mit sehr großen Anführungsstrichen“.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          José-Mariá Cano hat diesen Artikel riesengroß in Enkaustik auf einer Leinwand reproduziert, die Sotheby's in London jetzt als ironisches Schlußwort ans Ende der Abendversteigerung mit zeitgenössischer Kunst setzte in einer Auktionswoche, in der gerade eben gesetzte Rekorde gleich wieder fielen. „Warum es sich auszahlt, ein Auge auf dem Markt zu behalten“ erzielte mit 16 000 Pfund einen Preis im oberen Bereich seiner Schätzung: Es war das billigste Werk in der Auktion, in der Hockneys Schwimmbecken-Szene „The Splash“, eins seiner archetypischen Pop-Bilder des kalifornischen Traums, dem kauffreudigen New Yorker Kunstberater Eykyn Maclean für 2,6 Millionen Pfund zugeschlagen wurde - 1973 hatte es 25.000 Pfund gekostet - und in der sich ein Privatsammler am Telefon mit 1,9Millionen Pfund für Gerhard Richters „Tante Marianne“ durchsetzte, ein trügerisch-idyllisches Kindheitsbild, hinter dem sich Untaten in der Zeit des Nationalsozialismus verbergen.

          Der Club-Effekt

          Doch die kurze Marktgeschichte von Canos beinah höhnischem Kommentar zum Kunstbetrieb ist exemplarisch: Sein Werk ist knapp sechs Monate alt und wurde bereits zum zweiten Mal verkauft. Daran läßt sich der spekulative Charakter des Markts erkennen, den der Sotheby's-Auktionator Tobias Meyer nicht ohne Grund mit der Börse verglich. Meyer erklärte die, trotz der spektakulären Ergebnisse, unaufgeregte Stimmung im Saal damit, daß die Käufer „rationale Entscheidungen“ über den Wert des Objekts träfen.

          Neben dem finanziellen Kalkül kommt jedoch auch der Club-Effekt zur Geltung, von dem Cano sprach. Wie bereits bei den Londoner Aktionen im Februar treten jetzt immer mehr neue Käufer mit neuem Geld in Erscheinung. Die Spätgekommenen wollen ihre Wände mit großen Namen wie Picasso oder Chagall zieren, die Mangelware sind, und ihr Vermögen in anderen Werten anlegen als in Aktien. Sie bemühen sich um Mitgliedschaft in dem exklusiven Sammler-Club. Starke Marktergebnisse und eine gezielte Strategie von seiten der Auktionshäuser, die ihre Kundenkarteien durchgekämmt haben nach Sammlern, von denen sie glauben, daß sie zum Verkauf überredet werden könnten, haben reiche Ernte eingebracht. Amerikanische Sammler, die sich von Werken trennten, bewog, bei schwachem Dollar, das starke Pfund zum Verkauf in London. Einige Rückgänge aber zeigten, daß sich der Markt durchaus wählerisch benimmt.

          Die Niederlage der Dora-Maar

          So scheiterte bei Sotheby's Picassos mit vier bis sechs Millionen Pfund hochangesetztes Dora-Maar-Porträt „Buste de femme au Chapeau“, das schon vor vier Jahren bei Christie's in New York durchfiel. Christie's erlitt mit Max Ernsts albtraumhafter „Horde“ eine Niederlage. Auch die überaus optimistische Schätzung der fünf Schiele-Blätter aus der Sammlung des amerikanischen Ehepaars Gerstel wurde mit dem Rückgang der drei Spitzenlose quittiert, obwohl sie geadelt waren als Leihgaben an das New Yorker Museum of Modern Art.

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