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Moderne und Gegenwartskunst : Am See, in der Marsch: Vorschau auf die Auktionen bei Lempertz in Köln

  • -Aktualisiert am

In seinem Atelier am Potsdamer Platz störte ihn der Lärm der Automobile, doch auf seinem Wannsee-Grundstück fand er Ruhe: 1914 malte Max Liebermann dort die „Blumenterrasse im Wannseegarten“, die - bewertet mit 350 000 bis 420 000 Euro - am 3. Juni zur Auktion gelangt.

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          Die Wellen werfen sich als schmuddelweiße Pinselschwünge auf, braungrau wirbelt das Wasser zu Füßen der Badenden; der mild bedeckte Himmel filtert, als sei er nur auf die Leinwand gewischt, matten Sonnenglanz. Max Liebermann hat die „Badenden Knaben, links ein Strandwächter“ im Jahr 1907 an der holländischen Küste gemalt - vielleicht direkt im Sand, wo der deutsche Impressionist weniger nach pittoreskem Strandleben als nach Lichtstimmungen und Farbnuancen suchte.

          In der Auktion mit moderner Kunst am 3. Juni bei Lempertz in Köln liegt die Schätzung für das 36,8 mal 48 Zentimeter messende Ölgemälde auf Karton bei 100 000 bis 120 000 Euro. Licht und Luft waren nicht überall zu haben, und daheim, im Atelier am Potsdamer Platz, störten Automobile des Malers Ruhe. Sein Wannsee-Grundstück wurde ihm zum Gartenatelier mit komfortabler Villa - 1914 malt er die 60,5 mal 90,8 Zentimeter große „Blumenterrasse im Wannseegarten“, bewertet mit 350 000 bis 420 000 Euro. Auch sein bislang unbekanntes Bildnis Franz Otto Oppenheims (Taxe 20 000/25 000 Euro) wird zum Aufruf kommen.

          Wie im unsichtbaren Sog

          Feiningers „Rail-road-Train (Eisenbahnzug)“ aus dem Jahr 1941 - geschätzt auf 250 000 bis 300 000 Euro - gehört in der Abteilung zu den herausragenden Losen wie auch der 1947 entstandene „Marschhof“ Emil Noldes: Den Fluchtpunkt legte der achtzigjährige Maler jenseits der Leinwand; so ziehen sich der orange getönte Weg, die gelbmarkierte Linie des Horizonts und das Maigrün der Felder wie im unsichtbaren Sog, nur das geduckte rote Haus scheint dem Druck der Komposition zu trotzen, als sei diese eine Gewitterstimmung: Taxe 800 000 bis 900 000 Euro.

          „Mohn und Sonnenhut“, ein hochformatiges Aquarell Noldes von 1930, stammt aus der Sammlung Sprengel (120 000) wie auch ein Konvolut teilweise farbiger Lithographien Otto Muellers: dabei „Zwei Mädchen - Halbakte“ (12 000/15 000), die „Stehende Zigeunerin mit einem Kind auf dem Arm“ (50 000/60 000) und die „Zigeunerfamilie am Planwagen“ (25 000/ 30 000). Eher ungewöhnlich ist die Provenienz einer Kreuzigungsszene Campendonks: Den Entwurf für ein Glasfenster lieferten die ausführenden Glaswerkstätten ein (70 000/80 000). Max Ernst setzte die „Barbares Marchant Vers L'Ouest“ 1935 als düstere Schatten in Schwarz und Gold zusammen (100 000/130 000).

          Umgeben von Pinien

          Die „Stadt am Wasser“ umriß August Macke mit Kreide auf zartem Zeichenpapier (10 000/15 000), und ein Aquarell von ihm zeigt blaugrünleuchtende „Akte am Wasser“ (60 000/80 000). Paul Klee hat das „Debut am Cabarett“ als pastellfarbiges Porträt mit Tintenstift auf feine Baumwolle gesetzt (60 000/70 000), während Hannah Höchs „Stickerei“ von 1942 aus Papier montiert ist (6000/8000).

          Hans Purrmann ist zweimal vertreten: 60 000 bis 80 000 Euro soll die noch unter dem Einfluß von Matisse entstandene „Landschaft bei Col lioure“ aus dem Jahr 1911 bringen, und 80 000 bis 85 000 Euro die „Häuser, umgeben von Pinien (Porto d'Ischia)“ aus den fünfziger Jahren. Besonders attraktiv sind zwei zurückhaltende Aquarelle von Giorgio Morandi - „esaggio“ von 1959, eine in helle Farbflächen aufgelöste Landschaft, und „Natura Morta“ mit den charakteristischen Kannen und Bechern (je 20 000/30 000).

          Im 380 Lose umfassenden Angebot sind gleich zwei Frühwerke, denen man nicht ansieht, wie radikal beide Künstler eines Tages das Bildgeviert zerlegen würden: Piet Mondrians Bauernhaus, vor dem dunkles Geäst und ein Knüppelholzzaun sich immerhin zum fast schwarzen Liniengerüst fügen (70 000/80 000), und ein „Stilleben mit Feldastern, Krug und Äpfeln“ von Kurt Schwitters (17 000/18 000).

          Auf staksigen Bronzebeinen

          Unter den Skulpturen fällt vor allem eine „Stehende Frau“ von Archipenko auf, die Bronzeplastik aus dem Jahr 1916 ist aus stereometrischen Grundformen aufgebaut (100 000/150 000). Diego Giacomettis Vogel Strauß dagegen paradiert als echtes Straußenei auf staksigen Bronzebeinen (40 000/45 000). Gerhard Marcks ist mit sieben Bronzeplastiken und zwei Aquarellen (1000 und 1400) vertreten; die halbmeterhohe Männergruppe schließt Marcks im Reigen zum „Almtanz“ (18 000/20 000), das „Sitzende Liebespaar“ neigt sich still einander zu (11 000).

          Der dickbäuchige Keramik-„Nöck“ Ernst Barlachs ist als Figur und Gefäß geformt (5000/6000), und Barlachs Bronzeplastik „Lehrender Christus“ ist mit 80 000 bis 90 >000 Euro bewertet. Eine unbetitelte Eisenskulptur aus Rad, Speichen, Scharnieren und Elektromotor von Jean Tinguely firmiert mit 30 000 Euro.

          Die zeitgenössische Kunst tags zuvor am 2. Juni zählt mehr als 550 Lose. Hier dürften das „Afrikanische Haus“ des Leipzigers Matthias Weischer (80 000/100 000) und die „Farbenkugel“ des jung verstorbenen Michel Majerus (35 000/40 000) zu den international beachteten Losen zählen.

          Tage am Meer

          Die Firma Raab-Karcher hat Teile ihrer bedeutenden Zero-Sammlung eingeliefert: darunter Gemälde von Heinz Mack wie „Ohne Titel (Schwarze Vibration)“ aus dem Jahr 1960 (15 000/20 000) oder „Tage am Meer“ (14 000/18 000); Otto Pienes Lichtplastik „Single Neon“ oder der aus Öl, Feuer und Rauch modellierte „Flügel“ (je 15 000/20 000); eine unbetitelte Nagelung Ueckers von 1964 (30 000/35 000) oder sein mehr als zwanzig Jahre später entstandener „Aschekreis“ (60 000)

          Daß die konzeptuellen Leinwände dieser Zeit wie das „Green Painting“ und „Yellow Painting“ von Joseph Marioni derzeit gefragt sind, belegen Taxen zwischen 25 000 und 40 000 Euro. Ein Klassiker wie Albers' „Homage to the Squares ,Stele and Patina‘“ von 1961 bringt es auf 90 000 bis 100 000 Euro. Endlich sind Raritäten wie Rückriems Skulptur „Schwedischer Granit“ von 1991 (90 000/120 000) oder „8R /14.“, ein Bogen Japanbütten, auf dem John Cage die Steine eines japanischen Gartens mit Bleistiften unterschiedlicher Härte umkreiste (22 000/25 000), von spröder Anmut.

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