https://www.faz.net/-gqz-u8z6

Moderne Skulpturen : Sieg der besseren Welt

Henri Laurens' trauernder Frauenakt „L'Adieu“ ist der Mittel- und Höhepunkt des Gipfeltreffens klassisch-moderner Skulpturen, mit dem die Bremer Galerie Wolfgang Werner in diesen Wochen das fünfzehnjährige Bestehen ihrer Dependance in Berlin feiert.

          Es war das Jahr, in dem Europa im Krieg war, das Jahr, in dem Tausende deportiert wurden, das Jahr, in dem noch keiner Hoffnung hatte, dass der Wahnsinn des nationalsozialistischen Schreckensregimes je enden würde: Hitler war überall im Jahr 1941, die Angst auch, und das Werk, das Henri Laurens in diesen Tagen schuf, ist vielleicht das beeindruckendste Werk einer verzweifelten Moderne. Es ist, als kauere der Kubismus selbst hier, als verabschiede sich nicht ein Mensch, sondern die moderne Welt im Angesicht des Terrors.

          Camilla Blechen

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Henri Laurens' trauernder Frauenakt „L'Adieu“, der seit 1941 in fünf Bronzefassungen existiert (während der Ur-Marmor das Grab seines 1954 gestorbenen Schöpfers auf dem Friedhof Montparnasse in Paris schmückt) ist der Mittel- und Höhepunkt des Gipfeltreffens klassisch-moderner Skulpturen, mit dem die Bremer Galerie Wolfgang Werner in diesen Wochen das fünfzehnjährige Bestehen ihrer Dependance in der Berliner Fasanenstraße feiert.

          Letztes Exemplar auf dem Kunstmarkt

          Öffentliche Sammlungen rissen sich um die limitierten Abgüsse des „Abschiedes“. Vor Anker gegangen ist Laurens' Hauptwerk im Kölner Wallraf-Richartz-Museum, im Pariser Musée National d'Art Moderne, im Wiener Museum des XX. Jahrhunderts und im Dortmunder Museum am Ostwall. Das letzte nun im Handel befindliche Exemplar kostet bei Werner 2,2 Millionen Euro - man möchte den Zuschlag einem Bewerber aus Übersee wünschen, wo die großen Museen jenseits des allgegenwärtigen Picasso im Bereich kubistischer Skulptur durchaus Defizite auszugleichen hätten.

          Kaum ein Jahrzehnt später als Henri Laurens voluminöse Verkörperung unendlichen Leidens entstand als Ikone des Existentialismus französischer Prägung Alberto Giacomettis hoch aufgesockeltes männliches Porträt, das als anonyme Büste den ergreifenden Bildnissen seines Bruders Diego vorausging. Einer von acht Güssen, dem Besitz der Witwe des Künstlers entstammend, wird bei Werner für 800.000 Euro angeboten.

          Postumer Guss von Belling

          Nur unwesentlich niedriger liegt mit 780.000 Euro der Preis für einen postumen Guss des 1919 in Gips erstausgeformten „Dreiklangs“ des formal ungemein wendigen Rudolf Belling. Die Galerie Werner widmete ihm vor vier Jahren eine Einzelausstellung, in der die epochale Abstraktion in einer Bronze aus Privatbesitz den Status der Unverkäuflichkeit genoss. Und in der Berliner Nationalgalerie befindet sich eine bemalte Holzfassung aus dem Jahr 1924, die der damalige Direktor Ludwig Justi einkaufte.

          Das Art-déco-Porträt von Bellings Ehefrau Toni Freeden, 1925 bei Noack in Berlin gegossen, ist seit 2002 von 140.000 auf 180.000 Euro gestiegen, was angesichts der 74.000 Euro, die ein entfesselter Bieter während der Herbst-Versteigerung bei Neumeister in München für einen auf 30.000 bis 35.000 Euro taxierten Spätguss bewilligte, immer noch preiswert erscheint. Sein golden strahlender „Kopf in Messing“ aus dem Jahr 1925 soll, in einer Auflage von zwölf, 180.000 Euro kosten.

          Konstruktivistisch dominiertes Alterswerk

          Suggestiv signalhaft wirkt eine annähernd zwei Meter hohe „Große stehende Figur“ des 1975 verstorbenen Wiener Bildhauers Fritz Wotruba, die einer Schweizer Privatsammlung entstammt. Die charakteristische Arbeit aus dem konstruktivistisch dominierten Alterswerk des Künstlers gewinnt seinen Reiz durch ihre differenzierte Patina. 1964 war sie Bestandteil der dritten Kasseler „documenta“; vier Jahrzehnte später ist sie 285.000 Euro wert.

          Eher im luftigen Freiraum anzusiedeln als in der Geborgenheit einer baulichen Hülle ist auch die in Berlin lediglich fotografisch präsente „Occasion dramatique“ des 1911 in La Spezia geborenen Italieners Berto Lardera, der nach dem Studium in Florenz 1947 nach Paris übergesiedelt war. Für die Bereitstellung von 165.000 Euro würde die aus bemalten Eisenblechen zusammengesetzte Skulptur ihren gegenwärtigen Standort auf Hamburger Rasen verlassen. Die 1960 entstandene Plastik reizt zum neugierigen Umschreiten, wobei sich dem Betrachter eine Fülle perspektivischer Varianten erschließen.

          Weitere Themen

          Gut erfunden ist anders wahr

          Filmfestival von Locarno : Gut erfunden ist anders wahr

          Zwischen Spiel und Dokumentation, Hollywood, Lissabon und Nordafrika: Das Filmfestival von Locarno hat gezeigt, was ein breites Kunstspektrum im Kino heute bedeutet.

          Echte Kommissarinnen stehen zusammen

          „Tatort“ aus Dresden : Echte Kommissarinnen stehen zusammen

          Ein spektakuläres Verbrechen, ein Chef, dem die Nerven durchgehen, und zwei Ermittlerinnen mit Durchblick: Das neue Team des „Tatorts“ aus Dresden wird sich so rasant einig, dass man nur staunen kann.

          Topmeldungen

          Roboter und Algorithmen übernehmen immer mehr unserer Arbeit, deswegen muss sich auch die Art der Altersversorgung ändern.

          Die DigiRente : Neue Altersvorsorge für die digitale Ära

          Wie die Menschen beim Einkaufen zu Anteilseignern digitaler Maschinen und Algorithmen werden und damit sinnvoll Altersvorsorge betreiben und Vermögen bilden können. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.