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Moderne Kunst und Fotografie : Imperativ im Schlüsselkasten: Ergebnisse der Auktionen der Villa Grisebach in Berlin

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Nachdem bereits Oskar Schlemmers „Unterhaltung“ für sensationelle 680 000 Euro zugeschlagen worden war und Henri Manguins „Le modèle“ für nicht weniger spektakuläre 330 000 Euro, verzeichnete die Auktion noch einen dritten Höhepunkt: Zwei abstrakte Kompositionen von Gerhard Richter erreichten zusammen 272 000 Euro.

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          Großer Applaus für Oskar Schlemmers im Jahr 1935 entstandene „Unterhaltung“: Der Höhenflug dieser auf 250 000 bis 350 000 Euro geschätzten intimen Dialogszene auf Ölpapier hatte den spontanen Beifall bei der Herbstauktion „Ausgewählte Werke“ in der Berliner Villa Grisebach auch wirklich verdient, als der Hammer bei stolzen 680 000 Euro fiel.

          Zwar hatten die zahlreichen im Saal und an den Telefonen Bietenden sich als ziemlich ausdauernd erwiesen, doch nach einem Gebot von 550 000 Euro konkurrierten am Ende nur noch zwei Berliner Privatsammler miteinander um jenes Bild, das 1937 vom großen Stuttgarter Mäzen Hugo Borst erworben worden war. „Ein Weltrekord für eine Papierarbeit dieses Malers“, kommentierte Bernd Schultz, Mitinhaber des Berliner Auktionshauses, das positive Ergebnis.

          Im bitteren Jahr 1935 hatte sich Schlemmer, der von den Nationalsozialisten als „entartet“ verfemte Maler, der längst als Meister der Moderne internationales Renommee genoß, zu einem grandiosen künstlerischen Neuanfang aufgeschwungen - und entdeckte als idealen neuen Bildträger das Ölpapier. „Ich komme vom Hellen, allzu Hellen und gehe ins Dunkel, aus natürlichen und fast möchte ich sagen, politischen Gründen“, schrieb er seinerzeit.

          Zwei weitere Höhepunkte

          Henri Manguin hieß der zweite Star dieses Abends in der Villa Grisebach: „Le modèle“, das farbenfrohe und lichterfüllte Gemälde einer nackten Schönen, das im Winter 1904/1905 im Atelier des Fauvisten in der Rue Boursault in Paris entstand, hing jahrzehntelang in einer Berliner Privatsammlung. Jetzt erwarb ein französischer Sammler das bislang unbekannte Werk für 330 000 Euro, verzehnfachte also die Taxe von 30 000 bis 40 000 Euro und setzte sich damit erfolgreich gegen achtzehn telefonische sowie weitere im Saal anwesende Bieter durch.

          „Wie soll ich es sagen, ich will mir ein Bild machen von dem, was nun los ist, die Malerei kann dabei helfen“, schreibt Gerhard Richter im Jahr 1993: offensichtlich ein bekennendes zoon politikon. Bei der Grisebach-Auktion machten einige Sammler und Flaneure schon Anstalten, zum nächsten Evènement aufzubrechen, als der dritte Höhepunkt der Grisebach-Auktion nahte: Zwei im Jahr 1989 entstandene, vorwiegend strahlend gelbe „Abstrakte Bilder“ von Gerhard Richter, auf je 40 000 Euro geschätzt, gingen nach äußerst lebhaften und spannenden Bietgefechten für zusammen 272 000 Euro an einen in Genf lebenden Kunstsammler und -händler griechischen Ursprungs.

          Der kategorische Imperativ für Kenner

          Gute Erfolge erzielte auch eine vierundzwanzig Aquarelle, Pastelle und Zeichnungen umfassende Bibel-Suite von Marc Chagall mit insgesamt rund 650 000 Euro. Deutlich über den Schätzpreisen lagen die Ergebnisse für zwei in der Tat faszinierende Tableaux von Konrad Klapheck: Das 1964 entstandene Gemälde eines detailgetreu abgebildeten Schlüsselkästchens, nur für Kenner beziehungsreich als „Der kategorische Imperativ“ betitelt, überstieg mit 52 000 Euro seine Taxe von 30 000 bis 40 000 unübersehbar, während das Gemälde „Das Lächeln der Auguren“ von 1968 mit den beiden überdimensionierten pastellfarbenen Plastik-Badeschlappen beim Zuschlag von 48 000 die obere Schätzung immerhin noch um 3000 Euro überstieg.

          Durchweg erfreuliche Zuschläge sind auch bei nach 1945 entstandenen Kunstwerken zu vermelden: So brachte es das auf 35 000 bis 45 000 Euro taxierte Gemälde „Struktur eines erloschenen Clan“ von Gerhard Hoehme, das aus einer süddeutschen Privatsammlung eingeliefert wurde, auf die stattliche Summe von 142 000 Euro. Hervorragende Ergebnisse erzielten aber auch die Gemälde von Markus Prachensky in ihren dramatischen Farbkontrasten: „Rouge sur Noir - Gianfran - IX-1958“ zum Beispiel, mit 10 000 bis 15 000 beziffert, spielte mit 58 000 Euro ein Mehrfaches ein. Neo Rauch, prominenter Leipziger Maler, war ebenfalls vertreten: Seine „Blaue Bar“ aus dem Jahr 1990, Öl auf leichtem Karton, erzielte 17 000 Euro, ziemlich weit oberhalb der Taxe von 9000 bis 12 000 Euro.

          Betörendes aus der Fotosammlung Kurt Kirchbach

          „South Pacific Ocean“, eine der hinreißenden „seascapes“ des japanischen Künstlers Hiroshi Sugimoto, die ein amerikanischer Privatsammler für 28 000 Euro erwarb, führte die Erfolgsliste bei der Fotoauktion in der Villa Grisebach an. Von geschätzten 500 bis 700 Euro stieg Charlotte Rudolphs 1925 entstandenes Bild „Palucca , Tanzstudie I“ auf 10 500 Euro, die wieder ein amerikanischer Sammler bot: Nicht nur diese betörende Aufnahme, sondern auch alle anderen Lose aus der Fotosammlung Kurt Kirchbach - deren einstige Auktion als „Helene Anderson Collection“ bis heute Skandal macht -, konnten ihre Taxen vervielfachen. - Die Zuschlagquote der Herbstauktion betrage 115 Prozent der Gesamtschätzung, ist aus der Villa Grisebach zu hören, die so zum ersten Mal mit ihrem Jahresumsatz die dreißig Millionen Euro überschritt.

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