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Moderne-Auktionen in New York : Geld wie Heuhaufen

  • -Aktualisiert am

Mit einem Abend nur für Großsammler durchbricht Christie’s den Reigen der New Yorker Frühjahrsauktionen mit Impressionismus und Moderne. Was kann Sotheby’s dem entgegen setzten?

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          Christie’s hat in diesem Frühjahr den gewohnten Ablauf der New Yorker Prestigeversteigerungen - die erste Woche mit Impressionismus und Moderne, die zweite Woche mit Nachkriegs- und Gegenwartskunst - durchbrochen. Den Auftakt beim französischen Auktionshaus macht am 11. Mai eine Veranstaltung mit dem Titel „Looking Forward to the Past“ - was so viel heißen soll wie: Inspiration aus der Vergangenheit, um etwas Neues zu erschaffen -, die sich ausschließlich Spitzenwerken des 20. Jahrhunderts widmet, also aus den „klassischen“ Sektionen Moderne und Gegenwartskunst speist. Der Christie’s-Präsident Jussi Pylkkänen benennt die Zielgruppe deutlich, wenn er vom Appetit all jener Großsammler spricht, die hinter dem Besten quer durch alle Abendauktionen herjagen.

          Die höchstdotierte Trophäe ist die Version „O“ von Picassos „Femmes d’Alger“, seinen 1954/55 fünfzehn gemalten, eben von „A“ bis „O“ bezeichneten Paraphrasen von Eugène Delacroix’ berühmtem Gemälde. Bei der Frau im Vordergrund links mit dem Turban und entblößten Brüsten handelt es sich übrigens um eines der ersten Porträts seiner späteren zweiten Ehefrau Jacqueline Roque. Bekannt ist das Bild aus der New Yorker Auktion der Kollektion von Victor und Sally Ganz 1997 - damals zugeschlagen an die Londoner Händlerin Libby Howie für einen Kunden bei 31,9 Millionen Dollar, gegenüber einer Taxe von zehn bis zwölf Millionen. Jetzt erwartet Christie’s für das Werk im Bereich von 140 Millionen Dollar, die wohl höchste (geäußerte) Schätzung bisher überhaupt. Es ist evident, dass sie in Richtung von Francis Bacons „Three Studies of Lucian Freud“ zielt, die im November 2013 beim Zuschlag von 127 Millionen Dollar verkauft wurden, mit Aufgeld sind das 142,4 Millionen; die Taxe dafür hatte bei mehr als 85 Millionen Dollar gelegen, und der Bacon war nicht mit einer Garantie versehen. Dem unbekannten Einlieferer - dem Vernehmen nach ein europäischer Sammler, der das Bild in der Ganz-Auktion erwarb - hat Christie’s eine Mindestsumme dafür garantiert.

          Unter den 35 Losen findet sich auch, ebenfalls mit einer Garantie versehen, der große rote Rothko aus der Sammlung Frieder Burda (Taxe 30/50 Millionen Dollar), der ursprünglich für die reguläre Zeitgenossen-Veranstaltung am 13. Mai vorgesehen war. Und ohne Alberto Giacometti geht das Ganze natürlich nicht: Sein 177,5 Zentimeter hoher, herumkommandierender dünner „L’homme au doigt“ von 1947 soll für 130 Millionen gut sein - womit der „L’homme qui marche“, den Sotheby’s 2010 aus dem einstigen Besitz der Dresdner Bank für 104,3 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld) verkaufte, weit überrundet wäre. Die günstigste Schätzung in dieser astreinen Blue-Chip-Accrochage gilt mit 250 000 bis 350 000 Dollar - für Anfänger, gewissermaßen - einem unbetitelten „Visage de femme“ von Francis Picabia aus den Vierzigern und jedenfalls très chic.

          Nachgerade bescheiden kommt dann am 14. Mai die übliche Abendauktion mit Impressionismus und Moderne daher. Unter drei Gemälden Monets finden sich dort „Heuhaufen bei Giverny“ von 1885, die einst René Gimpel gehörten. Der französische Kunsthändler arbeitete im Zweiten Weltkrieg für die Résistence, wurde vom Vichy-Regime interniert und schließlich ins Konzentrationslager Neuengamme verbracht, wo er 1945 umkam. Im Rahmen einer Restitutionsvereinbarung mit dem jetzigen Schweizer Privat-Einlieferer bekommen die Erben Gimpels einen Teil des Erlöses; die Erwartung liegt bei zwölf bis achtzehn Millionen Dollar.

          Die Konkurrenz Sotheby’s kann keine vergleichbare Großoffensive starten und schickt am 5. Mai 69 Lose in die übliche Abendauktion. Unter ihnen sind ein Matisse und ein Picasso, die von den Erben des Hollywood-Moguls Samuel Goldwyn eingeliefert wurden: Matisse’ leichte „Anémones et grenades“ von 1946 firmieren mit fünf bis sieben Millionen, Picassos Porträt der Françoise Gilot, „Femme au chignon dans un fauteuil“ von 1948, mit zwölf bis achtzehn Millionen Dollar. Beide Bilder kaufte Goldwyn bald nach ihrer Entstehung, und sie waren seither nicht auf dem Markt. Eine Suite von sechs Gemälden Monets führen „Nymphéas“ aus dem Jahr 1905 an, die ihr gegenwärtiger Besitzer vor sechzig Jahren bei Wildenstein in New York erworben hat. Das Seerosenbecken ist das zweitteuerste Los des Abends, die Schätzung liegt bei dreißig bis 45 Millionen Dollar. Mit der Erwartung von fünfzehn bis zwanzig Millionen folgt Monets „Le Palais ducal“ von 1908. Die Venedig-Ansicht mit dem Blick über den Canal Grande auf den Dogenpalast wurde 1960 an den Sohn des Sammlers Jakob Goldschmidt restituiert und kommt jetzt aus der Sammlung von Goldschmidts Enkel.

          Das Spitzenlos bei Sotheby’s stellt Van Gogh mit „L’Allée des Alyscamps“, die 1888 in Arles entstand, als er mit Gauguin eng verbunden war: Vierzig bis sechzig Millionen Dollar lautet die Taxe auf Anfrage für das typische Bild aus Van Goghs bester Zeit.

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