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Miron Schmückle in Düsseldorf : Alles entspringt der Knolle

Ausschnitt aus: „Float II“, 2021, 80 mal 125 Zentimeter, Tusche, Aquarell und Stift auf Karton. Bild: Galerie Setareh/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Phantastische Blüten wuchern über den weißen Karton: „Bulb Fiction“, Aquarelle von Miron Schmückle bei der Galerie Setareh in Düsseldorf.

          3 Min.

          „Das Aquarell verzeiht nichts“, sagt Miron Schmückle vor einem seiner Bilder; das größte unter ihnen misst gut zwei mal 1,5 Meter: Was für ein Format für ein Aquarell von so unglaublicher Feinheit! Wie er das denn macht? Immer nach präzisen Vorzeichnungen, sagt er, die er dann genauso mit der Hand überträgt auf die große Fläche, auf der er mit dem feinsten Pinsel Nr. 2 arbeitet. Für die Großformate, an die Wand geheftet, steht er schon mal auf einer Leiter. Der Überblick bei seinem ungewöhnlichen Schaffen ist ihm wohl einfach gegeben.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          In den weiten Räumen der Galerie entfaltet sich auf den Bögen weißen Kartonpapiers an den Wänden ein Blütenrausch; doch der erste Eindruck geht fehl. Denn die ineinander verschlungenen Gewächse können genauso gut Algen sein, Korallengeflechte – oder Tentakel auf der Suche nach Anschluss, Wucherungen ganz anderen, verborgenen Ursprungs. Beinahe meint man, es ließen sich auch Düfte wahrnehmen, verführerische Parfüms und giftige. Alles scheint sich in ständiger Entfaltung zu befinden. „Bulb Fiction“, so der Titel der Ausstellung, verweist auf die Knolle als Ort des Keimens; Werden und Vergehen sind programmiert.

          Großformatiges Aquarell mit feinen Zeichnungen: „no titel“ von 2021.
          Großformatiges Aquarell mit feinen Zeichnungen: „no titel“ von 2021. : Bild: Galerie Setareh/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

          In dieser artifiziellen Flora nistet – dem Betrachter entgegen lächelnd, ein wenig hinterhältig manchmal – das Zoomorphe. Da sind organoide Formationen überhaupt, vielleicht eine pochende Herzkammer, symmetrisch geöffnete Lungenflügel, sackartige Ausstülpungen, wie von Adern durchzogene Gedärme. Solches lässt der Künstler zu; aber alles Anthropomorphe vermeidet er absichtlich. Der Mensch soll schauen, staunen – nicht sich selbst wiedererkennen; so versteht man das. Schmückle hat nichts gegen das Wort „surreal“ dafür, aber er verbindet damit kein Programm. Ob er manchmal träume von seinen Schöpfungen oder eher: sie allererst träume? Ja, das schon.

          Geboren ist Miron Schmückle, der in Berlin lebt und arbeitet, 1966 im siebenbürgischen Sibiu (Hermannstadt) in Rumänien, wo er zweisprachig mit Deutsch und Rumänisch aufwuchs. Um sich selbst und seiner Neigung zum künstlichen, nie ganz harmlosen Paradies seiner Fantasie gleichsam auf die Spur zu kommen, hat er eine Dissertation geschrieben zu den Kabinettminiaturen des Flamen Joris Hoefnagel (1542 bis 1600), der mit seinen eigenwilligen Illustrationen berühmt wurde, unter dem hübschen Titel „Quod in fructibus humor, hoc in hominibus est amor“ (Was in den Früchten der Saft, ist in den Menschen die Liebe). Schmückles hybride Gebilde haben da ihren Nährboden. Lateinische Titel, vielleicht Erbe einer seiner Muttersprachen, mag er überhaupt gern. So heißen jetzt die zwei je 1,9 mal 1,2 Meter großen Gegenstücke eines Diptychons – die auf wundersame Weise sowohl horizontal wie vertikal an allen ihren Seiten aneinander anschließen können – „Se sustinet ipsa“ (eine Weinrebe, ganz aufrecht stehend); das kommt aus der alten Kunst des Sinnbilds. Ein anderes dem Betrachter entgegenstrebendes, ihn einsaugendes Aquarell hat er „Non saturatur oculus visu“ (Das Auge sieht sich nimmer satt . . .) nach dem Prediger Salomo benannt.

          „Imago IV“, 2021, Aquarell und Tusche auf Papier, 56 mal 76 Zentimeter.
          „Imago IV“, 2021, Aquarell und Tusche auf Papier, 56 mal 76 Zentimeter. : Bild: Galerie Setareh/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

          Miron Schmückle erschafft „una terza natura“, eine dritte Natur, was sich eine Steigerung der Natur durch die Kunst nennen lässt; so hieß schon eine Ausstellung von ihm 2016 in Bamberg. Es geht ihm nicht um Domestizierung von Natur, sondern um Befreiung der Imagination. Dabei ist Sex, nicht zu verwechseln mit menschlicher Erotik, im Spiel: Ist doch allein zu diesem Zweck die Natur selbst so erfinderisch; kein Betrachter kann sich dieser Erkenntnis entziehen. Es ist die höchste Konzentration im sorgfältigen Schaffensprozess, die derartige Sinnlichkeit des Kunstwerks zustande bringt. Und was in seiner Perfektion, nur auf den ersten Blick, so dekorativ aussieht, hat den geheimen Reiz von Karnivoren. Denn Vorsicht: Im Kunstschönen lauert die Gefährlichkeit, die lockenden Blüten werfen ihre Netze aus.

          Die Arbeiten Schmückles entziehen sich jeder Kategorie. Sie sind nichts so wenig wie rückwärtsgewandt. Sie sind aber auch nicht schlicht als zeitgenössisch identifizierbar. Sie gehen weiter, eröffnen in ihrer ästhetischen Radikalität die Räume jener Vernetzungen, in denen wir existieren: die im Unsichtbaren wuchern, sich verschlingen zu Clustern und Bündeln; zu Rhizomen, zu Wurzelstöcken, deren unterirdische Anschlüsse sich der Sichtbarkeit entziehen, nicht kontrollierbar – im weltweiten Netz. Doch sie inszenieren zugleich die Utopie nichthierarchischer Verknüpfungen, vor reinem weißen Malgrund. Flora und Fauna mögen ohne Bewusstsein sein, doch sie sind nicht absichtslos. Miron Schmückle weiß das, und genau das macht seine Bilder so stark.

          Preise von 7500 bis 68.000 Euro. Bis zum 3. Juni, Besichtigung nach Vereinbarung.

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