https://www.faz.net/-gyz-10gj9

ShContemporary 2008 : Sie sprüht vor Energie

  • -Aktualisiert am

Zwischen Kunst und Konsum: ShContemporary, die Messe für zeitgenössische Kunst in Schanghai, strebt einen Spitzenplatz im internationalen Messezirkus an.

          5 Min.

          Der Gott des Materialismus ist ein grinsendes rosa Riesenschwein inmitten vieler kleiner Schweinchen, die ihn staunend angaffen. Der chinesische Kurator Huang Du hat die monumentale Glasfaserinstallation (Auflage 3; je 500000 Euro) von Chen Wen Ling auf der Messe für zeitgenössische Kunst in Schanghai in der Halle „Best of Discovery“ prominent plaziert: Das Schwein symbolisiere in China Reichtum und Begehren, so Huang, und der „God of Materialism“ mit dem menschlich-tierischen Antlitz kritisiere Chinas Übergang in eine materialistische Konsumgesellschaft. Auf der ShContemporary, die am heutigen Samstagabend im Shanghai Exhibition Center zu Ende geht, tritt die Gratwanderung zwischen Kunst und Konsum deutlich zutage.

          Vor einem Jahr haben die Schweizer Lorenzo Rudolf und Pierre Huber erfolgreich die erste Messe von internationalem Niveau in Asien ins Leben gerufen. „Wir wollen den asiatischen Markt stützen und international öffnen und ebenso den internationalen Markt für asiatische Kunst öffnen“, erklärt Lorenzo Rudolf. Die zweite Ausgabe von ShContemporary sei der „zweite Schritt“ hin zum Ziel, die Schau in fünf oder sechs Jahren als eine der drei größten Messen für zeitgenössische Kunst auf der Welt zu etablieren.

          Ein Kuratorium von Entdeckern

          Der künstlerische Leiter Pierre Huber schied wegen Vorwürfen geschäftlicher Vorteilsnahme aus dem Messeteam aus; an seine Stelle ist ein Kollegium von elf Kuratoren aus Asien und dem Südpazifik getreten, die für „Best of Discovery“ Werke von 32 meist jungen Künstlern ausgewählt haben. Nach dem Vorbild von „Art Unlimited“ bei der Art Basel wurde in Hof und Garten des Ausstellungszentrums mit den „Outdoor Projects“ erstmals eine Schau monumentaler Skulpturen und Installationen ausgerichtet.

          Mit rund 150 Galerien aus 23 Ländern, davon etwa die Hälfte aus Europa und Nordamerika, ist die Teilnehmerzahl leicht gestiegen. ShContemporary lebt vom Reiz des Neuen und versprüht eine Energie, die auch die Galerien aus dem Westen in ihren Bann zieht. Die Wurzeln chinesischer Gegenwartskunst liegen mitunter in der amerikanischen Pop Art, und viele chinesische Künstler haben sich das Instrumentarium von Pop, Konzeptkunst und Minimal Art gleich einer internationalen Formensprache angeeignet oder greifen auf viel ältere Vorbilder aus der Kunstgeschichte zurück.

          Hieronymus Bosch als Vorbild

          Die Galerie Osage aus Hongkong führt mit der neunteiligen Leuchtwand „Microcosm“ eine der jüngsten Arbeiten des Pekinger Kunstprofessors Miao Xiaochun vor, der Elemente und Figuren aus Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“ am Computer dreidimensional modelliert hat (je nach Format 48.000 bis 90.000 Dollar), während sich Huang Rui bei 10 Chancery Lane, ebenfalls Hongkong, mit seiner Installation „Sichuan forever“ der Tradition des Perlenvorhangs bedient, die bis in die Tang-Zeit zurückreicht: Acht Torbögen geben auf schwarzroten Perlenvorhängen die lächelnden Gesichter von Kindern wieder, die das Erdbeben in Sichuan am 12. Mai überlebt haben.

          Es ist ein Versuch des Künstlers, der zur frühesten Avantgarde Chinas gehört, den „Schmerz in eine erinnernde Zukunft zu verwandeln“ (um 120000 Euro). Die chinesische Kunst der Porzellanmalerei kommt bei Marlborough Fine Art durch eine emaillierte Vase von Zao Wou-Ki mit dem Titel „Hommage à Tou-Fou/Promenade sur le lac Mei-pei“ (2008; unter 100.000 Dollar) zur Geltung, und die Galerie Ota aus Tokio präsentiert mit Masayasa Mitsuke einen jungen japanischen Künstler, der die traditionelle Porzellankunst ins Zeitgenössische umsetzt; seine Schale mit hauchzartem rotem Rautenmuster aus Kutani-Porzellan blieb bei den Sammlern nicht lange unbemerkt (5000 Dollar).

          Ausgelassene Gegenwartskunst

          Die Mehrheit der chinesischen Künstler ist jedoch resolut - und bisweilen übermütig - der Gegenwart zugewandt. Die fünf in Bronze gegossenen, aufgereiht sitzenden Säulen der chinesischen Gesellschaft, „Worker, Farmer, Soldier, Student, Businessman“, von Zhang Xiaogang legen bei Pace, New York (und jüngst auch Peking), zugleich den Wandel Chinas dar; sie wurden gleich zur Eröffnung zu einem ungenannten Preis verkauft: Die fünf Figuren unterscheiden sich durch die Kleidung, doch ihre entblößten Geschlechtsteile verweisen auf das Ideal universeller Gleichheit. Deren Grundlagen hat Jiao Xingtao, ein junger Künstler aus Sichuan, mit „Masterpiece 2“ in Form des Roten Buchs, der Mao-Bibel, in Marmor verewigt, bei Do Art aus Peking (rund 8000 Euro).

          Weitere Themen

          Sogenannte Menschenrechtsprobleme

          China erbost über Sanktionen : Sogenannte Menschenrechtsprobleme

          Washington verhängt Sanktionen gegen chinesische Firmen und Behörden, die an der „brutalen Unterdrückung“ von Minderheiten beteiligt sind. Peking reagiert empört – die Vorwürfe seien „haltlos“.

          Topmeldungen

          Dorothee Blessing, Deutschlandchefin von JP Morgan.

          JP-Morgan-Chefin im Gespräch : „Frankfurt wird wichtiger“

          Befindet sich die deutsche Industrie im Ausverkauf? Für Dorothee Blessing ist das keine plötzliche Erscheinung. Im Interview spricht die Deutschlandchefin von JP Morgan, über Brexit-Folgen rebellische Investoren – und die Angst vor der Börse.
          Der amtierende indische Ministerpräsident Narendra Modi

          Hohe Verschuldung : Weltbank warnt vor indischer Krise

          Die Lage der Banken wird prekärer. Von faulen Krediten im Volumen von rund 150 Milliarden Dollar ist die Rede. Nun schlagen die Probleme aus dem Finanzsektor auf die Binnenwirtschaft durch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.