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Messerundgang : In Zeiten des abnehmenden Lichts

  • -Aktualisiert am

Im Aufruhr und voller Schmerz: Auf der Fiac in Paris tun sich Werke jüngsten Datums stark hervor.

          3 Min.

          Wie die Sonne draußen vorm Grand Palais die sich schon herbstlich färbenden Blätter auf den Champs Élysées illuminiert, so durchflutet sie auch den gesamten Innenraum des Prachtbaus der Pariser Belle Époque, denn das Dach besteht bloß aus Stahl und aus Glas. 168 Galeristen aus Europa und den Vereinigten Staaten haben dort ihre Stände zur Foire Internationale d’Art Contemporain (Fiac) bestückt. Elegantes Pariser und viel internationales Publikum füllt zur Preview die mit Gittern abgetrennten Wartebereiche vorm Eingang.

          In der Galerie Gmurzynska aus der Schweiz wurde Karl Lagerfeld mit der Gestaltung der Koje beauftragt. Er entschied sich virtuos für silbriges Grau, das er an die Wandverkleidung aus Holzlatten streichen ließ: Passt perfekt zu Banksys „Fuck the Police“, zum schwarzen Schlitzbild von Fontana oder Robert Indianas „Two Golden Orbs“. Zwei Werke aus dem Jahr 1980 zeichnet Lagerfeld in seinem Design-Saloon mit der Überschrift „Rebels“ aus: Es sind Basquiats „Untitled (Car Crash)“ und Warhols „Sylvester Stallone“, der natürlich auch von einer grauen Leinwand blickt. Prominent komponierte Ästhetik ist aber gar nicht das Hauptaugenmerk der Fiac 2011. Es geht vielmehr thematisch zu, so wie es sich auf der Welt zurzeit verhält. Das ist auch nicht verwunderlich, schließlich ist momentan der Weg aus den Ateliers der namhaften und teuren Künstler bis zu ihrer Disposition auf dem Markt enorm kurz. So vermitteln sie Aussagen mit brennender Aktualität: Sie sind politisch, sie beziehen sich aufs Geld und den Aufstand - sie sind schmerzerfüllt.

          Eine politische Wand mit Vintagefotos

          Besonders auffällig ist hierbei das drei mal sechs Meter große Gemälde von Takashi Murakami aus diesem Jahr: „As the Interdimensional Waves Run Through Me, I Can Distinguish Between The Voices Of Angel And Devil“. Darauf liegt ein allegorischer Götterlöwe auf einem Regenbogen aus Totenköpfen. Die Galerie Perrotin aus Paris hat das Werk bereits für einen unbekannten Betrag verkauft. Auch Hauser & Wirth aus Zürich/London/New York überlassen die Hälfte ihrer Ausstellungsfläche einer wehmutsvollen Installation vom 1977 geborenen Rashid Johnson. Auf einem abgetretenen Perserteppich liegt ein aufgeschlagener Band des amerikanischen Fotografen Elliott Erwitt.

          Man sieht ein Bild, auf dem sich ein schwarzer Junge eine Waffe gegen die Schläfe hält. Wie bei einer Séance legt Johnson um das grausame Szenario oben, unten, links und rechts vier Kugeln aus Sheabutter. „Preface To A Twenty Volume Suicide Note“ heißt die Arbeit von 2011 und kostet 50.000 Euro. Kicken aus Berlin hat eine politische Wand mit Pressefotos installiert, die bereits zum Bestand des kollektiven Gedächtnisses gehören: Es sind Vintageabzüge von Joe Rosenthals „Marines raising the American flag at Iwo Jima“ von 1945 (11.000 Euro), Ivan Shagins „Salvo on the roof of the Reichstag 1945“ (2800 Euro) oder Jeff Wideners „Tank Man (June 5, 1989, Tiananmen Square, Beijing, China)“ (20.000 Euro).

          Diese Koje beruhigt die Nerven

          In den allgemeinen Aufruhr passt Jonathan Meeses sowieso immer wütender Ausdruck ganz fabelhaft: Bei der Wiener Galerie Krinzinger hängt ein mit den Schlagwörtern „Kunst = Kampf“ beschriebenes, schwarzweißes Gemälde von 2011, auf zwei mal 1,4 Metern für 35.000 Euro. Für 12.000 bis 14.000 Euro gibt es „Geld“, „Money“ oder „Dinero“ in atelierfrischen, mehrschichtigen Schnittarbeiten von Tobias Rehberger bei Barbara Grässlin aus Frankfurt. Marc Quinn meldet für sein bei Thaddaeus Ropac aus Salzburg/Paris ausgestelltes Werk schon mal historische Relevanz an: Sein Gemälde „History Painting (London 8th 2011)“ zeigt einen vermummten Protestler im blauen Adidas-Anzug, hinter dem Flammen blutorange in die Höhe schlagen (160.000 Euro).

          Mit der Bild-Unterzeile „I eat Politics and I sleep Politics but I never drink Politics“ steuert Richard Prince in seinem Werk von 1990 „Anyone Can Find Me“ bei Van de Weghe aus New York einen dankbar humorigen Ansatz bei (820.000 Euro). Überhaupt, in dieser Koje glätten sich aufgebrachte Nerven wie automatisch, wenn man auf Roy Lichtensteins 1973 lieblich komponiertem Gemälde „Things on the Wall“ einzelne Gegenstände absucht (2,7 Millionen Euro). In dieser Stimmung kann man dann auch, von jeglicher Hektik befreit, bei Contemporary Fine Arts aus Berlin warten, dass die Sonnenstrahlen durch das gläserne Dach schwächer werden und - im Zuge des abnehmenden Lichts - Anselm Reyles Silberfolie im großformatigen, dunkelvioletten Plastikkasten ihre ganze Tiefenwirkung entfaltet (140.000 Euro).

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