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Media City Seoul und Gwangju Biennale : Da ist Kunst in Südkorea

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Ungleiche Schwestern in Ostasien: Der Media City Seoul gelingt es, ihr Motto mit Inhalt zu füllen. Die Gwangju Biennale irritiert hingegen mit Neutralität.

          Noch in den sechziger Jahren schickte die Leitung der Biennale Venedig den internationalen Kommissären eine Ermahnung, unbedingt auf die Verkäuflichkeit aller ausgestellten Werke zu achten. Biennale und Kunstmarkt - diese Verbindung war damals noch selbstverständlich. Im selben Jahrzehnt etablierte sich dann die erste Kunstmesse in Köln, und bald wurden die beiden Formate immer schärfer getrennt. Seit wenigen Jahren ist eine erneute Annäherung zu beobachten. Ob die nur einmaligen Ausgaben der „Cornice Artfair“ zur 52. Biennale in Venedig 2007 und der „Showcase Singapore“ zur 2. Singapur Biennale 2008 oder die erfolgreiche zeitliche Nähe der dritten „Art Dubai“ zur neunten „Sharjah Biennale“ 2009 - immer häufiger werden die Eröffnungstage von Ausstellung und Messe aufeinander abgestimmt.

          Jetzt folgen auch die südkoreanischen Veranstaltungen diesem Modell: Zwei Tage vor dem Beginn der achten „ Gwangju Biennale“ startete am 1. September die erst im Mai dieses Jahres gegründete „Art Gwangju“; zwei Tage nach Eröffnung der sechsten „Media City Seoul“ begann die, inzwischen international renommierte, neunte „Korean International Art Fair“ (KIAF). Die Vorteile für die Aussteller und anreisenden Besucher sind evident. Erstmals greift jetzt aber auch die Kunstmesse direkt ein Biennale-Thema auf, wenn die KIAF die neue Kategorie „Korea Media Art“ in ihr Programm aufnimmt. Und umgekehrt spiegelt sich die neue Nähe erstmals in der Werkauswahl der Biennale. Denn während die Media City Seoul in diesem Jahr auf technologisch innovative - und damit meist stärker unternehmerisch als ästhetisch orientierte - Beiträge verzichtet, bejaht die Gwangju Biennale die Nähe zur kommerziellen Seite der Kunst ganz unbekümmert.

          Bekanntgeworden ist die Media City Seoul als Biennale für Neue Medien und digitale Kunst. Die aktuellen Kuratoren (Sunjung Kim, Clara Kim, Nicolaus Schafhausen, Fumihiko Sumitomo) thematisieren unter dem Titel „Trust“ Aspekte sozialen Verhaltens. Video ist diesmal das vorherrschende und damit die Aufmerksamkeit bisweilen strapazierende Medium; zentral sind politische und gesellschaftliche Problemzonen. „Vertrauen“ wird in diesen Beiträgen nicht nur gespiegelt, sondern auch befragt, bis hinein in die Auswahl; denn bei vier Kuratoren aus vier kulturellen Kontexten gehören unterschiedliche Beurteilungen zum Berufsalltag.

          Auch sie werden nicht zuletzt durch Vertrauen überwunden. So erscheinen zum Beispiel die Projekte der Gruppe „Xijing Men“ rund um die Erfindung einer bisher fehlenden „Westhauptstadt“ (Xijing) dem westlichen Auge kindisch bis kitschig. Im auf Harmonie basierenden, asiatischen Zusammenhang aber ist diese Ausdrucksform für eine neue gemeinsame Stadt der einzig mögliche Weg. Allein die Herkunft der drei Künstler aus Japan, Korea und China ist wegen der brutalen japanischen Besatzung Koreas Anfang des 20. Jahrhunderts politisch hochbrisant.

          Belauscht vom Mikrophonschwarm

          Umgekehrt ist „Vertrauen“ auch ein reichlich unkonkreter und offener Begriff. So sind manche Beiträge der insgesamt 45 Künstler oder Künstlergruppen humorvoll - wie Erik van Lieshouts tagebuchähnliches Video über seine Liebe zu seiner Assistentin; beunruhigend - wie die Fotografien des Israelis Miki Kratsman, der beliebige Straßenszenen mittels eines Scharfschützenblicks zu bedrohlichen verwandelt; oder exzessiv - wie Tarek Atouis radikale Performance, in der er seine Foltererfahrungen während des Kriegs 2006 in Beirut in elektroakustischen Sound verwandelt. Ein starkes Bild für Misstrauen findet Shilpa Gupta mit ihrer überdimensionalen schwarzen Wolke aus Mikrophonen. Vertrauen, das machen die spannungsvoll ausgewählten Werke deutlich, ist eine Handlung, die wir nicht passiv vorfinden, sondern selbst erzeugen müssen. „Trust“ ist nicht einfach ein Thema, sondern eine Aufforderung zur geschärften Aufmerksamkeit.

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