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Jubiläums-Fiac : Der Stoff, aus dem die Kunst ist

  • -Aktualisiert am

Die vierzigste Fiac, die internationale Messe für Gegenwartskunst in Paris, wird in diesem Jahr dominiert von Informel und Textilkunst – und bietet einige Überraschungen.

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          Niemand hatte den Hund gesehen, weil alle zur Fiac drängten, wo Aurélie Filippetti, Schriftstellerin, Sozialistin und seit kurzem Kulturministerin von Frankreich, umschwärmt von hektisch herumstolpernden Kamerateams, durch den Grand Palais wanderte und der Presse mit ausladenden Gesten erklärte, warum Paris aber ganz bestimmt wieder eines der großen Zentren der Gegenwartskunst sei. Niemand hatte also im Gedränge des feierabendlichen Verkehrs darauf geachtet, dass neben einer Ampel an der Rue de Rivoli ein weißer Hund mit einem pinkfarben Bein stand, der schon im Sommer des vergangenen Jahres während der Documenta durch die Karlsauen fegte wie ein bizarrer Geist und jetzt hin und wieder in der Ausstellung des Künstlers Pierre Huyghe im Centre Pompidou lebt – als vierbeiniges Kunstwerk.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Hund ist dabei unter all den in diesen Tagen wie von Geisterhand in Paris auftauchenden Kunstwerken eines der wenigen, das nichts mit der Fiac zu tun hat – und wirkt doch wie ein Wegweiser, denn auf der Fiac gibt es alles, sogar, bei Andrea Branzi, ein paar lebende gelbe Vögel. Die Messe versucht auch dieses Jahr alles, um den Ruf zu bestätigen, der ihr seit Jahren vorauseilt, dass sie nämlich alle Messen für Gegenwartskunst, vor allem die Londoner Frieze, qualitativ weit abgehängt habe und sich nur noch mit Basel messen lassen müsse. Sie breitet sich in diesem Jahr nicht mehr nur im Grand Palais aus, wo rund zweihundert Galerien ausstellen, sondern über die gesamte Stadt: in die Tuilerien, den Jardin des Plantes, auf die Place Vendome.

          Das Informelle ist vorherrschend

          Was diesmal auffällt, ist die Präsenz von Textilkunst, deren Bedeutung gleichzeitig in mehreren Ausstellungen, unter anderem im Musée de l’Art Moderne de la Ville de Paris und im Wolfsburger Kunstmuseum, entdeckt wird. Bei Galerie Grässlin rollt der junge Künstler Michael Beutler einen monumentalen Teppich aus, bei Sfeir-Semmler gibt es eine neue „Tapistry“ der 88 Jahre alten libanesischen Literatin und Malerin Etel Adnan, in der sie mit Farbelementen eine formal leichte, präzise Studie über Konzentration und Lockerung, Verdichtung und Leere entwickelt (70000 Euro).

          Ansonsten dominiert Informelles: Bei Max Hetzler ist, für fünf Millionen Dollar, ein Gemälde der abstrakten Expressionistin Joan Mitchell im Angebot, dessen Titel „Red Tree“ lautet und das zeigt, dass das sogenannte Informel keineswegs nur ein Versuch war, innere Zustände gestisch auf die Leinwand zu bekommen, sondern im Gegenteil etwa das kompliziert Verästelte, im Wind Hin- und Hergerissene eines Baums – und nicht diesen selbst – darzustellen. Wer einen Baum aus der Gegenwart kaufen möchte, kann ein paar Stände weiter bei Neugerriemschneider das monumentalste Kunstwerk dieser Messe erstehen, eine rund zehn Tonnen schwere Skulptur von Ai Weiwei, die aussieht, als hätten Goya und Frankenstein aus zersägten Teilen wieder einen Baum zusammenfügen wollen, wobei das Objekt aus Eisen gefertigt ist: eine apokalyptisch-poetische Naturchimäre des technischen Zeitalters (Preis auf Anfrage). Der bald 94 Jahre alte Pierre Soulages ist mit einem neueren Reliefbild bei Karsten Greve vertreten (1,1 Millionen Euro), und Jocelyn Wolff hat den achtzigjährigen William Anastasi im Programm, der als Vorreiter des konzeptuellen Zeichnens gilt. Dass auch eine jüngere Generation die Tradition von Farbfeldmalerei und konzeptueller Zeichnung weiterspielt, zeigt bei Zwirner Suzan Frecon mit ihren Farbfeldbildern und bei Gaudel de Stampa Dove Allouche: Sein „Frayures“ erinnert an Twomblys tastende Kreidezeichnungen, stellt aber die Spuren von Leuchtraketen im Nachthimmel dar, die auf einer Fotografie aus dem ersten Weltkrieg zu sehen sind (7000 Euro).

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