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Interview : Jetzt geht die Kunst auch zu den Leuten in die Stadt

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Annette Schönholzer und Marc Spiegler leiten die wichtigste Kunstmesse der Welt. Hier sagen sie, was geschehen ist, damit die Art Basel unverwechselbar an der Spitze bleibt.

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          Worin bestehen die entscheidenden Veränderungen der Messe in diesem Jahr?

          Marc Spiegler: Unsere wichtigste Neuerung in diesem Jahr ist der Sektor "Art Feature", für den sich Galerien mit einem kuratorischen Projekt bewerben. So wird man hier Gruppenausstellungen sehen mit Roman Ondak, Jiri Kovanda und Julius Koller bei gb Agency aus Paris oder eine noch nie präsentierte Installation von Charles Atlas, John Cage und Merce Cunningham bei Vilma Gold aus London. Die Wiener Galerie Mezzanin zeigt eine Einzelschau mit Arbeiten des Künstlers Thomas Bayrle, und Jocelyn Wolff aus Paris präsentiert frühe Arbeiten von Franz Erhard Walther.

          Annette Schönholzer: Eine wichtige architektonische Veränderung ist, dass wir im Hinblick auf den bevorstehenden Erweiterungsbau der Halle 1 durch Herzog de Meuron den Zugang zur "Art Unlimited" verlegt haben. Die neue Ausrichtung verbindet nun sozusagen Halle 1 und Halle 2 durch einen überdachten Vorplatz mit parkähnlichem Charakter. "Art Unlimited" und "Art Statements" belegen die gesamte Halle, die "Art Statements" treten kompakter auf, es gibt ein neues Auditorium für die Gesprächsveranstaltungen "Art Basel Conversations" und "Art Salon" und einen neugestalteten Bereich für die jungen Projekte "Off Press", "Artists Books" und "Artists Records", im Zentrum der "Art Statements".

          Mit der neuen Sektion "Art Parcours" greifen Sie in die Stadt aus: Was versprechen Sie sich davon?

          Annette Schönholzer: Selbst Besucher, die seit Jahren zur Art Basel kommen, bewegen sich oft vor allem zwischen der Messe, den Museen und der Kunsthalle. "Art Parcours" bietet eine Gelegenheit, unseren Gästen und dem lokalen Publikum den historischen Stadtkern von Basel näherzubringen und diesen mit zeitgenössischer Kunst in eine außergewöhnliche Verbindung zu setzen. Jens Hoffmann, der Direktor des Wattis Institute in San Francisco, hat zehn Künstler ausgesucht, die Arbeiten entwickelt haben, die sich alle auf den ihnen zugewiesenen Standort in der Stadt beziehen. Es werden darunter Performances, filmische Arbeiten oder Installationen etablierter Künstler wie etwa Daniel Buren, Cerith Wyn Evans, Angela Bulloch, Martha Rosler oder Damián Ortega zu sehen sein, dann aber auch Werke der jüngeren Generation wie beispielsweise Nathalie Djurberg, Hans Berg und Aurélien Froment. Angela Bulloch installiert einen Sternenhimmel über dem Altar des Münsters, John Bock wird eine Dauer-Performance auf dem Fährschiff inszenieren, und Nathalie Djurberg projiziert ihre Knetgummi-Animationsfilme im Lagerkeller des Naturhistorischen Museums. Wir beschließen den "Art Parcours" abends mit einem kurzen Feuerwerk von Cerith Wyn Evans auf dem Rhein, bei dem ein Zitat in die Luft geschrieben wird.

          Hat sich das Publikum der Art Basel verändert? Wenn ja, in welcher Hinsicht?

          Annette Schönholzer: Die Art Basel ist seit jeher eine Veranstaltung, zu der sowohl Sammler aus der ganzen Welt anreisen, die aber auch gerne von Familien aus dem Umland besucht wird. Unser Programm zielt darauf ab, dass für alle etwas dabei ist: Man kann im unteren Stockwerk der Halle 2 historisch bedeutsame Werke betrachten, bei den "Art Statements" kann man interessante Entdeckungen machen, und in unseren Gesprächsveranstaltungen verhandeln Künstler, Sammler, Kuratoren, Museumsdirektoren und Kunstwelt-Experten aktuelle Diskurse. Jeden Abend gibt es im Stadtkino Künstlerfilme, und am Samstagabend zeigen wir in diesem Rahmen den beim Film- Festival Venedig prämierten Film "Women Without Men" von Shirin Neshat. Grundsätzlich kann man sagen, dass sich das Publikum der Art Basel über die Jahre verbreitert hat: Während es wohl auch noch vor zehn Jahren schwierig war, Kuratoren und Künstler auf eine Messe zu locken, kommen sie mittlerweile von selbst, weil sie den Austausch und die Entdeckungen genießen.

          Stichworte Krise und Schweizer Banken: Werden die Amerikaner wieder zahlreicher kommen?

          Marc Spiegler: Es reisen zahlreiche Museumsgruppen und individuelle Sammler aus aller Welt an, und auch aus den Vereinigten Staaten haben sich viele wichtige Sammler angekündigt. Nachdem die jungen amerikanischen Sammler 2009 nach Einbruch der Krise etwas zurückhaltend waren, erwarten wir nun wieder viel Besuch von dort. Wir waren gerade in New York bei der neuen Gallery Week und den Auktionen, wo das Thema Krise wirklich nicht mehr so präsent war.

          Gibt es Anzeichen für ein "neues" Publikum, also vor allem aus Asien?

          Annette Schönholzer: Im vergangenen Jahr haben wir mit dem Art Basel Committee Indien besucht und die dortige lebendige Kunstszene näher kennengelernt - wir konnten feststellen, dass mehr und mehr Galerien auf globaler Ebene eine Rolle spielen und immer mehr Sammler aus Indien zur Art Basel reisen. Wir haben in diesem Jahr fünf indische Galerien auf der Messe, mehr als je zuvor, und unsere VIP-Beauftragte berichtet aus Indien von Sammlern, die dieses Jahr erneut oder zum ersten Mal anreisen werden. Aber auch die lateinamerikanische Sammlerszene ist, nicht zuletzt dank der Art Basel Miami Beach, stark gewachsen, und mittlerweile kommen mehr und mehr Sammler aus diesen Ländern nach Basel.

          Rechnen Sie also überhaupt noch mit Auswirkungen der Krise - der im September 2008 ausgebrochenen oder auch der aktuellen im Euro-Raum?

          Marc Spiegler: Den Hotelbuchungen und Museumsgruppen-Anfragen zufolge ist die Krise nicht wirklich Thema. Auch bei unseren letzten Reisen konnten wir den Eindruck gewinnen, dass hohe Qualität nach wie vor einen starken Markt hat. Wenn wir außerdem mit unseren Galeristen sprechen und hören, welch spektakuläre Arbeiten sie bringen, und wenn wir gleichzeitig von unseren VIP-Beauftragten in der ganzen Welt und in unseren persönlichen Gesprächen mit Sammlern erfahren, wer alles zur Art Basel kommt, können wir nur optimistisch sein.

          Herr Spiegler, was macht eigentlich unsere gute alte "Blase"?

          Marc Spiegler: Die Blase ist nicht geplatzt, aber auf vernünftige Größe geschrumpft. Der Kern der Kunstwelt bleibt stabil und wächst in beständigem Rhythmus.

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