https://www.faz.net/-gyz-10sej

Frieze Art Fair 2008 : Einfach warten, bis sich der Nebel lichtet

  • -Aktualisiert am

Slow, slow, slow: Zum Auftakt der sechsten Frieze Art Fair in London war die Stimmung gedämpft. Dann kamen die ersten Verkäufe.

          Alle halten den Atem an. Bei Sadie Coles tanzen Bronze-Skelette der Künstlerin Liz Craft mit Blumenkränzen auf dem Schädel Ringelreihen. Zur aktuellen Frieze ist nur äußerlich alles beim Alten geblieben: 150 Galerien treten an im weißen Zelt im Regent Park, und sie werben ausschließlich mit Gegenwartskunst um die internationalen Kunden. Die bisherigen Schaukämpfe um einzelne Werke in den ersten Minuten scheinen aber passé. Es herrscht Ruhe im Schatten der Finanzkrise; die Stimmung ist angespannt. Die Messeleitung hat die Pressekonferenz abgesagt; warum, war nicht zu erfahren.

          Als die großen Galerien endlich erste Verkäufe melden, verbreiten sich die guten Nachrichten schnell. Hauser & Wirth aus New York hatten dann doch nach drei Stunden ihren Stand ausverkauft, darunter Bharti Khers Triptychon „I'm Going that Way“ für 300.000 Euro und Paul McCarthys „Mad House Red-Black“ für 375.000 Dollar; beide Arbeiten gingen an europäische Sammler. Auch David Zwirner, der aus New York gekommen ist, zeigt sich optimistisch und hält den Kunsthandel für stark; er habe gut verkauft. „Es stehen noch zwei große Dinge aus“, wenn die kommen, ist alles gut. Bei Zwirner hängt zum Beispiel Chris Ofilis Gemälde „Genuflect“ von 2006 für 400.000 Dollar.

          Stählerne Skulpturen von Anish Kapoor

          Ein Messe-Liebling ist Anish Kapoor, und er garantiert der Londoner Galerie Lisson stets gute Umsätze: Eine seiner gewölbten Stahlskulpturen war einem amerikanischen Sammler bei der Vernissage 875.000 Pfund wert. Und Nicholas Logsdail von Lisson verkündete kurz darauf, eine Million Pfund in den ersten Stunden eingenommen zu haben. Einen bleibenden Eindruck hinterlassen jedenfalls die monumentalen Drucke von Alora & Carlzadilla: Das Künstlerduo aus Puerto Rico setzt Fotos amerikanischer Soldaten während ihrer Freizeit an der Front im Irak erst in Holzschnitte und dann in bedrohliche Schwarzweißszenen um, wie auf „Intermission (Halloween Iraq I)“ (Auflage 3; 55.000 Euro).

          Kunstwerke unterhalb von 500.000 Dollar waren insgesamt beliebter, Spontankäufe selten und die Geduld der Galeristen mit Reservierungen auffällig. Eines der Krankenschwester-Motive von Richard Prince, diesmal eine „Heartbreak Nurse“, hatte zum Beispiel bei Gagosian nach einigen Stunden noch keinen Liebhaber gefunden (für 7 Millionen Dollar). Auch Experimentierfreude mit jungen unbekannten Künstlern wurde am Eröffnungstag wenig belohnt. Immer wieder hörte man besorgte Fragen: „Wie ist die Lage einzuschätzen?“ Die Antworten fielen sehr unterschiedlich aus - von „Das Ende naht“ bis „Der Kelch geht an uns vorüber, weil sich Qualität durchsetzen wird“.

          Dichtung zur Gegenwart

          Wieder andere hatten einen Zusammenbruch erwarten, und einer wurde lyrisch: „Wir müssen warten, bis sich der Nebel gelichtet hat.“ Die 24 deutschen Galerien stellen nach England die zweitstärkste Nation: Giti Nourbakhsch aus Berlin versucht es mit sperrigen Werken und lässt Karl Holmquist in seinem Video (2500 Euro) an der Außenwand murmeln: „Who said sending people off to prison was normal?“ Bei Nourbakhsch hieß es, man hoffe, dass sich die Verkäufe auf die gesamte Zeit der Messe verteilen, weil die Sammler jetzt eben überlegter handeln. Eine attraktive kleine Arbeit von Georg Herold aus dem Jahr 1989 hängt bei Bärbel Grässlin aus Frankfurt: Auf ein monochromes Gemälde hat er eine Reihe von Knöpfen genäht (16.000 Euro).

          Auf dem Tisch am Stand steht noch ein kleiner verspielter Franz West, eine weiße Scheibe am Spieß als Schmuckelement (1600 Euro). Unterdessen hatte Thaddaeus Ropac, Salzburg und Paris, Alex Katz' „Fashion 4-woman Vivien, Ada, Oona“ von 2008 und Anthony Gormleys „Stand II“ von 2006 (220.000 Euro) verkauft. Bei Ropac überzeugt auch „Canon #1“ (555.000 Euro), von Ilya und Emilia Kabakov im Jahr 2007 auf die fast drei mal zwei Meter große gerasterte Leinwand gebracht: Nur ein einziges Rechteck in diesem Raster ist mit einem düsteren subtilen Landschaftsmoment ausgefüllt, wie eine letzte fragmentarische Erinnerung.

          Weitere Themen

          Fans gedenken Michael Jackson Video-Seite öffnen

          Zehn Jahre nach dem Tod : Fans gedenken Michael Jackson

          Zehn Jahre nach seinem Tod ist er für sie immer noch ein Idol - trotz der Missbrauchsvorwürfe. Hunderte Menschen versammelten sich vor dem Forest-Lawn-Friedhof oder auf dem „Walk of Fame“ um dem „King of Pop“ zu gedenken.

          Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

          "Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

          Topmeldungen

          Der Fall Lübcke : Wie ein Bumerang

          In Wiesbaden und Berlin bestimmt der Fall Stephan E. die Tagesordnungen. Nicht nur die Frage nach dessen Bezügen zum NSU ist noch zu klären. Die Grünen beklagen eine „eklatante Analyseschwäche“ des Verfassungsschutzes.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.