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Fragebogen : Roger M. Buergel, Leiter der documenta 12

  • Aktualisiert am

Marcel Proust füllte den Fragebogen, der als Heraus- forderung an Geist und Witz ein beliebtes Spiel in den Pariser Salons und später dann in dieser Zeitung war, gleich zweimal aus. Wir beleben zur Art Basel die Tradition mit Fragen an Roger M.Buergel.

          2 Min.

          Als Roger M. Buergel im Dezember 2003 zum Leiter der documenta 12 ernannt wurde, die von Juni bis September 2007 stattfinden wird, war dies eine kleine Sensation in der internationalen Kunstszene. Denn nach Catherine David und Okwui Enwezor wurde mit dem 1962 geborenen Berliner diesmal kein etablierter Kurator oder Künstler nach Kassel berufen, sondern jemand, der sich zunächst an Orten wie Lüneburg, Hannover und Bremen profiliert hat, freilich durch intelligente Konzepte und mit viel Sinn für Ästhetik. Seit seiner Nominierung zum Leiter der weltgrößten Schau für Gegenwartskunst indes steht der „charismatischste Oberlippenbartträger der Kunstwelt“ (Monopol) unter permanenter Beobachtung.

          Roger M.Buergel, der in Wien Kunst und Philosophie studiert hat und dort seit 1983 auch lebt, ist Mitbegründer und Autor der Kunstzeitschrift „springerin“. Zudem eilt ihm der Ruf voraus, ein „Kulturbetriebverweigerer“ zu sein, weshalb es nur konsequent erscheint, wenn er angesichts des Kasseler Auftrags meint, keinesfalls einem „Welterklärungswahn“ zu erliegen. Vielmehr will Buergel erforschen, was schon die erste documenta im Jahr 1955 versucht hat: durch die ästhetische Negativität der Kunst den Zusammenhang zwischen Moderne und Gewalt zu zeigen. Während die Künstlerlisten bei den beiden vorigen Weltausstellungen bis zur letzten Sekunde als Verschlußsache gehandelt wurden, hat Roger M. Buergel schon jetzt einige seiner Künstler für Kassel vorgestellt - darunter den spanischen Starkoch Ferran Adria, den brasilianischen Bildhauer Ricardo Basbaum und den Polen Artur Zmijewski, der die Bach-Kantate „Jesu, der Du meine Seele“ mit Gehörlosen einstudiert hat.

          Drei Fragen stellt Buergel leitmotivisch seiner Ausstellung voran, weil sie, so der anthropologisch versierte Kurator, die Künstler elementar beschäftigen: Ist die Moderne unsere Antike? Was ist das bloß, Leben? Was tun? Wie diese Fragen zurückgespiegelt werden in künstlerischen Antworten aus den Ländern Afrikas, aus dem arabischen oder aus dem postsowjetischen Raum, das, so hofft Buergel, wird die documenta12 ausmachen.

          Was ist für Sie das größte Unglück?
          Die Evolution der Dummheit.

          Wo möchten Sie leben?
          Zwischen Büchern und Kindern.

          Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?
          Sexuelle Liebe.

          Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?
          Meine eigenen.

          Ihre liebsten Romanhelden?
          Der Teufel im Doktor Faustus.

          Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte?
          Eva.

          Ihre Lieblingsheldinnen in der Wirklichkeit?
          Meine Mitarbeiterinnen.

          Ihre Lieblingsheldinnen in der Dichtung?
          Suleika.

          Ihr Lieblingsmaler?
          Manet.

          Ihr Lieblingskomponist?
          Berg.

          Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten?
          Aufmerksame Gelassenheit.

          Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten?
          Ruhige Führung.

          Ihre Lieblingstugend?
          Duldsamkeit.

          Ihre Lieblingsbeschäftigung?
          Träumen.

          Wer oder was hätten Sie sein mögen?
          Die Frage verstehe ich nicht.

          Ihr Hauptcharakterzug?
          Hunger nach Schönheit.

          Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten?
          Deren Unterschiedlichkeit.

          Ihr größter Fehler?
          Den habe ich noch nicht begangen.

          Ihr Traum vom Glück?
          Die gelungene Form.

          Was wäre für Sie das größte Unglück?
          Daß sich die Lebensbedingungen auf der Erde absolut verschlechtern.

          Was möchten Sie sein?
          Inspiriert.

          Ihre Lieblingsfarbe?
          Neapelgelb.

          Ihre Lieblingsblume?
          Die (längst ausgestorbene) Schachbrettulpe.

          Ihr Lieblingsvogel?
          Gebratene Wachtel.

          Ihr Lieblingsschriftsteller?
          Amitav Gosh.

          Ihr Lieblingslyriker?
          Rabe'e Balkhi.

          Ihre Helden in der Wirklichkeit?
          Die wenigen guten Architekten.

          Ihre Heldinnen in der Geschichte?
          Die Mujeres libres dieser Welt.

          Ihre Lieblingsnamen?
          Die meiner Kinder.

          Was verabscheuen Sie am meisten?
          Schlechte Taxifahrer.

          Welche geschichtlichen Gestalten verachten Sie am meisten?
          Die Hilfsknechte der Bösewichter.

          Welche militärischen Leistungen bewundern Sie am meisten?
          Die Erfindung von Internet und E-Mail.

          Welche Reform bewundern Sie am meisten?
          Die Rechtschreibreform (haha).

          Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?
          Zu affizieren.

          Wie möchten Sie sterben?
          Bewußt.

          Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?
          Wach.

          Ihr Motto?
          „We are all faced with a series of great opportunities brilliantly disguised as impossible situations.“ (Charles R. Swindel)

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