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Die Fiac 2010 : Paris, Paris, wir fahren nach Paris

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Die Foire Internationale d'Art Contemporain - kurz Fiac - ist schon lange Frankreichs Zeitgenossen-Messe. Jetzt hat sie noch einmal richtig aufgerüstet im Grand Palais und in der Cour Carrée: Paris ist der Marktplatz der Stunde.

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          Vor zehn Jahren wurde die Fiac beinahe totgesagt, heute steht die Pariser Messe für zeitgenössische Kunst strahlender vor ihrem Publikum als je zuvor. Insgesamt 190 Galerien aus 24 Ländern verteilen sich auf den Grand Palais und die Cour Carrée des Louvre. Gut zwei Drittel der Aussteller kommen aus dem Ausland; Deutschland ist mit 22 Galerien die stärkste ausländische Delegation, gefolgt von den Vereinigten Staaten mit 21 Händlern.

          Die Messeleiterin Jennifer Flay, seit dem Sommer alleine verantwortlich, hat ihre Aufgabe mit Bravour bewältigt und eine rigorose Auswahl vorgenommen. Der geschäftliche Erfolg der Fiac 2009 hat ihr dabei in die Hände gespielt: Denn nicht zuletzt die amerikanischen Galerien suchen jetzt ihr Glück auf dem relativ krisenfesten kontinentaleuropäischen Markt.

          Die Sammler aus Frankreich und auch aus den Nachbarländern Belgien, Deutschland, Luxemburg und der Schweiz gelten als zuverlässige Stammkundschaft der Messe. Zur Eröffnung war eine Begeisterung zu spüren wie schon lange nicht mehr - fast bekam man den Eindruck, es sei eine neue Zeit angebrochen. Die Teilnahme - und Ankunft in Paris - des Kunsthändlers Larry Gagosian ist dafür mehr Wirkung als Ursache.

          Denn der Pariser Markt, lange Zeit stark auf sich selbst konzentriert, hat sich geöffnet und emanzipiert. Die Fiac hat das Selbstbewusstsein wiedererlangt, das ihr nach der Krise der frühen neunziger Jahre abhandengekommen war. Sicherlich hat es auch damit zu tun, dass der Grand Palais als Ausstellungsort neue Attraktivität gebracht hat.

          Die Messe ist in diesem Jahr weniger von den Meisterwerken der Klassischen Moderne, wie noch 2009, als von einem weitgehend anspruchsvollen Spektrum der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und einigen Stars der Gegenwart geprägt. Gagosian gibt seinen Einstand mit der eigenwilligen Mischung von Frauenbildnissen von Picasso bis Richard Prince, seltsamerweise ohne Beschreibungen. Bei Henze & Ketterer aus Wittrach/Bern hängt das mindestens ebenso attraktive „Bildnis Naila“ von Max Beckmann aus dem Jahre 1934.

          Piero Manzonis „Base magica-Scultura vivente“

          Die junge Frau mit grünblauen Augen ist die Ökonomiestudentin Hildegard Melms, mit der Beckmann zwischen seinen beiden Ehen liiert war (19 Millionen Euro). Karsten Greve aus Köln/Paris hält mit einer farbenprächtigen und kraftvollen „Vertical Composition“ von Jackson Pollock aus den Jahren 1953 bis 1955 eine Rarität - zumal auf dem Pariser Markt - bereit (2,5 Millionen Euro).

          Bei Michael Werner aus New York/London warf der Direktor des Centre Pompidou, Alfred Pacquement, sehnsüchtige Blicke auf eine kleine Holzpyramide mit aufgenagelten Filzsohlen von Piero Manzoni: Der Preis von drei Millionen Euro für „Base magica-Scultura vivente“ von 1961 übersteige jedoch den Ankaufsetat des Museums. Der Maler Hans Hartung steht bei der New Yorker Galerie Cheim & Read im Mittelpunkt. Das Gemälde „T1988-E20 1988“, eine lichtvolle abstrakte Komposition, ist mit 280.000 Euro beziffert.

          Ein Kubus ausgestopften Wilds

          Die zahlreichen raumgreifenden Installationen unter der Kuppel des Grand Palais lassen auf Optimismus schließen: Kewenig aus Köln scheute nicht die Mühe, ein Iglu von Mario Merz - „Albero Grande Solitario“ von 1995 - aus Eisen, Glas, Steinen und unzähligen Reisigzweigen aufzubauen (1,3 Millionen Euro). Kamel Mennour aus Paris füllt seine Koje mit einer riesenhaften Glasfaser-Schnecke von Anish Kapoor mit dem Titel „Slug“ von 2009 für 1,8 Millionen Euro, und Sprüth Magers aus Berlin widmet den Gemälden und Objekten von Karen Kilimnik und den Boxen Joseph Cornells einen von Todd Levin kuratierten Raum.

          Die Gemälde von Kilimnik kosten zwischen 80.000 und 175.000 Euro, die Boxen von Joseph Cornell bis zu 675.000 Euro. Wenig appetitlich zwar, aber umso mehr die Aufmerksamkeit auf sich ziehend, prunkt bei David Zwirner aus New York ein kompakter Kubus ausgestopften Wilds von Adel Abdessemed mit dem Titel „Taxidermia“ (280.000 Euro). Bei Thaddaeus Ropac aus Salzburg/Paris hielt eines der jüngsten Ölgemälde von Georg Baselitz sein im Titel enthaltenes Versprechen: „Glaube versetzt Berge“ wurde gleich zur Eröffnung für mehr als 400.000 Euro verkauft.

          Intuitiv gezeichnete Stadtpläne

          In der Cour Carrée des Louvre, wo sich die jüngeren Galerien einfinden, sind auch manche Klassiker zu finden. Die vor wenigen Jahren in Saint-Etienne, Paris und Luxemburg eröffnete Galerie Bernard Ceysson kann mit einem Werk von Claude Viallat aufwarten, das die Bewegung „Support Surface“ begründete. Die mit einfachen Formen bedruckte, nicht aufgespannte Leinwand ist als „Sans titre (n°001/1967)“ ausgezeichnet und mit 100.000 Euro noch erschwinglich. Bei vielen Arbeiten lässt sich ein Bezug zu unserer Zeit herstellen. So kann man sich vorstellen, dass die flachen weißen Steine im Bücherregal von Stéphane Thidet (35.000 Euro) bei Aline Vidal aus Paris irgendwann als Speichermedien die Bücher ersetzen.

          Katie Holten hat am Stand Van Horn aus Düsseldorf die Stadtpläne von Prag und Paris aus dem Gedächtnis mit Tusche als zarte und lebendige Gewebe gezeichnet und sich im Zeitalter allgegenwärtiger Navigationsgeräte auf die intuitive Ortskenntnis verlassen (4000 Euro). Xippas aus Paris legt das von Philippe Ramette geschaffene Material für eine lebensgroße Marionette aus (35.000 Euro). Jeder kann dort in die Rolle der Marionette schlüpfen. Offen bleibt, wer an den Fäden zieht.

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