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Kunstmesse : Der Optimismus ist nicht ganz verflogen

SP Arte heißt die Messe für moderne Kunst in São Paulo. Sie findet gerade zum zwölften Mal statt. Der Markt in Brasilien kämpft mit der politischen und wirtschaftlichen Krise.

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          Das zwölfte Jahr ist ein kritisches für die SP Arte. In den vergangenen Monaten lag der brasilianische Kunstmarkt nahezu brach. Galerien berichteten dem Magazin „Artsy“ über Verkaufseinbrüche von dreißig bis fünfzig Prozent. Einige kleinere Galerien mussten schließen, und die Londoner Galerie White Cube gab nach drei Jahren ihre Dependance in São Paulo auf. „Vor einem Jahr dachten noch alle, die Krise sei in einem halben Jahr vorbei“, erzählt Marie-Catherine Vogt von der Galerie BlainSouthern London/Berlin, die für Ausstellungen ihrer Künstler oft nach Brasilien kommt, „aber nun merkt man, dass sie richtig tief sitzt.“ Die Welt hatte bis vor drei Jahren auf den durch die Reformen der Arbeiterpartei beförderten Wirtschaftsboom geblickt, von dem auch der Kunstmarkt profitierte. Jetzt ist die brasilianische Wirtschaft auf Talfahrt, das politische System durch das Amtsenthebungsverfahren gegen Präsidentin Rousseff im Schwebezustand. Zunehmend offen hörbar ist der Wunsch, die Uhr ein Stück zurück in Richtung Militärdiktatur zu drehen.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Vor diesem Hintergrund sind die beiden handgemachten brasilianischen Fahnen zu betrachten, die der 31 Jahre alte Jaime Lauriano aus São Paulo am Stand der Galeria Leme zeigt; eine hat seine Mutter gehäkelt, die andere seine Großmutter. Insgesamt sechs Menschen hat Lauriano gebeten, auf diese Weise das Nationalsymbol in die eigene Hand zu nehmen; 3560 Euro kosten die feinen Arbeiten umgerechnet. Am anderen Ende der Palette findet sich bei der 1972 gegründeten DAN Galeria ein fünf mal drei Meter großes, farbenprächtiges Gemälde der Brasilianerin Beatriz Milhazes von 2010. Es prangt als Eyecatcher unter den geschwungenen Balkonen von Oscar Niemeyers Biennale-Pavillon und ging am ersten Tag für rund vier Millionen Dollar an einen Brasilianer. Ein im Voraus geplanter Deal; jede Messe kennt solche Signale, SP Arte braucht sie besonders. „Die Krise spielt durchaus eine Rolle“, sagt auch Direktorin Fernanda Feitosa, „Sammler denken zwei-, dreimal nach, bevor sie kaufen.“ Feitosa kündigte 2005 ihren Anwaltsjob bei JP Morgan und gründete die Messe, ihr Mann leitet das Kunstmuseum MASP.

          Der direkte Austausch mit den Kunden

          Die größte Erfolgsgeschichte bietet die sechs Jahre alte Galerie Mendes Wood DM, in deren von Pflanzen umranktem Pavillon in einem Hinterhof des wohlhabenden Viertels Jardins internationale Sammler und Kuratoren ein und aus gehen. Die drei jungen Direktoren setzten von Anfang an auf zahlreiche Kooperationen mit ausländischen Galerien; auf der Messe verblüffen sie mit ihrem Gemeinschaftsstand mit Michael Werner. Dort steht etwa eine fragile Skulptur mit einem geköhlerten Ast und Kartonflügel des Brasilianers Adriano Costa (bereits verkauft) einer „Standart“-Kartonarbeit von A.R.Penck aus dem Jahr 1972 gegenüber, und eine informelle Eisenskulptur des Malers und Bildhauers Paulo Monteiro, der gerade in die Sammlung des MoMA in New York einging, findet sich neben einem Gemälde von Markus Lüpertz; Lüpertz’ Werk war für Monteiro und die isolierte Kunstszene in São Paulo in den Achtzigern wichtig. Das Ganze aufgepeppt mit Pin-up-Gemälden Picabias. In Zusammenarbeit mit Werner eröffnet Mendes Wood DM gerade die erste brasilianische Galerieschau von James Lee Byars in Brasilien.

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